# taz.de -- Bundesregierung zu EU-Plänen: Beim Klimaschutz „einen Gang runterschalten“
> Die Bundesregierung hat die Aufweichung von Verbrenner-Aus und
> Flottengrenzwerten besiegelt. Die deutsche Umwelthilfe spricht von einem
> „klimapolitischen Desaster“.
(IMG) Bild: Verbrenner-Aus war gestern
Die schwarz-rote Koalition will beim europäischen Klima- und Umweltschutz
im Autobereich „einen Gang runterschalten“ und „weiter fossile Verbrenner
ermöglichen“. Sonst drohe Deutschland „den Mobilitätssektor wettbewerblich
zu verlieren – inklusive zehntausender Arbeitsplätze“. So steht es im
Koalitionspapier zur deutschen Haltung zur Lockerung des
Verbrennerverkaufsendes im Jahr 2035 und zu den aufgeweichten
Emissionsgrenzwerten für Autohersteller auf EU-Ebene. Eher ein Nebenaspekt
im Vergleich zum viel kritisierten [1][Tankrabatt] für zwei Monate im
selben Papier, der am Montag verkündet worden war.
Für Umweltverbände jedoch ein besonders schädlicher Aspekt. Von einem
„klimapolitischen Desaster“ spricht die Deutsche Umwelthilfe (DUH), weil
die Koalition nicht nur mit Steuermitteln die Preise für fossile
Kraftstoffe senke, sondern auch noch den Umstieg auf die E-Mobilität
erschwere. Die in dem Koalitionspapier fixierte Abkehr vom Verbrenner-Aus
auf EU-Ebene findet die DUH „angesichts der aktuellen Ölkrise besonders
absurd: So sollen klimaschädliche Plug-in-Hybride mit mehreren hundert PS
starken Verbrennungsmotoren schöngerechnet werden“.
Deutschlands Haltung in Brüssel werde „die Umstellung von Europas
Automobilindustrie zu vollelektrischen Fahrzeugen lediglich verzögern – und
damit den Abstand zu China vergrößern“, kritisierte die Verkehrs-NGO
[2][Transport & Environment] (T&E) am Dienstag. Die Bundesregierung sei
gegenüber den Forderungen der Autolobby eingeknickt. Es sei skandalös, dass
sie sich „trotz Ölkrise für Verbrenner einsetzt, obwohl das Kaufinteresse
an E-Autos aktuell hoch ist“.
Nach Berechnungen von T&E würde der europäische Autoverband ACEA mit seinen
Forderungen erreichen, dass der Anteil der E-Auto-Verkäufe in der EU 2035
nur 52 statt der bislang angestrebten 100 Prozent („Verbrenner-Aus“)
betragen würde. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr war [3][fast jeder
fünfte in Deutschland verkaufte Neuwagen] ein reines Elektroauto. Die
Forderungen der Autolobby würden laut T&E von 2026 bis 2035 außerdem
zusätzliche Ölimporte für 74 Milliarden Euro verursachen – und die
CO₂-Emissionen im Verkehrssektor deutlich erhöhen.
## Hybridfahrzeuge sollen für Hersteller attraktiv bleiben
So weit wie die Autoindustrie gehen Bundesregierung und EU-Kommission in
ihren Positionen nicht. Im Dezember hatte die Kommission vorgeschlagen,
dass die Neuwagenflotten der Hersteller nach 2035 nur noch 90 Prozent der
CO₂-Werte von 2021 ausstoßen dürfen. Die restlichen 10 Prozent sollen über
CO₂-arme Kraftstoffe sowie grünen Stahl erbracht werden. Der
Autolobbyverband ACEA hatte eine weitere Absenkung auf 80 Prozent
gefordert.
Allerdings fordert die Koalition in ihrem Papier, dass Hybridfahrzeuge für
die Hersteller attraktiv bleiben sollen. Der Weg dafür ist, den sogenannten
Utility-Faktor ab 2027 auszusetzen. Er gibt an, welchen Anteil je 100
Kilometer Strecke ein Plug-in-Hybrid durchschnittlich von seiner Batterie
versorgt zurücklegt. Der Utility-Faktor soll nach den Plänen der Kommission
2026 und 2027 sinken: Konsequenz wäre, dass die Hersteller mehr
batterieelektrische Autos zulassen müssen, um die Flottengrenzwerte
einzuhalten.
Zu strikt, finden die Koalitionsparteien. Laut Union und SPD sollen die
Hersteller mehr Spielraum für Plug-ins zwischen 2030 und 2035 bekommen.
Hersteller, die in einem Jahr die CO₂-Ziele übertreffen, sollen so ihre
Einsparungen „banken“ können, um sie in späteren Jahren zu nutzen. Ziel ist
es, den Herstellern größere Spielräume beim Erreichen der Flottengrenzwerte
zu geben – und Strafzahlungen in Milliardenhöhe zu vermeiden.
Dagegen lehnt das Koalitionspapier Elemente ab, die die Elektromobilität
besonders fördern: die sogenannten Supercredits zum Beispiel, Zuschläge bei
den Flottengrenzwerten für besonders kleine E-Autos mit weniger als 4,20
Meter Länge. Die Bundesregierung positioniert sich auch gegen den Vorschlag
der EU-Kommission, Unternehmen zu einem Mindestanteil von emissionsfreien
Fahrzeugen in ihren Fuhrparks zu verpflichten.
## Kritik aus Teilen der SPD
Das sehen auch Teile der SPD kritisch: „Als europäische Sozialdemokraten
werden wir uns weiterhin für starke Impulse bei den Unternehmensflotten
einsetzen“, sagt der sozialdemokratische EU-Abgeordnete und Koordinator im
Umweltausschuss des Europaparlaments, Tiemo Wölken (SPD). Der Vorschlag sei
ein zentrales Instrument, um die Nachfrage nach E-Autos zu stärken, so
Wölken.
Auch in der SPD-Bundestagsfraktion ist die Koalitionseinigung zum
EU-Autopaket, bei der die Sozialdemokraten teilweise zurückstecken mussten,
umstritten: Die Elektromobilität erhalte damit „einen Dämpfer statt des
benötigten Boosters“, erklärten die energiepolitische Sprecherin Nina
Scheer, die verkehrspolitische Sprecherin Isabel Cademartori und der
Klimaexperte Jakob Blankenburg in einer gemeinsamen Stellungnahme.
„Eine faktische Verlängerung für fossil betriebene
Kraftfahrzeugzulassungen“ wirke „nachhaltiger Mobilität entgegen“, heißt es
weiter. „Wer in diesem Bereich nun einen Gang runterschaltet und weiter
fossile Verbrenner ermöglicht, droht den Mobilitätssektor wettbewerblich zu
verlieren – inklusive zehntausender Arbeitsplätze.“
Die Verhandlungen sollen im Sommer in Brüssel abgeschlossen werden.
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) äußerte sich bis zum
Redaktionsschluss nicht auf eine Anfrage der taz.
15 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Entlastungen-bei-den-Energiepreisen/!6170173
(DIR) [2] https://www.transportenvironment.org/te-deutschland/articles/neue-t-e-berechnungen-forderungen-der-autoindustrie-koennten-eu-zusaetzlich-74-milliarden-euro-fuer-oelimporte-kosten
(DIR) [3] https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/autos-neuzulassungen-deutschland-kba-100.html#:~:text=Ein%20Lichtblick%20waren%202025%20die,Kann%20die%20Politik%20helfen?
## AUTOREN
(DIR) Kai Schöneberg
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