# taz.de -- Forscherin über Neutralitätsdebatte: „Ein Angriff auf zivilgesellschaftliche Räume“
       
       > Der Ruf nach Neutralität dient Rechten als Waffe gegen antifaschistische
       > Bildung, sagt die Bildungsforscherin Jana Sämann. Ein Gespräch über den
       > neuen Kampfbegriff.
       
 (IMG) Bild: Zivilgesellschaftliches Engagement: SchülerInnen protestieren in Berlin gegen den Besuch der AfD-Politikerin Beatrix von Storch
       
       taz: Sie vertreten die These, dass [1][„Neutralität“] zunehmend als
       politische Waffe von rechts eingesetzt wird. Können Sie das an einem
       konkreten Beispiel aus Ihrer Arbeit in der Jugendarbeit erläutern? 
       
       Jana Sämann: Ein typisches Beispiel wäre eine Veranstaltung im
       Jugendzentrum zur lokalen extrem rechten Szene, in der auch über
       Verbindungen zur AfD informiert wird. Vertreter*innen [2][der AfD]
       kritisieren solche Veranstaltungen häufig als einseitige Agitation. Die
       kritische Auseinandersetzung mit der extremen Rechten wird dann als „links“
       markiert und über den Vorwurf mangelnder Neutralität delegitimiert. Ähnlich
       läuft es bei politischen Diskussionsrunden. Wenn die AfD – aus welchen
       Gründen auch immer – nicht beteiligt wird, wird das häufig als
       antidemokratische Praxis skandalisiert. Diese Vorwürfe werden dann sehr
       öffentlich ausgetragen. Klassischerweise geschieht das in Parlamenten, etwa
       in Form von Kleinen Anfragen oder Anträgen.
       
       taz: Grundsätzlich ist das doch aber auch das gute Recht der Abgeordneten,
       oder? 
       
       Sämann: Natürlich. Aber der Duktus dieser Fragen ist stark insinuierend. Es
       wird sehr deutlich der Eindruck erweckt, dass unzulässige Praktiken [3][von
       Bildungsarbeit] oder von öffentlicher Positionierung stattfinden. Dabei
       existieren zahlreiche Klarstellungen aus Politik, Zivilgesellschaft,
       Fachpraxis und Rechtswissenschaften, die zum Schluss kommen, dass eine
       pauschale Neutralitätsverpflichtung in der politischen Bildung und der
       Jugendarbeit nicht besteht – insbesondere im Bereich freier Trägerschaft.
       
       Dennoch wird dieses Argumentationsmuster immer wieder aufgegriffen und die
       Debatte, wider besseres Wissen, neu entfacht. Dadurch wird nicht nur die
       Legitimität der Akteur*innen in Frage gestellt, auch ihre Inhalte und
       Positionen. Ich würde das als Versuch lesen, Deutungshoheiten zu
       verschieben und eigene Politiken durchsetzungsfähiger zu machen.
       
       taz: Wenn es ein pauschales Neutralitätsgebot gar nicht gibt, worauf
       berufen sich die Politiker*innen dann? 
       
       Sämann: Aus dem allgemeinen Gleichheitssatz und den Rechten politischer
       Parteien im Grundgesetz leitet sich ein staatliches Neutralitätsgebot ab:
       Es verpflichtet staatliche Hoheitsträger*innen, Parteien im Wettbewerb um
       politische Meinungsbildung grundsätzlich gleich zu behandeln. Dieses Gebot
       ist ein wichtiges Schutzrecht der parlamentarischen Demokratie. Es wird
       jedoch unzulässig ausgeweitet. Das Empfangen staatlicher Fördermittel
       verpflichtet nicht zu denselben Neutralitätsanforderungen wie staatliche
       Hoheitsträger*innen.
       
       Hinzu kommt eine weitere absichtliche Fehlinterpretation: Staatliche
       parteipolitische Neutralität wird dann als Wertneutralität ausgelegt. Als
       solche ist sie nicht gedacht.
       
       Ein Beispiel wäre hier die Rechtsprechung zu Äußerungen von [4][Malu
       Dreyer]. Nach der CORRECTIV-Recherche zum sogenannten Potsdamer Treffen
       rief sie über die Social-Media-Kanäle ihres Amtes zur Teilnahme an den
       zivilgesellschaftlichen Protesten auf. Der Verfassungsgerichtshof
       Rheinland-Pfalz stellte hierin 2025 zwar eine Neutralitätsverletzung fest,
       bewertete sie jedoch als gerechtfertigt, weil höherrangige demokratische
       Schutzgüter betroffen waren. Neutralität bedeutet also nicht, dass man sich
       nicht kritisch verhalten dürfe, wenn grundlegende demokratische Werte
       infrage gestellt werden.taz: Nach der Abstimmung von CDU und AfD im Januar
       2025 gab es sehr große Demonstrationen. Die Union reagierte darauf mit
       einer [5][Anfrage zur Finanzierung] staatlich geförderter Organisationen.
       Schlägt das in die gleiche Kerbe?
       
       Sämann: Das Muster ist sehr ähnlich. Die Unionsparteien fragen, inwieweit
       sich gemeinnützige Vereine – insbesondere, wenn sie öffentliche Gelder
       erhalten – politisch äußern dürfen, ohne ihren Gemeinnützigkeitsstatus zu
       gefährden. Gleichzeitig wird durch Verweise auf Presseberichte insinuiert,
       manche Stimmen sähen in NGOs eine Art Schattenstruktur, die mit staatlichen
       Geldern indirekt Politik betreibe. Das greift ein
       verschwörungsideologisches Narrativ auf. Es ist irritierend, wie
       selbstverständlich solche Deutungen übernommen werden.
       
       taz: Zurück zur Jugendarbeit: Haben solche Anfragen und Debatten Folgen für
       die Betroffenen? 
       
       Sämann: In der Jugendarbeit wird diese Neutralitätsanrufung vielfach
       zurückgewiesen. Unklar ist jedoch, inwieweit diese Einschätzung auch von
       Dritten anerkannt wird. Fachkräfte sind deshalb häufig damit beschäftigt,
       ihre Praxis nicht nur zu erklären, sondern auch zu legitimieren. Studien
       zeigen, dass dies bei vielen zu Verunsicherung führt – besonders in
       Projekten, die von öffentlicher Förderung abhängen.
       
       taz: Gibt es Möglichkeiten, sich zu wehren? 
       
       Sämann: Weil wir es hier weniger mit einem Missverständnis als mit einer
       strategischen Instrumentalisierung zu tun haben, wird es schwierig, dem
       allein mit Wissen oder Aufklärung zu begegnen. Wer in solchen Situationen
       Neutralität einfordert, ist häufig gar nicht an einer sachlichen Debatte
       interessiert, sondern nutzt die öffentliche Bühne, um politische
       Gegner*innen anzugreifen.
       
       Wichtig ist deshalb eine solidarische Verständigung im Feld. In der
       Jugendarbeit hat sich lange gezeigt, dass Neutralitätsanrufungen vor allem
       Projekte mit emanzipatorischen, queeren, antifaschistischen,
       antirassistischen oder postmigrantischen Perspektiven treffen. In solchen
       Situationen ist es entscheidend, dass sich das ganze Feld betroffen fühlt –
       nicht, weil einzelne Akteur*innen ein Problem haben, sondern weil es um
       einen Angriff auf professionelle Autonomie und auf zivilgesellschaftliche
       Räume für demokratischen Dissens und Kritik geht.
       
       taz: Passiert so etwas auch in anderen Ländern, oder ist dieser Fokus auf
       ‚Neutralität‘ eine Besonderheit des deutschen Diskurses? 
       
       Sämann: Den grundlegenden Versuch, zivilgesellschaftliche Bildungsakteure
       zu delegitimieren, können wir europaweit beobachten, ebenso den Angriff auf
       spezifische Theoriebestände etwa der Gender Studies oder Critical Race
       Theory. Der Vorwurf lautet dann Ideologie oder Indoktrination. Dieser Fokus
       auf den Begriff „Neutralität“ scheint mir eine deutsche Variante dieses
       Musters zu sein, auch im Rekurs auf das staatliche Neutralitätsgebot.
       
       taz: Wenn nichts neutral ist – wie verhindert man dann, dass beispielsweise
       extrem rechte Lehrer*innen oder Organisationen sich darauf berufen
       können? 
       
       Sämann: Ich würde die Kritik an Neutralitätsentwürfen nicht als
       Aufforderung lesen, zu sagen: Wenn nichts neutral ist, ist alles egal. Es
       braucht ja immer eine Verständigung darüber, welche Positionen als
       verhandelbar gelten und welche nicht. Grenzen müssen dort gezogen werden,
       wo Positionen die Voraussetzungen demokratischer Aushandlung selbst
       angreifen. Das betrifft etwa die Menschenwürde, Menschenrechte, die
       Gleichheit vor dem Gesetz, freie Meinungsbildung oder den Schutz von
       Minderheiten. Wenn diese Grundlagen zur Disposition gestellt werden,
       erodiert Demokratie.
       
       16 Apr 2026
       
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