# taz.de -- Todeszone Mittelmeer: Als Wal wäre ihnen das nicht passiert
> Das Massensterben von Migranten auf See ging auch diese Woche weiter.
> Doch für unsere Mitmenschen dort gibt es keinen Liveticker und kein
> Mitleid.
(IMG) Bild: Warten auf das Boot, das den Tod bringen kann - hier im Ärmelkanal
Den Weg zurück ins offene Meer fand er nicht, den Weg in die Herzen der
Deutschen schon. Eine Nation litt mit [1][„Timmy“, dem Wal am
Ostseestrand.] Manche planten, ihm mit einer Menschenkette oder
Klopfgeräuschen zurück ins Meer zu helfen. Freiwillige wollten ihn feucht
halten und füttern. NDR, Focus, Bild, Ostsee-Zeitung und Merkur
informierten mit Live-Tickern. Reporter berichteten, wie die Dämmerung am
Strand der Insel Poel über dem Wal hereinbrach: „Es war nur leises
Vogelgezwitscher und in der Ferne das Muhen der Rinder zu hören. Es war die
Ruhe, die Buckelwal Timmy jetzt brauchte, um an der vermutlich letzten
Station seines Lebens zu sterben.“
Die Polizei hielt Schaulustige mit einer Sperrzone fern und verbot
Drohnenflüge, weil sie „das sterbende Tier stressen“. Ein Vermessungsboot
fuhr das Gewässer ab, um die Bergung des Kadavers vorzubereiten. Die
Messungen seien „extrem langsam und möglichst geräuschlos“ durchgeführt
worden, um das Tier nicht zu stören, versicherte ein Sprecher des
Umweltministeriums von Mecklenburg-Vorpommern.
Als klar wurde, dass der Wal bald ausgeschnauft haben würde, zeigten
wütende Bürger Umweltminister Till Backhaus (SPD), Greenpeace und das
Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung an der Uni
Hannover wegen unterlassener Hilfeleistung an.
Zur gleichen Zeit trieben etwa 80 Menschen zwischen Libyen und der
italienischen Insel Lampedusa im Mittelmeer. Wie es aussieht, überflog das
Aufklärungsflugzeug IAM4101 der italienischen Luftwaffe am Montag das
Seegebiet ganz in der Nähe des Schlauchbootes. Das Frontex-Flugzeug „Eagle
2“ informierte am selben Tag zweimal über ein Schlauchboot in Seenot. Doch
erst mehr als 24 Stunden später, am Dienstag, kam die italienische
Küstenwache den Menschen zur Hilfe. [2][Da waren 19 der Insassen tot,]
offenbar erfroren, fünf waren in kritischem Zustand.
## 910 Tote bisher in diesem Jahr
Einen Tag später, am Mittwoch, starben 20 Migrant:innen bei einem
Bootsunglück vor der Küste von Bodrum in der Türkei. Am Sonntag waren
mindestens 40 Menschen elf Meilen vor der Küste von Sfax in Tunesien
ertrunken.
Schlagzeilen macht das alles nicht mehr. Mindestens 910 Tote Flüchtlinge
und Migrant:innen gab es bisher in diesem Jahr im Mittelmeer, dazu
mindestens 120 auf dem Weg von Westafrika zu den Kanaren und mindestens
vier im Ärmelkanal. Im Januar waren es 459 Tote, so viele wie noch nie in
einem Januar, seit 2014 begonnen wurde, offiziell zu zählen.
Hinzu kommt, dass im Schnitt etwa 3.000 Menschen jeden Monat von der
libyschen Küstenwache auf dem Mittelmeer aufgegriffen und gegen ihren
Willen nach Libyen zurückgeschleppt werden. In der Regel folgt darauf Haft,
Folter, Erpressung, Sklaverei oder Tod. Manchmal alles zusammen.
[3][Italien blockiert] derzeit mehrere NGO-Rettungsschiffe. Die
Behördenanordnung verbieten ihnen, italienische Häfen zu verlassen. Wenn
privaten Rettungsschiffen ein Einsatz gestattet ist, müssen sie die
Geretteten seit 2023 oft in weit entfernte Häfen im Norden Italiens bringen
– offensichtlich, um ihnen für längere Zeit weitere Rettungen unmöglich zu
machen.
## Behandelt wie Verbrecher
Der gestrandete Wal nimmt uns nichts weg. Die Migrant:innen aber sehen
viele als Bedrohung für unser Leben im Überfluss. Wenn sie sterben, ist das
Wegschauen Programm und die unterlassene Hilfeleistung Strategie. Es gibt
keinen Liveticker, kein Mitleid, keine Anzeigen. Jedenfalls keine, die
Folgen hätten. Und die, die helfen wollen, werden behandelt wie Verbrecher.
Die große Leistung von Gruppen wie Sea Watch oder dem Alarm Phone war es,
der kollektiven Abstumpfung so lange mit Erfolg entgegengetreten zu sein.
Lange wurde das Sterben im Mittelmeer von vielen deshalb als nicht normal,
als nicht eben zur Welt dazugehörend gesehen, sondern als das, was es ist:
eine zivilisatorische Schande, die sich beenden ließe. Heute ist das
anders.
Die toten Flüchtlinge sind mittlerweile zu einer genauso abstrakten Größe
geworden wie die Kriegstoten im Sudan, die Hungertoten in Ostafrika, die
Opfer behandelbarer Krankheiten oder von Extremwettern. Die Veränderbarkeit
dieser Schicksale wird verdrängt. Den Wal vermenschlichen so viele, weil er
ihnen als Individuum entgegentritt. Dann sind Menschen zur Empathie willens
und fähig.
Wer zu einer anonymen Masse entmenschlicht wird, dessen Leid rührt nicht
mehr an. So wird Akzeptanz geschaffen für eine Politik, die den Tod
einpreist.
4 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christian Jakob
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