# taz.de -- Theaterstück über Artensterben: Das groovende Requiem
       
       > Täglich sterben bis zu 150 Tierarten aus. Am Theater Freiburg betrauert
       > die „Revue. Über das Sterben der Arten“ dieses massenhafte Verschwinden.
       
 (IMG) Bild: Nadine Geyersbach, Anja Schweitzer, Hale Richter, Siegfried W. Maschek in Revue. Über das Sterben von Arten
       
       Ein ganzes Land fiebert mit: Wird es der Buckelwal hinaus ins offene Meer
       schaffen? Keine Anstrengung scheint zu groß, um das Leben des bereits
       mehrfach gestrandeten Säugers zu retten. Das Herz geht einem auf. Nur – so
       darf man aus der kritischen Distanz heraus fragen – was ist eigentlich
       unser Mitgefühl mit den Millionen anderen Tieren, die durch unsere
       Massentierhaltung enorme Qualen erleiden? Wie steht es mit den anderen
       Meeresbewohnern, den ‚Meeresfrüchten‘ auf unserem Teller? Und wie sieht es
       mit jenen Wesen aus, die inzwischen von der Erde und aus unserem Gedächtnis
       verschwunden sind?
       
       Auf letztere macht nun die Uraufführung von „Revue. Über das Sterben der
       Arten“ [1][am Theater Freiburg] aufmerksam, und zwar mit einem riesigen
       Laufsteg. Ähnlich einer Modenschau defilieren die Darsteller:innen
       unter gleißendem Licht. Auch wenn sie zunächst in Alltagskleidung
       auftreten, ist rasch klar: Sie vertreten die ausgerotteten Tierarten. Um
       deren einstige Vielfalt zu spiegeln, hat sich [2][Intendant Felix
       Rothenhäusler] in seiner Inszenierung für ein entsprechend diverses
       Ensemble (unter anderen Nadine Geyersbach, Anja Schweitzer, Andy Zondag)
       entschieden. Wir sehen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe,
       unterschiedlichen Alters und Geschlechts. Bunt könnte man also sagen.
       
       Was sie tun? Vor allem Laufen, stramme 80 Minuten Laufen. Mit kleinen
       Variationen. Mal tänzeln sie ein wenig, mal deuten sie Flügel an oder
       winken wie zum Abschied. Mitunter wechseln sie hier und da den Look, ziehen
       Decken über den Kopf oder tragen Motorradhelme, die man am ehesten als
       Symbol eines zerstörerischen Fortschritts lesen kann. Seien es die frühen
       Jagden des Homo sapiens oder die maschinell betriebenen Waldrodungen in der
       Moderne – der Mensch (und seine Vorstufen) entfaltet seit seinem Bestehen
       eine Gewalt mit irreversiblen Auswirkungen.
       
       ## Aus Sicht der Opfer
       
       Umso wichtiger erscheint es dem Regisseur, der sein Werk bereits 2022 in
       ähnlicher Aufmachung am Theater Bremen zeigte, nun die Geschichten aus
       Sicht der Opfer zu erzählen. Dazu treten die Marschierenden des Abends
       abwechselnd ans Mikrofon. Sie berichten. Zum Beispiel vom Dodo, diesem
       tölpelhaft anmutendem Bodenbrüter, der nur 64 Jahre nach seiner Entdeckung
       1662 als ausgestorben galt. Oder von der Atlasschildkröte. Über 12
       Millionen Jahre bewohnte sie unseren Planeten, bevor sie verschwand.
       
       Oder einstmals vom in Hawaii ansässigen Königskleidervogel. Ob seines
       royalen Federkleids war auch ihm, nachdem er in den Fokus des Menschen
       geraten war, nur ein kurzes Dasein beschert. Oder dem neuseeländische
       Haastadler, der sich primär von Moas ernährte. Fielen diese jedoch ebenso
       dem unstillbaren Hunger unserer Spezies anheim, verschied bald darauf auch
       das letzte Exemplar dieses größten Greifvogels der Neuzeit.
       
       Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und sie veranschaulicht in ihrer
       abendfüllenden Länge die Dramatik der humanen Hegemonie. Und sie ist
       Ausweis der immer gleichen, sich über die Jahrtausende kaum verändernden
       Mechanismen. Auf Gier und Ressourcendrang folgen Massensterben und
       Verdrängung.
       
       Passend dazu fußt das gesamte Konzept der neben Rothenhäusler von
       [3][Theresa Schlesinger] und Jan Eichberg entwickelten „Revue. Über das
       Sterben der Arten“ auf Wiederholung. Nicht nur beschreiten die
       Spieler:innen stets dieselbe Strecke, auch die Musik (Jo Flüeler und
       Moritz Widrig) basiert auf sich wiederholenden Percussion- und
       Bassrhythmen.
       
       ## Redundanz in Loops
       
       Die Beats erinnern an die Brutalität, ihre schleifenartige Redundanz
       markiert die menschliche Ausbeutung der Erde. Aber sie führen ebenfalls zu
       einem merkwürdigen Nebeneffekt: Die Zuschauer:innen, die übrigens beidseits
       des Laufstegs einander gegenübersitzen (sowohl als passive Beiwohnende als
       auch Täter:innen), grooven sich ein. Sie nicken im Takt, schwingen bei den
       bisweilen sich steigernden und variierenden elektronischen Sounds mit,
       wodurch nach und nach eine wohlige, ja losgelöste Stimmung entsteht.
       
       Während wir einerseits einer traurigen Rückschau gewahr werden, die in der
       Verbindung aus Nachruf und Ton mitunter an ein Requiem denken lässt, fühlen
       wir uns zugleich, ungeachtet aller Ironie, in Tanzlaune versetzt. Dadurch
       verspielt Rothenhäusler ein wenig von der Drastik, die er in seinem
       ansonsten ambitionierten Bühnenexperiment vor Augen führt.
       
       Sie beginnt mit einer Hollywood-Filmmusik-artigen Fanfare und klingt mit
       Vibrafon im Crescendo aus. Ein Ende der Unterdrückung von Flora und Fauna
       scheint kaum in Sicht. „Fehlt nur der Wal“, meint eine Besucherin auf den
       Rängen – „noch“, würden Zyniker:innen wahrscheinlich ergänzen. Aber für
       Galgenhumor, so die Botschaft dieser eindrücklichen Uraufführung, ist die
       Zeit längst vorbei.
       
       30 Mar 2026
       
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