# taz.de -- Militärübung im Mittelmeer: Die Lunte an Libyens Erdöl
> Vor der Küste des geteilten Libyens beginnt die Militärübung Flintlock.
> Mit dabei: die USA und Soldaten beider libyscher Seiten. Ein Zeichen gen
> Russland.
(IMG) Bild: Flintlock ist eine seit Jahren wiederholte Übung, so wie hier 2022 in Abidjan
Im libyschen Sirte hat am Dienstag die Militärübungen „Flintlock“ begonnen.
AFRICOM, das von Stuttgart aus operierende Afrika-Kommando der US-Armee,
hat mehr als 500 Offiziere aus 30 Ländern in die Hafenstadt geladen. Von
dieser aus hatte Muammar al-Gaddafi bis zu seinem Sturz 2011 vier
Jahrzehnte lang das öl-und gasreichste Land Afrikas angeführt.
Das zwischen den verfeindeten Städten Bengasi und Tripolis stattfindende
Manöver ist nicht nur aus geografischer Sicht höchst symbolisch. Auch der
Zeitpunkt und die Teilnehmer finden in der Region viel Beachtung.
Vergeblich hatten internationale Diplomaten seit dem 2020 zu Ende
gegangenen Krieg um die Hauptstadt Tripolis versucht, die beiden libyschen
Kriegsparteien zur Schaffung einer gemeinsamen Regierung und Armee zu
bewegen.
Im ostlibyschen Bengasi hat [1][Feldmarschall Chalifa Haftar mit seiner
libysch-arabischen Nationalarmee (LNA)] die Kontrolle über Politik und
Wirtschaft übernommen. Im westlibyschen Tripolis versucht der international
anerkannte Premierminister Abdul Hamid Dabaiba seine Position gegen ein
Kartell von Milizen zu sichern. Seit Haftars gescheitertem Angriff auf
Tripolis gilt ein von Russland und der Türkei abgesicherter
Waffenstillstand. Im Rahmen von Flintlock nehmen nun erstmals Soldaten
beider Seiten an einer Übung teil.
## „Ein historischer Meilenstein“
Ziel von Flintlock ist laut AFRICOM die Stärkung der regionalen Kooperation
und Sicherheitspartnerschaften. US-Spezialeinheiten übten mit libyschen
Soldaten am Dienstag das Stürmen von Häusern und die Kommunikation mit
Nato-Flugzeugen und Schiffen. Dem gemeinsamen Training der libyschen
Kriegsparteien war eine Einigung der Regierungen in Bengasi und Tripolis
über ein gemeinsames Budget vorausgegangen, auch unter Vermittlung
Washingtons.
„Dieser Moment ist ein historischer Meilenstein“, freute sich General John
Brennan, AFRICOMs Vizekommandeur während der Eröffnungszeremonie in dem
riesigen noch in Gaddafi-Zeiten erbauten Kongresszentrums von Sirte. Mit
seiner vierten Reise nach Libyen innerhalb weniger Monate zeigte Brennan,
wie strategisch wichtig das Bürgerkriegsland für Washington mittlerweile
wieder geworden ist.
Sirte liegt nicht nur in der Mitte zwischen den Machtzentren Ost-und
Westlibyens, sondern gilt als Brücke zwischen dem Mittelmeer und
Subsahara-Afrika. Die meisten Geflüchteten aus dem Sudan und Westafrika
gelangen über Sirte an die Mittelmeerküste.
## Ein neuer Weiterdreh des Konflikts?
Doch was auf den ersten Blick wie das Ende der seit dem Sturz von Gaddafi
andauernden lokalen Kriege aussieht, könnte nur der Beginn eines neuen
Konfliktes sein. Die ausländischen Verbündeten von Haftar und Dabaiba
wollen wohl die libyschen Öl-und Gasvorräte und die vor der Küste
verlaufenden Schifffahrtsroute für sich allein.
Im Haftar-kontrollierten Bengasi leben mittlerweile nicht nur Tausende
russische Militärs und Techniker, sondern auch ihre Familien. Haftar und
seine Söhne waren letztes Jahr mehrmals in Minsk und Moskau zu Besuch. Dort
werden viele LNA-Offiziere ausgebildet. [2][Russlands Schattenflotte]
liefert die Mehrheit des libyschen Benzinbedarfs – und exportiert dafür
libysches Rohöl in die ganze Welt. Oft gemischt mit eigenen, vom Westen
sanktionierten, Vorräten.
Dabaiba setzt hingegen auf die US-Armee und die türkische Armee, die wie
der Kreml sogar Kampfflugzeuge im Land stationiert hat. Und [3][Chevron,
Exxon Mobil und andere US-Ölfirmen] wollen nun in Libyen wieder Öl und Gas
fördern – und zwar wohl in Gebieten, die unter Haftars Kontrolle – also
russischem Einfluss – stehen.
## Eine tickende Zeitbombe im Mittelmeer: die Arctic Metagaz
Russland vermutet sogar ukrainische Spezialeinheiten an der Küste bei
Sirte. Diese sollen Anfang März [4][das russische LNG-Tankschiff Arctic
Metagaz mit Drohnen vor der libyschen Küste angegriffen haben.]
Nach der Explosion mehrerer Flüssiggastanks treibt das in Murmansk beladene
Schiff nun als tickende Zeitbombe mit 800 Tonnen Rohöl an Bord vor der
ostlibyschen Küste. Seitdem meiden die russischen Schattentanker auf ihrem
Weg zum Suezkanal die libysche Küste. Für den Einsatz von ukrainischen
Drohnenspezialisten in Libyen gibt es nach taz-Recherchen aber bisher keine
stichfesten Beweise.
Der Machtkampf zwischen dem Westen und Moskau um Libyens Öl und Gas scheint
mit Flintlock nun öffentlich sichtbar geworden.
16 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
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