# taz.de -- Maria Kalesnikava über Zeit im Gefängnis: „Wir müssen uns schon selbst retten“
       
       > Die belarussische Aktivistin Maria Kalesnikava war über fünf Jahre in
       > Haft. Im Gespräch erklärt sie, warum die EU auf Machthaber Lukaschenko
       > zugehen sollte.
       
 (IMG) Bild: „Meine Überzeugung ist, dass die Macht des Guten am Ende viel stärker ist“
       
       Kulturzentrum Radialsystem, Berlin-Friedrichshain. Das Gespräch mit Maria
       Kalesnikava findet in einem hellen Raum mit Glasfront statt, Blick auf die
       Spree. Die belarussische Bürgerrechtlerin und Musikerin wird am Donnerstag
       auf der Hauptbühne des Hauses ihre Performance „#freemaria“ zeigen. Ihr
       erster Auftritt, [1][nachdem sie im Dezember 2025 nach mehr als fünf Jahren
       aus der Haft entlassen wurde].
       
       taz: Frau Kalesnikava, Sie sagen, es sei die „Kraft des Geistes“ und eine
       innere Freiheit gewesen, die Ihnen während der langen Zeit im Gefängnis
       geholfen habe. Was meinen Sie damit? 
       
       Maria Kalesnikava: Ich meine damit, dass wir selbst manchmal gar nicht
       wissen, wie stark wir sind. Wir können sogar schwierigste Situationen im
       Leben wie eine Isolationshaft überstehen; wir sind in der Lage, uns gegen
       enorme Widerstände zur Wehr zu setzen. Die Geschichte hat das gezeigt. Wir
       haben – in der Sowjetunion und in Deutschland – dunkle Zeiten überwunden
       mithilfe von Menschen, die daran glaubten, dass es wieder heller wird. Es
       gibt immer Hoffnung.
       
       taz: In einem Brief aus dem Gefängnis haben Sie geschrieben: „Ich lebe so,
       als wäre das Entsetzliche und Absurde um mich herum gar nicht da.“ Wie
       schafft man das?
       
       Kalesnikava: Dabei hat mir sicher mein künstlerischer Hintergrund geholfen.
       Es gab sehr viele Situationen während der Haft, die ich mir nicht hätte
       vorstellen können im 21. Jahrhundert. Die Gefängnisszenen waren zum Teil so
       surreal, dass ich sie wie absurdes Theater betrachtet habe. Humor und
       Ironie helfen einem immer. Deswegen hassen alle Diktatoren humorvolle
       Menschen auch so sehr – weil sie ihnen zeigen, dass sie keine Angst haben.
       
       taz: Sie haben gesagt, Sie hätten sich nie richtig gefangen gefühlt. Wie
       meinen Sie das? 
       
       Kolesnikowa: Ich habe mich geistig frei gefühlt. Körperlich war ich
       natürlich komplett isoliert. Ich hatte fast drei Jahre lang keinen Zugang
       zu Anwälten, zu meiner Familie oder zu Mitgefangenen. Mich hat das eher
       noch widerständiger gemacht. Ich habe mir die Geschichte in Erinnerung
       gerufen – Nelson Mandela war 27 Jahre in Haft, um nur ein Beispiel zu
       nennen. Man kann all das überleben, man muss in seinen Gedanken klar
       bleiben. Repressive Regime wollen erreichen, dass du Hass und Aggression in
       dir spürst. Ich habe diesen Gefühlen keinen Raum gegeben, den Gefallen habe
       ich ihnen nicht getan. Andere im Gefängnis sind an diesen Gefühlen zugrunde
       gegangen.
       
       taz: Hatten Sie Zugang zu Literatur und Musik im Gefängnis? 
       
       Kalesnikava: Ja. Ich habe mehr als 700 Bücher gelesen. Ich habe auch zwei
       Bücher geschrieben, aber die durfte ich nicht mitnehmen. Ich habe aber noch
       gut in Erinnerung, was ich geschrieben habe, und werde die Bücher neu
       verfassen, sobald ich Zeit dazu habe. Musik hatte ich in meinem Kopf: Ich
       dachte an Bach, an die Matthäus- oder Johannespassion, die ich oft gespielt
       hatte. Und ich hatte in der Zelle das staatliche propagandistische Radio,
       dort lief manchmal Popmusik wie Elton John, die Rolling Stones oder Adele.
       Nach solchen Songs habe ich gelechzt, sie haben mir gezeigt, dass es noch
       eine andere Welt da draußen gibt.
       
       taz: Aber selbst Musik gemacht haben Sie in Haft sicher nicht.
       
       Kalesnikava: Flöte spielen konnte ich natürlich nicht. Ich habe aber
       gesungen, die berühmte Arie „Habanera“ aus „Carmen“. So habe ich quasi ein
       bisschen Psychoterror ausgeübt. Die Gefängniswärter kamen und sagten: „Sie
       verstoßen gegen die Hausordnung.“ Ich habe darüber nur gelacht.
       
       taz: Sie hatten während der Haftzeit ein Geschwür in der Bauchhöhle, Ihnen
       ging es lange nicht gut, Sie wurden auch operiert … 
       
       Kalesnikava: … zu der Zeit hatte ich das einzige Mal Sorge. Sorge, dass ich
       meine Familie nie mehr sehen würde. Das war vielleicht das tiefste Gefühl
       während der gesamten Zeit im Gefängnis.
       
       taz: Sie haben fünf Jahre im Gefängnis verbracht, in der sich die Welt
       geopolitisch auf den Kopf gestellt hat. 
       
       Kalesnikava: Ja, das merke ich deutlich, seit ich wieder frei bin. Es
       herrscht eine komplett polarisierte Stimmung, eine aggressive, hasserfüllte
       Rhetorik in der Gesellschaft. Das ist deutlich anders als 2020. Diese
       Hassrhetorik auf allen Seiten bringt uns nicht weiter. Wenn wir unsere
       Zukunft gemeinsam gestalten wollen und wenn wir wollen, dass es überhaupt
       eine Zukunft gibt, müssen wir wieder lernen, miteinander zu sprechen. Und
       uns die Frage stellen, was wir produktiver und besser machen können in
       unserer Gesellschaft. In der Nachkriegszeit ist es der Welt schon einmal
       gelungen, eine neue Werteordnung aufzubauen.
       
       taz: Genau diese Nachkriegsordnung sehen aber viele durch destruktive,
       populistische Kräfte am Ende. 
       
       Kalesnikava: Ja, natürlich. Weil es ganz leicht ist, Sündenböcke zu finden
       und mit dem Finger auf sie zu zeigen. Meine Überzeugung ist, dass die Macht
       des Guten am Ende viel stärker ist.
       
       taz: Hat [2][die EU] die belarussische Freiheitsbewegung genug unterstützt? 
       
       Kalesnikava: Die EU hat viel getan. Sie hat dazu beigetragen, dass viele
       Gefangene freikamen und gerettet wurden. Ich persönlich habe viel
       Solidarität erfahren. [3][Sasha Waltz] hat mich unterstützt, auch Christine
       Fischer, die künstlerische Leiterin des Festivals Eclat, die ich aus meiner
       Stuttgarter Zeit kenne. Und Jochen Sandig, mit dem ich jetzt „#freemaria“
       entwickelt habe. Auch der Karlspreis, den Swetlana Tichanowskaja, Veronica
       Tsepkalo und ich 2022 zugesprochen bekommen haben, bedeutet mir viel. Das
       ist ein großes Zeichen der Solidarität und Unterstützung. Für mich ist es
       auch ein Signal, dass man eine europäische Perspektive für Belarus sieht.
       
       taz: Gehört zur Wahrheit nicht auch dazu, dass es im Spätsommer 2020 ein
       recht kurzes Zeitfenster gab, wo Belarus im Fokus der europäischen und
       westlichen Öffentlichkeit stand, sich dieses aber auch schnell wieder
       schloss? 
       
       Kalesnikava: Das sehe ich nicht so. Die Frage, welchen Platz Belarus in
       Europa einnimmt, ist offen. In einer Zeit nach dem Ukrainekrieg – die zwar
       noch in weiter Ferne ist, aber kommen wird – wird sie sich wieder stellen.
       Die eine Möglichkeit ist: Belarus wird als souveräner Staat nicht mehr
       existieren. Die zweite Möglichkeit: Belarus wird seine Souveränität
       behalten und sich wieder Europa annähern.
       
       taz: Erst mal haben sich nun die USA dem Lukaschenko-Regime angenähert,
       nicht die EU. Die USA haben die Sanktionen gelockert, Kaliumdünger soll
       bald wieder exportiert werden dürfen. 
       
       Kalesnikava: Ja, die USA beeinflussen Lukaschenko aktuell mehr als Europa.
       Und ich danke der amerikanischen Administration auch, sie hat zu meiner
       Freilassung beigetragen und zu der 500 anderer Gefangener. Ich denke aber,
       auch die EU sollte die diplomatischen Kanäle zu Lukaschenko wieder öffnen,
       die EU wäre die natürlichere Ansprechpartnerin für ihn. Immer noch sind
       allein offiziell knapp 1.000 Menschen aus politischen Gründen in Haft. Es
       sollte Priorität haben, sie freizubekommen.
       
       taz: Um den Preis, Lukaschenko wieder ein Stück weit zu legitimieren? 
       
       Kalesnikava: Nein, das bedeutet nicht Legitimation. Aber Lukaschenko ist de
       facto der einzige Mensch, der entscheidet, wie Belaruss*innen in
       Belarus leben. Wenn man Einfluss geltend machen will, muss man mit ihm in
       Kontakt treten. Wir treffen uns hier an der Spree in Berlin. Wo wir gerade
       sprechen, befand sich einst der Mauerstreifen. Ich beziehe mich gern auf
       diese deutsch-deutsche Geschichte, denn irgendwann kommt die Zeit für
       Diplomatie und Dialog, und dann kann Geschichte neu geschrieben werden. Die
       letzte deutsche Kanzlerin, die mit Lukaschenko gesprochen hat, war Frau
       Merkel. Vielleicht braucht es einen neuen Anlauf.
       
       taz: Darüber ist sich die belarussische Opposition im Exil aber nicht
       einig. 
       
       Kalesnikava: Das stimmt. Aber unser Ziel ist das gleiche, ein
       demokratisches Belarus. Und jede*r hat vielleicht unterschiedliche Wege
       und Visionen im Sinn, um dieses Ziel zu erreichen. Das hindert uns aber
       nicht daran, vereint zu bleiben.
       
       taz: Ihre Performance „#freemaria“ hat mit Ihrer eigenen Geschichte zu tun.
       Was erwartet das Publikum dort? 
       
       Kalesnikava: Ich werde endlich wieder Flöte spielen – die Traversflöte, die
       Bassflöte und die Querflöte. Ich werde von meinen Erfahrungen erzählen, und
       ich trage aus Büchern vor, die ich während der Haftzeit gelesen habe. Ich
       spiele ein Stück auf der Querflöte, das für mich von ganz besonderer
       Bedeutung ist. Im Jahr 2022 widmete es mir der belarussische Komponist
       Viktor Kopytsko, und dafür hat er in Belarus Schwierigkeiten bekommen. Es
       macht mich unendlich traurig, dass ich ihm nicht mehr persönlich danken
       konnte: Er starb am Tag nach meiner Freilassung.
       
       taz: Gibt es etwas, das Sie aus der Haftzeit gelernt haben und mit in die
       Freiheit nehmen? 
       
       Kalesnikava: Dass es wichtig ist, in Bewegung zu bleiben, geistig und
       körperlich. Ich habe mich auch in der Zelle, die 3 mal 2 Meter groß war,
       bewegt. Ich bin spazieren gegangen – fünf Schritte hin, fünf Schritte
       zurück, immer wieder. Weil ich so oft wenden musste, begannen die Knie zu
       schmerzen. Ich habe auch jeden Tag Yoga gemacht.
       
       taz: Sehen Sie sich in Zukunft eher als Künstlerin oder als Politikerin –
       wo setzen Sie die Priorität? 
       
       Kalesnikava: Priorität habe ich selbst, hat meine Familie. Und Kunst ist
       ein Teil meines Mindsets, sie gehört zu meiner Selbstverwirklichung. Man
       kann aber in diesen Zeiten nicht einfach ruhig sitzen bleiben und denken,
       irgendjemand wird uns retten. Das müssen wir schon selbst tun, das ist
       Demokratie, und das habe ich unter anderem in meiner Zeit in Deutschland
       gelernt.
       
       #freemaria“, Performance von Maria Kalesnikava und Jochen Sandig, 9. April,
       20 Uhr, Radialsystem, Holzmarktstraße 33, Berlin
       
       7 Apr 2026
       
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