# taz.de -- Angriff auf Sea-Watch 5: Wie Libyen Europas Drecksarbeit im Mittelmeer macht
       
       > Nach dem Angriff auf ein Seenotrettungsschiff gibt sich die EU-Kommission
       > unschuldig. Dabei befördert die gemeinsame Migrationspolitik mit Libyen
       > solche Attacken.
       
 (IMG) Bild: Die Besatzung des libyschen Patrouillenbootes 684 Ras Jadir forderte die Sea-Watch 5 auf, die geretteten Personen zu übergeben
       
       Eliora Henzler hatte nicht damit gerechnet, dass es so schnell wieder
       passiert. Am Montag meldete die Hilfsorganisation Sea-Watch erneut einen
       Beschuss ihres Rettungsschiffs Sea-Watch 5 durch die libysche Küstenwache.
       Der Angriff fiel heftiger aus als [1][der letzte im Jahr 2025.] Und er
       stellt Fragen an die Europäische Union – denn für die betreibt Libyen
       Migrationsabwehr im Mittelmeer.
       
       „Angst bekommen habe ich, als sie sagten, dass sie in zehn Minuten an Bord
       kommen“, erzählt Henzler, Einsatzleiterin der Sea-Watch 5, am Dienstag im
       Telefongespräch mit der taz. „Hätten sie das wirklich versucht, hätten wir
       auf Ihre Forderungen eingehen müssen, um uns und die geretteten Menschen zu
       schützen“, so Henzler.
       
       Gegen 11 Uhr am Montagmorgen schießen Unbekannte ohne Vorwarnung von einem
       kleinen Schnellboot aus in Richtung des Rettungsschiffes. Erst fällt ein
       Schuss, dann folgt eine Salve von 10 bis 15 Schüssen. Die Sea-Watch 5 ist
       gerade mit 90 kurz zuvor Geretteten unterwegs nach Norden, in
       internationalen Gewässern, etwa 55 Seemeilen nördlich von Tripolis. Ein
       zweites, größeres Boot der Klasse Corrubia taucht auf, welches offenbar,
       wie das erste, zur libyschen Küstenwache gehört. Die Corrubia-Boote stammen
       ursprünglich aus italienischen Beständen.
       
       Die Libyer drohen über Funk damit, die Sea-Watch 5 zu entern, wenn die
       Seenotretter:innen ihnen nicht freiwillig zur libyschen Küste folgen.
       Dazu kommt es nicht. Irgendwann fallen die Boote zurück. Verletzt wurde zum
       Glück niemand. Die Ereignisse schildert die NGO gegenüber der taz. Wer
       genau die Menschen auf den Booten waren, lässt sich nur schwer unabhängig
       überprüfen. Auf Anfragen reagiert die libysche Küstenwache nicht.
       
       ## Angriff auf die Sea-Watch kam nicht überraschend
       
       In Libyen verschärft sich derweil die Lage für Geflüchtete und
       Migrant:innen auch an Land weiter. Nachdem die Deutsche Botschaft von
       den libyschen Behörden Aufklärung über den Angriff gefordert hatte, führten
       Sicherheitskräfte am Dienstag in mehreren westlibyschen Küstenstädten
       Razzien durch. Mehr als 800 Menschen aus Subsahara-Afrika wurden
       festgenommen.
       
       Der Angriff auf die Sea-Watch 5 kam für Beobachter in Libyen kaum
       überraschend. In gewisser Weise war er angekündigt worden. Das deutsche
       Innenministerium hatte letzte Woche [2][die zivile Schifffahrt vor einer
       möglichen Gefahr durch die libysche Küstenwache gewarnt]. Die ungewöhnliche
       Erklärung hatte zu Verwunderung geführt, da die von der Regierung in
       Tripolis angeordneten Patrouillen Teil der EU-Anti-Migrationsstrategie am
       südlichen Mittelmeer sind. Die EU unterstützt die Ausbildung der libyschen
       Kadetten.
       
       Bei einer Pressekonferenz am Dienstag erklärte eine Sprecherin der
       EU-Kommission, der Vorfall sei „äußerst bedauerlich“. Sie ergänzt, man
       wisse jedoch nicht „wie viele Fälle verhindert werden konnten, gerade weil
       wir in dieser Angelegenheit kontinuierlich mit den libyschen Behörden
       zusammengearbeitet haben“.
       
       Sea-Watch kritisiert diese Darstellung scharf und verweist auf die
       EU-Marineoperation [3][EUNAVFOR MED Irini], die überhaupt erst Grund für
       die Aktionen der Libyer sei. Auch mahnte die NGO die mangelnde
       Unterstützung seitens Deutschlands und Italiens am Tag des Angriffs an. Aus
       den Bundestagsfraktionen der Linken und Grünen kommt ebenfalls Kritik an EU
       und Bundesregierung.
       
       ## Zwei Gründe für den Angriff
       
       Im Westen des durch den Bürgerkrieg geteilten Libyens ist man davon
       überzeugt, dass die deutsche Warnung mit dem Besuch von Premier Abdul Hamid
       Dbaiba in Rom letzte Woche zusammenhängt. Ein Investigativjournalist aus
       Tripolis, der aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden will, sieht zwei
       Faktoren als Grund für die jüngste Attacke. „Die Küstenwache wird für die
       Rückholaktionen direkt bezahlt“, sagt er der taz am Telefon. „Zudem
       sickerte aus der nach Rom gereisten Regierungsdelegation durch, dass Meloni
       und Dbaiba vereinbart haben, die Überwachung innerhalb der libyschen
       Seenotrettungszone zu verschärfen.“
       
       Das Mandat des libyschen Premiers ist seit fünf Jahren abgelaufen, die
       Stimmen mehren sich, die seine sofortige Absetzung fordern. Teilnehmer der
       libyschen Delegation berichten der taz von einem einfachen Deal, den beide
       im Palazzo Chigi geschmiedet haben. Für ein schärferes Vorgehen gegen die
       Menschenhändler und Migranten in Westlibyen geht Meloni wohlwollend mit
       Dbaibas abgelaufener Amtszeit um. Als Bonus kündigte sie zudem an, die seit
       10 Jahren aus Sicherheitsgründen gestoppten direkten Flugverbindungen
       zwischen Italien und Libyen wieder aufzunehmen.
       
       Der im von Russland unterstützen Ostlibyen regierende Feldmarschall Chalifa
       Haftar hat ein ähnliches Abkommen mit der EU getroffen wie Dbaiba im
       Westen. Am Tag des Beschusses der Sea-Watch 5 beschlossen italienische
       Marineoffiziere in der libyschen Provinzhauptstadt Bengasi den Beginn von
       engmaschigen Patrouillen auf dem Mittelmeer. Dort soll zudem eine
       Seenotleitstelle (MRCC) entstehen. Mit mehr als drei Millionen Euro
       unterstützt die EU das Projekt. Wie ihr bereits bestehendes Pendant in
       Tripolis wird dort wohl vor allem die Rückholung von Booten koordiniert
       werden.
       
       ## Lösegeld für Migrant:innen
       
       Der westlibysche Journalist Taufiq Mansour aus Misrata vermutet noch einen
       anderen Grund für das zunehmend aggressive Verhalten gegenüber privaten
       Rettungscrews: Geld. Mit den eingesperrten Migrant:innen aus
       Subsahara-Afrika und Asien lässt sich mit Erpressung Lösegeld verdienen.
       Mindestens 500 Euro müssen Verwandte über Western Union schicken, um ihre
       live in Videoanrufen gefolterten Liebsten freizukaufen. Mansour vermutet,
       dass die Besatzung des Bootes, das auf die Sea-Watch 5 schoss, schlichtweg
       den Befehl hatte, die Menschen zurück nach Libyen zu bringen. Oder den
       Ausfall des Lösegeldes selbst zu zahlen.
       
       Laut Mansour werde den privaten Rettern von offizieller libyscher Seite
       immer wieder unterstellt, gemeinsame Sache mit Schmugglern zu machen – ein
       Vorwurf, den man auch aus Melonis Italien häufig hört. „Es ist leicht, aus
       ihnen ein Feindbild und Symbol der angeblichen Verschwörung gegen Libyen
       und Tunesien zu machen“, so Mansour.
       
       Auch bei Sea-Watch kennt man dieses Narrativ. „Anscheinend stellt man sich
       vor, dass die Leute zu dumm wären, um selbstständig zu fliehen und uns zu
       finden“, sagt Einsatzleiterin Eliora Henzler. Die Position der Sea-Watch 5
       sei öffentlich und für jeden, der ein Smartphone besitzt abrufbar. Das sei
       Pflicht für Schiffe ab einer bestimmten Größe.
       
       „Das Problem ist die Finanzierung und die Straffreiheit seitens der EU“, so
       Henzler. Dabei könne man nicht alle Beamten der Küstenwache über einen Kamm
       scheren. Henzler habe auch schon gute Kontakte gehabt – sie bekämen mit den
       Fördergeldern nur auch die Anweisung, Migrant:innen mit allen Mitteln
       von der Flucht abzuhalten.
       
       Müde, immer wieder das Gleiche zu fordern, wird die Einsatzleiterin nicht –
       obwohl sich wenig ändert. „Wir müssen das wiederholen, schon allein damit
       wir irgendwann beweisen können, dass die Verantwortlichen Bescheid
       wussten.“ Am Freitag kommt die Sea-Watch 5 voraussichtlich in Brindisi an,
       Italien hatte den Seenotretter:innen trotz des Vorfalls einen vier
       Tage entfernten Hafen zugewiesen.
       
       15 May 2026
       
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