# taz.de -- Puppenspielerin über ihr Handwerk: „Die Faszination kommt aus der Kindheit“
> Karin Schmitt kennt die Magie des Puppenspiels. Es ist dieser besondere
> Moment, wenn tote Materie zum Leben erweckt wird, sagt die
> Puppenspielerin
(IMG) Bild: Puppenspielerin mit Maske: Karin Schmitt mit Arbeitsmaterial
taz: Ist [1][Puppenspiel Kinderkram], Frau Schmitt?
Karin Schmitt: Also, es hat auf jeden Fall mit Kindheit zu tun. Der Kern
des Puppenspiels ist, tote Materie scheinbar zu beleben. Die Faszination
darüber und die Naivität, diese Magie zu akzeptieren, die kommen bestimmt
aus der Kindheit. Das bedeutet aber nicht, dass Puppenspiel nur für Kinder
ist.
taz: Sie spielen professionell mit Puppen – das heißt, Sie treten mit ihnen
auf. Wie nennt sich Ihr Beruf, sind Sie Marionettenspielerin,
Puppenspielerin, Figurentheatermacherin? Und wie haben Sie sich darauf
vorbereitet?
Schmitt: Ich habe an der [2][Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch] in
Berlin studiert. Die Fachrichtung heißt dort Puppenspielkunst, und ich
bezeichne mich als Puppenspielerin. Der Begriff knüpft an die Tradition an,
zeigt den Willen, mit den Wurzeln in Verbindung zu bleiben. Aber ob man von
Figuren, Puppen oder Objekten und entsprechend von Figuren- oder
Puppentheater spricht, ist eigentlich egal, es meint dasselbe. Marionetten
sind wiederum eine besondere Technik, eine Untergattung.
taz: Aber es geht immer darum, dass das Publikum den Menschen hinter der
Puppe vergisst und nur auf die Figur schaut?
Schmitt: Genau, es geht um Animation, darum, fremde Körper und tote Materie
zum Leben zu erwecken. Man kann alle möglichen Objekte nehmen, auch
Maskenspiel ist eine Variante. Dieser Moment, in dem die Materie anfängt zu
leben, das ist die Magie des Puppenspiels.
taz: Wann haben Sie diese Magie selbst zum ersten Mal erlebt?
Schmitt: Ehrlich gesagt, habe ich mich an der Schule beworben, ohne genau
zu wissen, was mich erwartet. Es war ein offener Spielraum, wo alles
möglich war. Davor hatte ich Lehramt studiert, aber eine schwierige
Erfahrung bei den ersten Schritten im Beruf gemacht. Danach habe ich etwas
gesucht, was mir einen neuen Freiraum aufschließt. In der Schule ging es
mit einem Animationsseminar los: Wie kommt das Leben in die tote Materie?
Man fängt mit Objekten an: Wie atmet eine Tasche, wie bewegt sie sich? Dann
lernt man Techniken: Welche Puppen gibt es, wie geht Schattenspiel oder
Marionette? Aber im Kern steht immer, wie das Leben ins Material kommt.
taz: Dass Sie heute in Schleswig-Holstein leben und arbeiten, wurde Ihnen
nicht gerade an der Wiege gesungen. Die Wiege stand nämlich in Schweden,
aber aufgewachsen sind Sie in Frankreich – wie das?
Schmitt: Meine Mutter war Schwedin, mein Vater Franzose aus dem Grenzgebiet
an der Mosel. Meine Eltern lernten sich in Stockholm kennen, wo mein Vater
eine Stelle an der Uni hatte, meine Mutter war noch Studentin. Meine
Schwester und ich wurden dort geboren. Als der Vertrag meines Vaters
auslief, stand die Frage im Raum, wie es weitergeht. Mein Vater hatte die
Möglichkeit, nach Frankreich zurückzukehren und als Lehrer zu arbeiten. Wir
gingen nach Lothringen, wo meine Eltern ein Haus bauten. Da bin ich
aufgewachsen. Wir Kinder waren damals noch klein, aber meine Mutter war
vermutlich nicht so begeistert, sie sprach kein Wort Französisch.
taz: Ihr Vater Claude Henri Schmitt war nicht nur Lehrer, sondern auch
Künstler.
Schmitt: Genau, er hat sein Leben lang gemalt. Zu Lebzeiten hat er wenig
ausgestellt und verkauft. Er hinterließ mehr als 1.000 Bilder und gut 5.000
Aquarelle. Ein großer Schatz, eine große Verantwortung, aber wie geht man
damit um? Meine Geschwister und ich haben 2021 einen Verein gegründet, alle
Bilder archiviert und Ausstellungen organisiert. Vermutlich hat mein Vater
nie so viel ausgestellt wie nach seinem Tod. Im vergangenen Herbst habe ich
mit einem Kameramann und einem Musiker einen Film über ihn gemacht, eine
20-minütige Doku, die mich gezwungen hat, mich noch einmal intensiv mit ihm
und seinem Werk zu befassen. Ich entdecke immer neue Seiten an ihm.
taz: Haben Sie darum ein Stück über Ihren Vater und seine Demenz auf die
Bühne gebracht?
Schmitt: Ja, „Das Portrait eines Vogels“. Das Stück hat übrigens bei den
[3][Heidelberger Theatertagen 2025] den zweiten Preis der Jury erhalten.
Das hat mich sehr gefreut, weil es für mich so ein persönliches Stück ist.
Auch die Produktion danach, „Blaue Herzen“, ist mit meinem Vater verbunden.
taz: Lässt sich ein Thema wie Demenz mit Puppen darstellen?
Schmitt: Am Anfang wollte ich meinem Vater künstlerisch begegnen und dazu
Projektionen seiner Werke auf die Bühne bringen, gucken, wie seine Malerei
mit Puppen reagiert, wie diese kunstvolle Welt mit der Naivität der Puppen
zusammenpasst. Dazu habe ich viel rumprobiert. Ich arbeite in diesen
Probenphasen eng mit Elisabeth Bohde, der Leiterin des [4][freien Theaters
Pilkentafel] in Flensburg, zusammen. Sie wollte mehr über meinen Vater und
seine letzten Lebensjahre erfahren, daraus hat sich das Thema Altwerden
entwickelt und wie sich so eine schwere Krankheit auswirkt. Der Vogel steht
für meinen Vater. Er ist unterwegs zwischen Erde und Himmel, schon in
seiner eigenen Welt, in den Bildern, die er selbst geschaffen hat. Am Ende
fliegt er davon, wie es so ist im Leben.
taz: Sie sagen, Sie probieren, Sie starten mit einem Bild – Sie haben
keinen fertigen Text oder ausgefeilte Ideen, wenn Sie ein neues Stück
beginnen?
Schmitt: Ja, das macht es für mich schwierig, etwa wenn ich ein Konzept für
eine Förderung schreibe. Ich habe eine Idee, aber weiß nicht, wohin sie
mich führt. Ich finde diesen Prozess spannend, ich mag die Freiheit,
anfangs nichts zu wissen und dann zu sehen, aha, dahin entwickelt es sich,
dahin will ich gehen.
taz: Das klingt nach einem großen Zeitaufwand, allein für die Entwicklung.
Schmitt: Stimmt, diese Phase der Findung ist ein langsamer Prozess, bevor
das Stück steht und in die Endproben geht. Früher bin ich viel getourt,
heute mache ich das weniger, das gibt mir Zeit für die Entwicklung. Wir
leben in einem großen Haus, in dem ich probe, ich habe eine Werkstatt, in
der ich an Puppen arbeiten kann.
taz: Sie leben hier auf dem platten Land …
Schmitt: Nee, so platt ist es nicht, eher hügelig. Aber ja, es ist
ländlich. Als wir 2011 hergezogen sind, waren mein Mann, Christof von
Büren, und ich beide selbstständig. Christof ist Bühnenbildner und
Figurenbauer, und er brauchte viel Platz für seine Arbeit. Daher haben wir
immer in größeren Objekten gelebt, erst in einer alten Textilfabrik in
Thüringen, dann in einer ehemaligen Schule in Sachsen-Anhalt. Aber das
soziale Klima dort wurde etwas schwerfällig, und wir wollten gern ans Meer.
Dann haben wir eher zufällig dieses Haus mitten im Nichts gefunden, das uns
sofort angesprochen hat. Unsere Töchter waren damals vier und sechs, sie
wollten unbedingt Pferde.
Dann lief uns die erste Katze zu, eine zweite wurde uns von einem Bauernhof
gebracht. Meine ältere Tochter wünschte sich Hühner, sie hat extra ein
Plakat gemalt, um uns davon zu überzeugen. Die Hühner hat im Lauf der Jahre
der Fuchs geholt, aber Ziegen halten wir noch. Die Mädchen wollten
eigentlich Hunde, aber die mag mein Mann nicht, und Ziegen sind tolle
Tiere. Als die Kinder noch kleiner waren, sind sie stundenlang mit ihnen
spazieren gegangen oder haben sich auf Skateboards ziehen lassen. Einmal
sind wir über Schleichwege 25 Kilometer bis zur Ostsee gewandert, damit die
Ziegen mal das Meer sehen.
taz: Spielen Sie eigentlich auch Stücke für Kinder?
Schmitt: Ja, viele, allerdings noch mehr, als meine eigenen Kinder kleiner
waren. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich nicht mehr so stark in
der Welt der ganz Kleinen zu Hause war und dass ich etwas anderes brauche.
Ich habe noch Kinderstücke im Repertoire, aber seit 2018 produziere ich vor
allem für Erwachsene.
taz: Dabei macht es doch bestimmt viel Spaß, vor Kindern zu spielen?
Schmitt: Schon, aber die Aufmerksamkeitsspanne ist kürzer geworden. Corona
war ein Einschnitt, es entstand eine Lücke, weil Kinder ohne Erfahrungen
mit Theater aufgewachsen sind. Ich erinnere mich an Vorstellungen, in denen
die Kinder vereinzelt saßen und Masken trugen. Für uns Spieler war das sehr
befremdlich, denn es entstand kein Gefühl von Publikum, es gab keine
Reaktionen. Inzwischen ist es wieder etwas besser geworden, aber ich
empfinde es als anstrengender als früher. Zum Beispiel das Märchen
„Sterntaler“ – ich liebe es sehr, aber es ist ein langsames Stück. Viele
Kinder sind durch die Medien ein anderes Tempo gewohnt, für sie ist es eine
Herausforderung, Langsamkeit auszuhalten. Oft heißt es sehr schnell: „Oooh,
langweilig.“
taz: Sie leben in Deutschland, schreiben und spielen Ihre Stück auf
Deutsch, dabei sind Sie nicht mit der Sprache aufgewachsen, oder?
Schmitt: Ja und nein. Unsere Familiensprache war Schwedisch, das Umfeld war
Französisch, aber meine Großeltern sprachen einen deutschen Dialekt. Sie
lebten im Grenzland, das hat ihr Leben bestimmt: Sie haben fünfmal die
Staatszugehörigkeit gewechselt, ohne ihr Dorf zu verlassen. Mein Vater war
erst in der deutschen, dann der französischen Schule, bei demselben Lehrer.
Sprich, Deutsch war nie weit weg, auch wenn ich es nicht ständig gesprochen
habe. Heute ist Deutsch meine Alltags- und Bühnensprache, Französisch
spreche ich privat, mit Kindern und Tieren.
taz: Sie haben sogar Deutsch studiert und wollten Lehrerin werden?
Schmitt: Ja, ich bekam ein Stipendium, mit dem ich an die Sorbonne gehen
konnte. Das war eine tolle Zeit, ich kam aus der tiefsten Provinz, dann –
tadaaa, Paris! Das war bombastisch. Das Studium habe ich geliebt, aber
wirklich Lehrerin zu werden, hatte ich nicht so auf dem Schirm. Irgendwann
stand ich in einem Pariser Vorort in einer Klasse, war 23 Jahre alt, hatte
Rilke gelesen, aber keine Ahnung, wie man unterrichtet. Vor mir saßen
Jugendliche, deren Umgangston und deren Probleme mir sehr fremd waren.
Das hat mich überfordert, ich konnte nicht weitermachen. Eine Weile habe
ich kleine Jobs angenommen und mich parallel bei Puppenspielschulen
beworben, in den Ländern, deren Sprache ich konnte, also Schweden,
Frankreich, Deutschland. Und in Deutschland hat es geklappt, genau das
Land, dessen Sprache ich am wenigsten beherrschte. Das Schöne war, dass
meine Schwester damals in Berlin lebte und wir in eine WG ziehen konnten.
Mit Deutsch hatte ich anfangs aber zu kämpfen. Improvisieren in einer
Fremdsprache ist nicht so leicht. Zeitweise mochte ich gar nicht auf der
Bühne sprechen, zum Vordiplom habe ich ein stummes Stück gezeigt.
Inzwischen bin ich über die Blockade hinweg, aber bis heute rede ich nicht
so viel in den Stücken, sondern lasse gern den Figuren ihren Platz.
taz: Wo und wie treten Sie auf? Gibt es genügend Bühnen in
Schleswig-Holstein?
Schmitt: Man baut sich über die Jahre sein Netzwerk. Für Kinderstücke gibt
es immer Bedarf, Erwachsenenstücke sind schwierig zu verkaufen. Die
klassischen Theater lehnen meistens ab, das sei nicht ihr Profil. Ich
kooperiere seit fünf Jahren mit der Flensburger Pilkentafel, und da
entsteht nach und ein Publikum. In der ersten Vorstellung saßen drei Leute,
inzwischen gibt es treue Fans. Sehr viel Spaß machen auch Festivals. Ich
finde es toll, dass Leute diese besondere Form lieben, aber nur vom
Erwachsenentheater zu leben, ist schwierig.
taz: Generell müssen freie Künstler:innen mit Unsicherheit leben – wie
gehen Sie damit um?
Schmitt: Man lernt, mit der Unsicherheit zu leben, und ich bin ein
optimistischer Mensch. Ja, manchmal ist es knapp, aber irgendwie geht es
trotzdem. In der Coronazeit habe ich anfangen, zu unterrichten, das ist ein
schöner Ausgleich und sorgt auch für planbare Einnahmen. Vor allem mag ich,
dass ich Menschen begegne, die ich sonst nie treffen würde. Ich unterrichte
Deutsch als Fremdsprache und Französisch. In den Deutschklassen sitzen zum
Beispiel Lastwagenfahrer aus Osteuropa oder Chinesinnen, die eine
Pflegeausbildung machen. Französisch lernen Leute, die es für den Urlaub
brauchen oder Jugendliche, die Panik vor der Abi-Prüfung haben. Diese
Vielfalt ist toll und verankert mich, denn ich lebe hier schon etwas
abseits der Welt, und die Gefahr ist recht groß, in einer Kunst- und
Theaterbubble zu landen. Ich muss nur aufpassen, dass es nicht zu viel wird
mit dem Unterricht, damit genügend Zeit für das Theater bleibt.
taz: Sie haben sehr eindrucksvolle Puppen. Woher stammen die – vom
hauseigenen Figurenbauer, also Ihrem Mann?
Schmitt: Christof, der inzwischen bei einem Theater als Bühnenbildner fest
angestellt ist, hat einiges für mich gebaut, andere Figuren habe ich selbst
gemacht. Zurzeit greife ich viel auf Sachen zurück, die bereits da sind.
Für das „Portrait eines Vogels“ etwa habe ich einen Kopf genommen, der bei
uns im Fundus lag und der mich angesprochen hat. Für das jetzt geplante
Stück arbeite ich mit einer großen Maske aus den Beständen. Mal sehen, was
das für eine Figur wird. Ich habe noch nicht genau geplant, sondern gucke,
was passen könnte. Oder was passt gerade nicht und erzeugt damit eine
Reibung, die es spannend macht?
taz: Was für ein Stück spielen Sie als nächstes?
Schmitt: Wie immer habe ich Schwierigkeiten zu sagen, wohin genau die Reise
geht. Das Stück soll „Die Dinge und das Verschwinden“ heißen, es dreht sich
um Frauenleben und um Objekte als Erinnerungsträger. Meine Mutter ist im
vergangenen Jahr gestorben, wir haben das Haus mit seinen vielen Objekten
und Erinnerungen geräumt. Mein Vater hat seine Bilder hinterlassen, aber
was bleibt von meiner Mutter? Das will ich in dem Stück erkunden.
15 Mar 2026
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