# taz.de -- Ausstellung in Albertina Wien über Care: Sie schrubbten sich in den kunsthistorischen Kanon hinein
> Wer sich sorgt und wer Sorge trägt: Die Albertina in Wien zeigt in einer
> Ausstellung feministische Kunst der letzten 60 Jahre über Care-Arbeit.
(IMG) Bild: Marlene Haring: „Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald“, 2004 (Farbfotografie, kaschiert auf Aluminium)
Neun Reinigungskräfte, die sich um die Sauberkeit im Bürogebäude des
Energieunternehmens Verbund sorgen, waren zur Eröffnung der Ausstellung
„Care Matters“ eingeladen. Sie und ihre Instandhaltungsarbeit, ohne die
große Umsätze ebenso wenig zu machen wären wie große Kunst, werden selten
wirklich wahrgenommen. Es ist eine nette Geste, die inhaltlichen
Auseinandersetzungen aus den künstlerischen Arbeiten, die derzeit in der
Wiener Albertina, einem der renommiertesten Kunstmuseen in Österreich, zu
sehen sind, zumindest symbolisch auch in den Sozialraum zu transferieren
und sichtbar zu machen.
Dass die Arbeiterinnen dadurch nicht mehr Lohn erhalten oder sozial besser
gestellt werden, ist der Kuratorin selbstverständlich klar. Seit 2004
leitet die Kunsthistorikerin Gabriele Schor die Sammlung Verbund, die wie
keine andere für die Aufarbeitung und Repräsentation feministischer Kunst
steht. Der Ausstellung „Care Matters“, die im Wesentlichen aus Arbeiten von
Schors Sammlung besteht, gelingt es sehr gut, die Thematisierung der
Care-Frage in der bildenden Kunst über fünf Jahrzehnte hinweg
nachvollziehbar zu machen.
Mit diesem Fokus auf Care in der Kunst unterscheidet sich die
Albertina-Schau auch von inhaltich verwandten Ausstellungen wie „Care! Wenn
aus Liebe Arbeit wird“ im Hamburger Museum der Arbeit (bis 3. 5. 2026), die
eher sozialhistorisch und gegenwartsanalytisch vorgeht und in der die
Kunstwerke nur am Rande eingestreut werden. Die Fokussierung auf Kunst in
der Albertina führt ihrerseits dazu, dass partizipative Bezugnahmen auf
kollektive Kämpfe sowie auf queerfeministische Debatten der Gegenwart eher
randständig sind.
Am Anfang war die Küche
Schon seit den 1960er Jahren thematisierten feministische Künstlerinnen die
gesellschaftliche Bedeutung der Reproduktionsarbeit. Care in seiner
Doppelbedeutung von Sich-Sorgen-Machen und Sorgetragen, also
mental-affektiver und praktischer Tätigkeit, wurde häufig ins Bild und mit
dem Kunstschaffen selbst in Beziehung gesetzt.
Im ersten Raum der [1][Ausstellung steht die Küche als Ort im Vordergrund],
auf den Frauen in patriarchalen Verhältnissen immer wieder verwiesen
werden. Dass hier die „Hausfrauen-Küchenschürze“ (1975) von Birgit
Jürgensen (1949–2003) den Anfang macht, in der das Haushaltsgerät Ofen
gleich an den Körper montiert wird, und die Ausstellung unter anderem mit
einer Fotoserie von Marlene Haring endet, die 2006 mit dem
Birgit-Jürgensen-Preis ausgezeichnet wurde, ist eine schöne Klammer. In
Harings Fotos ist eine Küche zu sehen, in der niemand mehr feststeckt und
bloß massenhaft Spaghetti aus allen Schränken und Laden quillen.
Überhaupt arbeitet die Ausstellung viel mit noch direkteren Bezügen
zwischen den 1970er Jahren und heute: Vor dem kleinformatigen
Schwarzweißfoto namens „Der Hausmeister und sein Schatten“ (1973) von
Margot Pilz liegt wuchtig die Frauenskulptur „Liegender weiblicher Akt“
(2024) von Nicole Wermer, die dieses Schattendasein der auf dem Foto kaum
sichtbaren Hausmeistersgattin längst hinter sich gelassen hat.
Mierle Laderman Ukeles hat sich 1969 mit ihren Instandhaltungsarbeiten
(Maintenance Art), dem Polieren von Vitrinen und Wischen von Museumsböden,
längst in den kunsthistorischen Kanon geschrubbt. Man stolpert trotzdem
fast über den auf dem Boden platzierten gelben Aufsteller, der hier nicht
vor Rutschgefahr warnt, sondern auf „Invisible Worker Here“ („Caution!“,
Kelly O’ Brian, 2026) hinweist. Die Ausstellung bietet so die Möglichkeit,
bei allen Kontinuitäten der ungleich verteilten Care-Arbeit auch die Brüche
in den künstlerischen Bearbeitungen des Themas zu beobachten.
Internationale Arbeitsteilung
Was in den 1970er Jahren in feministischen Arbeiten aus Westeuropa und
Nordamerika jedenfalls noch kaum thematisiert wird, dem widmet die
Ausstellung jetzt einen ganzen Raum: die internationale [2][Arbeitsteilung
der Care-Arbeit]. Manchmal müssen Zusammenhänge dann vielleicht auch so
plakativ ins Bild gesetzt werden wie in den großformatigen Doppelporträts
von Natalia Iguiñiz Boggio („La Otra“, 2001/2026). Sie zeigen je eine
indigene Angestellte und ihre (weiße) Chefin, um noch einmal deutlich zu
machen, dass die Arbeit der einen auf der Arbeit der anderen beruht.
Auch mit dem Foto(selbst)porträt einer Schwarzen Frau in der Dienstkleidung
einer Hausangestellten, die ein Superman-Kostüm näht, verbindet die
südafrikanische Künstlerin Mary Sibande ziemlich deutlich [3][die Kritik am
Geschlechterregime] mit jener am Fortleben von rassistischen
Apartheidstrukturen.
Dass ethnische Zuschreibung und Geschlecht ineinander verwoben sind, kommt
bei den Themenkomplexen Elternschaft, Alter und Widerstand, denen ebenfalls
einzelne Räume gewidmet sind, vielleicht manchmal etwas kurz. Eine
Themenausstellung allerdings, die sehr unterschiedliche künstlerischen
Ansätze unter einem gemeinsamen Motto wie Care vereint, kann auch nicht
alles leisten.
Der Anspruch jedenfalls, verschiedene Facetten feministischer Beschäftigung
mit der Reproduktionsarbeit in der Kunst zu zeigen, wird zweifellos sehr
anschaulich erfüllt. Dabei wird es für das nicht unbedingt als
hyperfeministisch verschriene Albertina-Publikum sicherlich noch mehr
Irritationsmöglichkeiten geben als das gelbe Caution!-Schild auf dem
Museumsparkett.
8 Apr 2026
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(DIR) Jens Kastner
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