# taz.de -- Tagebuch aus Belarus: Katze und Fisch und einfach nur weg
> Unser Autor musste Belarus verlassen und war gut in Lettland angekommen.
> Nun ziehen er und seine Familie wieder um. Ihre Hoffnung heißt Polen.
(IMG) Bild: Katze mit Auto: Beim Verlassen von Belarus muss auch an Haustiere gedacht werden
Ich hatte alles verladen und im Fahrzeug verstaut. Vierzehn Umzugskartons,
zwei Kinderfahrräder, mehrere Behälter mit Geschirr, und dann war da noch
ein Regal, das ich auf die Ladefläche des gemieteten Lieferwagens hievte.
Auf dem Beifahrersitz stand neben dem Fahrer eine Transportbox, in der die
Katze lag. Daneben befand sich ein Glas mit dem Aquarienfisch, der mit
seinem bunten Schwanz wedelte. Alles war bereit für die vierzehnstündige
Fahrt von Riga nach Warschau.
Ich bin ein unabhängiger [1][Journalist] aus Belarus. Im Jahr 2021 flohen
meine Frau, meine Kinder und ich [2][nach Lettland], um der sehr hohen
Wahrscheinlichkeit zu entgehen, in einem der belarussischen Gefängnisse zu
landen. Etwa fünf Jahre lang lebten wir in diesem Nachbarland, das uns
ruhigen Schlaf bescherte. Vor einigen Monaten haben wir jedoch endgültig
beschlossen, dass eine [3][zweite Emigration] notwendig ist.
Dem Tag der Abreise ging eine Woche des Abschieds voraus. Es stellte sich
heraus, dass wir in fast fünf Jahren eine ganze Reihe von Bekannten unter
den Einheimischen, den [4][Flüchtlingen] aus der Ukraine und den
Auswanderern aus Russland gewonnen hatten. Wir mussten alle umarmen und
ihnen für die Hilfe danken, die wir erhalten hatten. Der Abschied fiel uns
schwer.
Am meisten machten wir uns Sorgen um die Kinder. Während dieser ganzen Zeit
fern von zu Hause hatten sie Lettisch gelernt – und konnten bereits recht
gut sprechen und schreiben. Und nun erwartete sie ein neues Land, eine neue
Sprache, ein Leben ohne ihre alten Freunde.
Die Frage, auf welche Schule sie in Polen gehen sollten, hatten wir im
Voraus geklärt. Wir hatten einen Stadtteil in Warschau ausgewählt, in dem
statistisch gesehen die meisten Belarus:innen leben. Wir schrieben dem
Schulleiter eine E-Mail, in der wir uns vorstellten und darum baten, die
Kinder in die Schule aufzunehmen. Aufgenommen. Ein Makler hat uns dabei
geholfen, eine Wohnung in der Nähe der Schule zu finden. Wir meldeten uns
für Polnischkurse an.
## Das zweite Exil
Aber warum mussten wir, eine belarussische Familie im lettischen Exil,
überhaupt erneut ausreisen?
Im Jahr 2023 verbot Staatspräsident Lukaschenko den belarussischen
Botschaften und Konsulaten in Europa das zu tun, was Botschaften und
Konsulate sonst machen. Willst du dich scheiden lassen? Dann fahr nach
Minsk. Willst du deinen Reisepass verlängern? Dann nur wieder in Minsk.
Es gibt Länder, die abgelaufene belarussische Pässe anerkennen, weil sie
Verständnis für die Situation aufbringen. Aber das Land, in dem wir in den
vergangenen fünf Jahren gelebt haben, hat dies nicht getan. Und wir haben
kein Recht, irgendjemanden dafür zu beschuldigen.
Und so standen wir vor der Wahl: Entweder nach Belarus zu fahren, um einen
neuen Pass zu beantragen, und dabei eine Festnahme an der Grenze zu
riskieren, oder in Lettland den Flüchtlingsstatus zu beantragen. Meine Frau
und ich wollten uns nicht den belarussischen Sicherheitskräften ausliefern.
Aber auch der Flüchtlingsstatus ist unserer Meinung nach eine Falle.
## Die Chance namens Polen
Deshalb haben wir beschlossen, wegzugehen. Schon wieder. Diesmal in das
Land, das unsere abgelaufenen belarussischen Ausweispapiere anerkennt.
Polen.
Uns ist völlig klar, dass ein sehr schwieriger Weg vor uns liegt: die
Legalisierung, das Einleben in die Kultur und die Arbeitssuche. Im Moment
leben wir von unseren Ersparnissen und ergreifen jede Arbeitsgelegenheit.
Aber wir hoffen, so schnell wie möglich unseren Platz in der polnischen
Gesellschaft zu finden und einfach unser Leben zu leben.
Wisst ihr, die Störche kehren jedes Frühjahr in [5][mein Belarus] zurück.
Sie finden ihr Nest immer wieder – genau das, auf genau jenem Dach, auf
genau jenem Pfahl. Ich hoffe, dass auch wir eines Tages in unsere
belarussische Wohnung zurückkehren werden – wenn auch mit hundert Kisten,
aber vor allem: nach Hause.
Nun, aber erst einmal ist es Zeit, den Fisch und die Katze zu füttern.
Iwan Smirnow ist ein belarussischer Journalist, der in Warschau lebt. Er
war Teilnehmer eines [6][Osteuropa-Workshops der taz panterstiftung].
Aus dem Russischen von [7][Tigran Petrosyan].
Durch Spenden an die [8][taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
27 Mar 2026
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