# taz.de -- Flucht und Migration über das Meer: Die stille Katastrophe im Mittelmeer geht immer weiter
       
       > In Libyen und Tunesien ist die Lage für Flüchtlinge unerträglich
       > geworden. Trotz vieler Opfer im Mittelmeer bleiben die Wartelisten für
       > Schmugglerboote lang.
       
 (IMG) Bild: Die tunesische Küstenwache versucht bei Sfax ein Flüchtlingsboot zu stoppen (Archivbild vom 27. April 2023)
       
       Nachdem ihr Boot am Samstag vor der libyschen Küste leckschlug und versank,
       werden über 70 Geflüchtete vermisst. Boote der libyschen Küstenwache und
       privater Hilfsorganisationen sind auf der Suche nach im Meer treibenden
       Überlebenden. Die Besatzungen der NGO „Sea Watch“ hatte das schiffbrüchige
       Boot aus der Luft gesichtet. Handelsschiffe nahmen 32 Überlebende auf. Das
       Flüchtlingsboot war in der libyschen Seenotrettungszone in Seenot geraten,
       die von der Regierung in Tripolis eigenmächtig auf 70 Kilometer ausgeweitet
       worden war.
       
       Das Unglück ist eines von vielen ähnlichen Dramen, die sich derzeit im
       südlichen Mittelmeer abspielen. Bewohner der informellen Flüchtlingslager
       in der Nähe der tunesischen Handelsstadt Sfax sind auf der Suche nach mehr
       als 70 Migranten, die in mehreren Booten Ende vergangener Woche in Richtung
       Lampedusa aufgebrochen waren.
       
       Zeitgleich waren auch aus dem westlibyschen Zauwia offenbar mehrere Boote
       von Schmugglern auf den Weg geschickt worden. Hoher Wellengang, Stürme und
       die ungewöhnlich niedrigen Temperaturen stellen sogar die dortigen Fischer
       vor große Herausforderungen. Vor der tunesischen Hafenstadt Mahdia läuft
       eine Suchaktion nach mindestens einem offenbar gesunkenen Fischtrawler. Vor
       allem die in Tunesien gebauten kiellosen Metallboote der Migranten sinken
       bereits bei leichten Wellen, meist in wenigen Minuten.
       
       ## Rekordzahl ertrunkener Flüchtlinge
       
       Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) starben
       in diesem Jahr bereits 683 Menschen beim Versuch, von Nordafrika nach
       Italien oder Spanien zu gelangen. Damit fordert die Migration über das
       Mittelmeer mehr Opfer als je zuvor seit Beginn der genauen Aufzeichnungen
       im Jahr 2014.
       
       Doch da IOM und andere humanitäre UN-Organisationen der Vereinten Nationen
       in Tunesien und Libyen nur noch sehr eingeschränkt tätig sein dürfen und
       die Arbeit anderer Hilfsorganisationen sogar verboten wurden, liegen die
       tatsächlichen Zahlen sogar noch wesentlich höher.
       
       Mehr als 1.000 Menschen hatten während des [1][Zyklons „Harry“] Ende Januar
       den Küstenabschnitt bei Sfax in 8 Meter langen Metallbooten verlassen,
       [2][niemand überlebte]. Der Sturm hatte auf Sizilien, Lampedusa und in
       tunesischen Küstenorten schwere Schäden angerichtet.
       
       Weil die mit Hilfe der EU mittlerweile sehr effektive Überwachung der
       libyschen und tunesischen Küste vor Eintreffen von „Harry“ und während der
       aktuellen Unwetter heruntergefahren wurde, boten Menschenhändler Plätzen
       auf ihren Booten zu Discountpreisen an. Umgerechnet 200 statt 500 Euro
       kostet die Überfahrt in einem der Boote nach Europa während
       lebensgefährlicher Wetterperioden.
       
       Weil auch an Land die Lage für Menschen aus Subsahara-Afrika mittlerweile
       unerträglich geworden ist, gibt es für die Plätze in den Booten lange
       Wartelisten. [3][Denn Sicherheitskräfte in Algerien, Libyen und Tunesien
       gehen seit Jahresbeginn gegen die oft ohne Aufenthaltstitel eingereisten
       Menschen vor] und deportieren sie an die Grenzen der Nachbarländer oder in
       die Sahara. Die derzeitigen brutalen Verhaftungen von Tagelöhnern aus
       Ägypten und Subsahara-Afrika und Migranten im ostlibyschen Bengasi und von
       Migranten in Sfax dürfte die Zahl der Schiffsunglücke in den nächsten
       Wochen noch drastisch erhöhen.
       
       ## Flucht vor den Handlangern der EU-Flüchtlingspolitik
       
       Die Razzien auf Baustellen und Restaurants sollen Menschen in Westafrika
       und der Sahel-Region abschrecken. Doch wegen der dortigen Wirtschaftskrisen
       kommen von dort immer mehr Menschen an die Mittelmeerküste.
       
       6.175 schafften es nach Angaben der italienischen Regierung seit Januar
       nach Lampedusa, auch diese Zahl dürfte jetzt massiv steigen. Es ist eine
       Fluchtwelle ausgerechnet vor denjenigen, die von der EU Ausrüstung und
       Überwachungstechnik erhalten hatten, um die Migration über das Mittelmeer
       zu stoppen.
       
       Transparenzhinweis: In einer vorherigen Version des Textes hieß es
       fälschlicherweise die NGOs „Seawatch“ und „Mediterranea Saving Humans“
       hätten zwei Ertrunkene geborgen. „Seawatch“ wies die Redaktion daraufhin,
       dass ihr Schiff „Aurora“ derzeit von italienischen Behörden festgesetzt
       worden sei.
       
       6 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mirco Keilberth
       
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       schlecht.