# taz.de -- Ausstellung „Queere Kunst in der DDR“: Sie gehörten zur Familie
       
       > Doch es gab sie: „Queere Kunst in der DDR“. Eine Berliner Ausstellung
       > füllt Lücken in der Kunstgeschichte und erzählt von filmreifen
       > Lebenswegen.
       
 (IMG) Bild: Es kommt darauf an, wie man sie anschaut. Jürgen Wittdorf: „Jugend und Sport, Freundschaftsfoto“, 1964
       
       Jürgen Wittdorf muss man sich als charmanten Menschen vorstellen. Eines
       Tages, es muss 15 Jahre her sein, sagte er „Hallo, sind Sie nicht …?“ und
       bezog sich auf ein Portfolio seiner Arbeiten in dem schwulen Magazin, das
       ich seinerzeit verantwortete. Wittdorf verwickelte fortan meinen Mann und
       mich gern in eine Plauderei, wenn er uns samstags in einer queeren
       Gastwirtschaft am Boxhagener Platz, einem beliebt-belebten Ort in
       Berlin-Friedrichshain, sitzen sah. Wittdorf wohnte ums Eck, wir auch. Am
       Ende stellte sich heraus, dass der Schnauzbartträger (wilhelminischen
       Ausmaßes) Akquise betrieb: „Könnte ihr junger Mann nicht mal Modell für
       mich stehen?“
       
       In Berlin sind derzeit Bilder von Wittdorf im Rahmen der famosen
       Ausstellung „Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und
       Propaganda“ zu sehen. Neun Künstler:innen stehen mit ihren „oft
       widersprüchlichen, teils filmreifen Lebenswegen“ ebenso wie ihre
       künstlerischen Arbeiten im Fokus: Gemälde, Fotografien, Grafiken,
       Skulpturen, Keramiken und Installationen.
       
       [1][Jürgen Wittdorf] (Jahrgang 1932) hätte diese späte Würdigung seines
       Schaffens hocherfreut; er ist 2018 verstorben. In seinen letzten
       Lebensjahren war er weithin unbekannt, eine Zweiraumwohnung war ihm als
       Ausstellungsfläche geblieben. Dort drängten sich seine Bilder dicht an
       dicht (so wie sie jetzt auch zum Teil in der Ausstellung hängen). Er
       verschenkte seine Arbeiten gern oder verkaufte sie, um seine schmale Rente
       aufzubessern. Seine größte Angst war, dass alles „auf dem Sperrmüll landet,
       wenn ich mal tot bin“, hatte er mal erzählt. Nun, es kam anders, sein
       künstlerisches Œuvre wurde gerettet. Eine wundersame Wiederentdeckung.
       
       ## Auf vier Standorte verteilt
       
       Mit der auf vier Standorte verteilten Ausstellung richtet Stephan Koal die
       Aufmerksamkeit auf ein bislang unzureichend erforschtes Kapitel der
       deutschen Kunst- und Zeitgeschichte. „Im Zentrum stehen künstlerische
       Positionen“, wie der Kurator im Katalogvorwort schreibt, „die sich unter
       den gesellschaftlichen, ideologischen und politischen Bedingungen des
       sozialistischen Staates entwickelten. Sexualität und künstlerisches
       Schaffen stehen dabei in ganz unterschiedlichen, teils offenen, teils
       verdeckten Zusammenhängen.“
       
       Dorothea von Philipsborn zum Beispiel, Jahrgang 1894, gehört einer
       Generation an, die gelernt hatte, den Mund zu halten. Sexualität war
       Privatsache, ja, musste es sein, und war eine Frage des Überlebens. In den
       1920er Jahren erhielt sie erste Aufträge für Skulpturen und konnte nach
       1945 ihre Karriere in der DDR fortsetzen, ihren Lebensunterhalt und den
       ihrer Gefährtinnen sichern.
       
       Ihre Skulpturen porträtieren starke Frauen bei der Arbeit („Wäscherin“,
       1957) oder in der Freizeit: „Ein junges Mädchen unserer Zeit (Die Kesse)“
       strotzt vor Selbstbewusstsein. Im [2][Kunstverein Ost] steht die „kesse“
       Skulptur von 1964 in Sichtachse zu einem für Jürgen Wittdorf ungewohnt
       bunten Aquarell, das während einer Reise in die Sowjetunion 1962 entstand,
       eine Strandszene mit jungen Männern und einer Frau, die farblich und
       figürlich hervorsticht.
       
       Im direkten Vergleich ist zu erkennen: Wittdorf konnte Jungs besser
       zeichnen, so wie Dorothea von Philipsborn ein Faible für Frauenkörper
       hatte, ihre weiblichen Akte und gleichgeschlechtlichen Paare, die sich
       körperlich nah sind, zeugen davon.
       
       „Mit streng zurückgekämmtem Haar, Brille und ernsthaftem Gesichtsausdruck
       setzt sie in ihrer Selbstinszenierung auf ‚maskuline‘ Posen – wie viele
       Künstlerinnen ihrer Generation“, schreibt Birgit Bosold im Katalog. „Was
       zumeist ausschließlich als Akt weiblicher Selbstbehauptung in einer
       männlich dominierten Kunstwelt (miss-)verstanden wird, kann aber auch als
       queere Positionierung gelesen werden, ist doch die Figur der z‚männlichen
       Frau‘ einer der wirkmächtigsten Marker weiblich-queeren Begehrens.“
       
       Wittdorfs Holzdruck „Unter der Dusche“ zeigt sieben durchtrainierte Körper
       nackt und ganz unverfänglich, keine Berührungen, geschweige denn
       Blickkontakte. Alles hängt wie immer davon ab, wer schaut und wie das – nun
       ja: sexy – Bild gelesen wird. So gesehen, hat es queere (oder wie es im
       Zeitkontext jener Jahre heißen müsste: schwul-lesbische) Kunst in der DDR
       gegeben. Natürlich. Nur eben geheim, verborgen, codiert.
       
       ## Politisch und gesellschaftlich stigmatisiert
       
       Obwohl in der DDR (anderes als in der BRD) [3][Homosexualität nach und nach
       entkriminalisiert wurde] – das lässt sich in einem die Ausstellung
       begleitenden Zeitstrahl nachlesen –, blieb sie politisch und
       gesellschaftlich stark stigmatisiert.
       
       Jürgen Wittdorf übrigens hätte mit dem Label queer sicher nicht viel
       anfangen können. Noch zu Lebzeiten benutzte er selbst das Wort schwul nur
       ungern. Wenn er wissen wollte, ob jemand auch auf Männer steht, fragte er
       lieber: Gehörst du zur Familie?
       
       Zur Familie gehört auch [4][Andreas Fux] (1964 geboren), der weder mit dem
       Begriff schwul oder mit dem Wort queer ein Problem haben dürfte. Der
       Berliner Fotograf hat sich nach der Wende einen Namen gemacht mit Serien
       wie „Die süße Haut“ (1995–2005) über die Tattoo-, Branding- und
       Piercingszene, also Schmerz als Fetisch und Grenzüberschreitungen aller
       Art.
       
       Und das ist eine Neuentdeckung: Seit 1983 zog Fux, „ein ursprünglich zum
       Elektromonteur ausgebildeter Fotograf“, wie es so schön im Katalog heißt,
       mit seiner Kamera durch Berlin. Wie ein Ethnologe. Seine Schwarzweißfotos
       zeigen einen Alltag in der Hauptstadt der DDR, der auch leicht (und nicht
       nur muffig oder ideologisch überformt) sein konnte.
       
       Fux streifte durch die Subkultur und dokumentierte, was es im
       sozialistischen Staat eigentlich nicht geben sollte. Er fand Popper und
       [5][Punks] und – natürlich – hübsche Typen in kurzen Höschen. Hat betörende
       Porträts von jungen Männern fotografiert, bestes Gay Men Posing, und Akte.
       Verdienstvoll hat sich Kurator Stephan Koal zusammen mit Andreas Fux durch
       dessen Archiv gearbeitet. „Ordner für Ordner voller Kontaktabzüge“, sagt
       Koal. Aus 300 ausgewählten Fotos haben es rund 100 in die Ausstellung
       geschafft. Eigentlich viel zu wenig.
       
       Ein Clou ist zudem mit der Wiederentdeckung des Œuvres von Jochen Hass
       (1917–2000) gelungen. Er arbeitete von Beginn an nicht nur figürlich,
       sondern abstrakt – das war Staat und Partei ein Dorn im Auge. Seit Anfang
       der 1950er entwickelt er seinen Stil im privaten Rahmen weiter, stellt bei
       sich zu Hause seine Bilder voller emotionaler Uneindeutigkeiten aus und
       verdiente seinen Unterhalt lange Jahre als Oberkonservator in der
       Denkmalpflege. Erst 1983 gab es eine erste Ausstellung seiner Bilder im
       Berlin Dom.
       
       ## Männlich gelesener Habitus
       
       Und mit Superlativen ist das so eine Sache. Aber Rita „Tommy“ Thomas
       (1932–2018) ist eine kleine Sensation. Keine Künstlerin an sich, doch ihre
       Fotos sind von hohem Wert, weil hier sichtbar wird, wie Freiräume gesucht
       und gefunden wurden. Tommy hat sich immer wieder selbst in Szene gesetzt –
       in männlich gelesenen Habitus. Mit Elvis-Tolle, mit Trenchcoat, auf dem
       Motorrad, meist in lässigen Posen und oft mit Hunden.
       
       Denn Tommy arbeitete als Hundefriseurin und Tiertrainerin und stellte ihre
       Wohnung für Zusammenkünfte bereit, auch dort entstanden Fotos wie das vom
       sich küssenden Frauenpaar. Ein Fotoschatz aus ihrem Nachlass, vom
       [6][Digitalen Deutschen Frauenarchiv] übernommen, von enormer Wichtigkeit
       für die weitere Forschung über queeres Leben in der DDR.
       
       Queer? Die Ausstellung „Queere Kunst in der DDR?“ trägt nicht nur ein
       Fragezeichen im Titel, sondern auch den vielsagenden Untertitel „Biografien
       zwischen Underground und Propaganda“. Das ist wohlüberlegt, sagt Stephan
       Koal im Gespräch mit der taz.
       
       Die mitgelieferten Biografien – es gibt sie nicht nur im schönen
       Kaufkatalog, sondern auch als dünnen Sonderdruck zum kostenlosen Mitnehmen
       – „sollen sichtbar machen, in welchen persönlichen wie gesellschaftlichen
       Lebensumständen die Kunst entstanden“ ist. In der isolierten,
       individualisierten Nische (ganz ohne offizielle und höchstens private
       Ausstellungen) oder im vom Staat subventionierten Kunsthandel samt
       Ausstellungsbeteiligungen und gutem Auskommen.
       
       Selbstbewusst und selbstverständlich queer ist [7][Harry Hachmeister],
       Jahrgang 1979, bei Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet. „Samstags
       im Park“ (2021) zeigt offen queeres Begehren, fürs „Family Portrait“ (2024)
       malte der Berliner eine queere Patchworkfamilie. Ins letzte Jahrzehnt der
       DDR hineingeboren, öffnen die Ausstellungsmacher mit Hachmeister das
       Konzept in die Gegenwart.
       
       Eine gute Idee. Das ist keine rein historisierende Ausstellung, sie reicht
       weit über das Ende der DDR hinaus ins Hier und Heute, wo queerfeindliche
       Politik immer salonfähiger wird.
       
       20 Apr 2026
       
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