# taz.de -- Ehemaliger DDR-Club: Der Mix war Programm
       
       > Theater in Dorfkneipe: „Düsterbusch City Lights“ der Jungen Bühne
       > Senftenberg lässt einen Undergroundschuppen in der ostdeutschen Provinz
       > wiederaufleben.
       
 (IMG) Bild: Richard Fuchs und Lene Juretzka in „Düsterbusch City Lights“
       
       Lugau ist Kult. Das merkt man nicht unbedingt, wenn man hinkommt. Ein paar
       Schafe grasen stoisch im Schatten von Windrädern am Rande der Straße, die
       vom monumentalen Kreuzungsbahnhof Doberlug-Kirchhain in das 500-Seelen-Nest
       führt. Die Fenster im ersten Gehöft am Ortseingang sind verrammelt, als
       solle nichts rein-, aber auch nichts rauskommen, kein Lichtstrahl, kein
       Zeichen, kein Luftzug.
       
       Kultcharakter hat Lugau spätestens seit dem Jahr 2019, als der
       faszinierende Dokumentarfilm „Lugau City Lights“ die Geschichte eines
       zunächst illegalen, später als FDJ-Jugendklub legalisierten
       New-Wave-Hotspots mitten im Niemandsland zwischen Berlin und Dresden,
       zwischen Spreewald und Braunkohle, nacherzählte.
       
       Aufgeschrieben hatte sie einer der Initiatoren des Musikschuppens.
       [1][Alexander Kühnes] autofiktionaler Roman „Düsterbusch City Lights“ lag
       bereits dem Film zugrunde. Jetzt hat der Schauspieler und Regisseur Daniel
       Borgwardt ihn als Zwei-Darsteller-Stück zurück an den historischen Ort
       gebracht. „Das war damals eine heruntergekommene Konsum-Gaststätte“,
       erzählt Kühne der taz.
       
       Zur Premiere der Theaterversion steht er so am Einlass, wie er auch in den
       1980er Jahren als blutjunger Veranstalter dort gestanden haben mag. Das
       erste Konzert, listig als Polterabend der Schwester angemeldet, bestritt
       die lokale Punkband Kotzübel. Im Buch und im Stück heißt sie in feinerem
       Deutsch „Brechreiz“. Der Laden firmiert mittlerweile als Gaststätte Landei.
       Dort gibt es bezahlbares Bier und weiterhin Konzerte.
       
       ## Glänzende Rollenwechsel
       
       Und jetzt auch Theater. Richard Fuchs verkörpert mit jugendlichem Schmelz
       den Hauptprotagonisten. Lene Juretzka, als Clown verkleidet, allerdings mit
       um 90 Grad auf dem Kopf gedrehten Irokesenkamm eine schrille Hybride aus
       [2][Punk], Cabaret und Drag, spielt all die anderen Gestalten. Sie ist mal
       Jugendkumpel Henryk, mal Mutter, mal Freundin, auch Polizist und Chef auf
       der Arbeit. Sie meistert die vielen Rollenwechsel glänzend. Ihre
       Clownsfigur entrückt die Geschichte auch etwas aus der streng biografischen
       Nacherzählung, in der Regisseur Borgwardt den Spieler Fuchs zuweilen
       gefangen hält.
       
       Auch manch schräge Details gehen unter. Etwa dass der Wirt der einst
       heruntergekommenen Schänke dank der Subkulturevents so viel verdiente, dass
       er noch zu Ost-Zeiten von Trabi auf Citroën umsteigen konnte, wie Kühne
       draußen vor dem Gasthof erzählt. Aber die wilde Atmosphäre wird dennoch
       spürbar, auch weil die Zuschauer im einstigen Konzertsaal stehen. Immer mal
       wieder zucken auch kurz die Körper, wenn Songs von der Ska-Punk-Band
       Madness, den NDW-Heroen von Spliff oder Düsterrocker Alice Cooper
       erklingen.
       
       Der Mix war Programm. Im Stück wird die einstige Szenerie als wohl nur in
       der ostdeutschen Provinz vor 1989 mögliche Mischung von sich sonst mit
       Verachtung gegenüberstehenden Jugendkulturen beschrieben: „Pettycoat-Röcke
       wechselten mit Anzügen, Popperlocken mit verschnittenen Iros, Glatzen mit
       Schmalztollen, Doc-Martens-Stiefel mit [3][Grufti-Schnabeltretern].“
       
       All das sorgt für feuchte Augen beim mal grauhaarigen, mal fahlblonden
       Zeitzeugenpublikum zur Premiere. Spannend wird, wie die heutige Jugend
       reagiert. Einige Schulvorstellungen in Lugau sind eingeplant. Für dieses
       Auditorium passt bestens der Abschlusssong: „Verschwende deine Jugend“ von
       den Tastenklempnern der NDW-Band DAF.
       
       Kühne, der sich tagsüber als Waggonausfeger der sozialistischen Produktion
       weitgehend zu entziehen trachtete, abends aber Bands aus der ganzen
       Republik – inklusive der Westberliner Waltons – in sein Kaff brachte,
       verschwendete jedenfalls auf denkbar schönste Weise seine Jugend.
       
       8 Apr 2026
       
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