# taz.de -- Arthur Schnitzlers Novelle in München: Else in Barcelona
       
       > Leonie Böhm bringt „Fräulein Else“ in München auf die Bühne. Sie schafft
       > an den Kammerspielen ein großes, weil diskussionswürdiges Theater.
       
 (IMG) Bild: Fräulein Else (Julia Riedler) und ihr Kronleuchter
       
       Filous haben es ihr schon angetan. Gleich in der ersten Reihe wird sie
       fündig. Endlich ein adretter Mann, der ein Selfie mit ihr macht. Dass der
       kokette Flirt jedoch ein schmaler Grat sein und kippen kann, ist Else nach
       ihrer tragischen Geschichte bewusst. Ihr Vater hatte sie nämlich in einem
       Brief darum gebeten, sich zwecks eines Schuldenerlasses doch ein wenig um
       Herrn von Dorsday zu kümmern, einen Typen, der vieles dafür geben würde,
       die Frau einmal nackt zu sehen. Auf die erste übergriffige Begegnung, die
       Assoziationen zu [1][Weinstein] und [2][Epstein] weckt, folgen Trauer,
       Zweifel und Wut. Einzig ihr Suizid in der Vorlage, [3][Arthur Schnitzlers
       Novelle] „Fräulein Else“, bleibt an den [4][Münchner Kammerspielen] aus.
       
       Auch weil Julia Riedler, die 2025 zu Recht in Österreich zur Schauspielerin
       des Jahres gekürt wurde, in diesem Solostück von Anfang an cool, humorvoll,
       weitaus „empowerter“ als die literarische Figur auftritt. Da Regisseurin
       Leonie Böhm offenbar merkt, dass allein das Ringen der Protagonistin kaum
       eineinhalb mehrschichtige Stunden trägt, lässt sie ihre Darstellerin immer
       wieder ins Publikum treten, um zum Beispiel Geld zu sammeln. Dazwischen
       redet sie mit einem Herrn über Betäubungsmittel. Am meisten ragt – unter
       vielen Zurufen – eine Besucherin hervor (sie gehört nicht zum Theater!),
       die in Gesprächen nach der Inszenierung den Beinamen „Barcelona-Frau“
       erhält.
       
       Mehrfach teilt sie Else mit, wie sie sich richtig verhalten solle. Also
       Dorsday die Stirn bieten und dem Vater gleich dazu. Am besten solle die
       Protagonistin mit ihr in die nordspanische Stadt fahren und frei sein.
       Einerseits fasziniert einen die Kommunikation mit dem Publikum,
       andererseits zeigen die moralisch eindeutigen Meldungen die Schwäche dieser
       Aufführung auf. Die lockere Atmosphäre läuft Gefahr, das schwierige Dilemma
       der Figur zu banalisieren. Manch eine:r projiziert eine simple
       Schwarz-Weiß-Welt darüber, die den diffizilen Abhängigkeiten in der
       patriarchalen Matrix nicht gerecht wird. [5][Julia Riedler,] diese
       vielseitige, alle Bedenken überstrahlende Grazie, meistert die
       Herausforderung allerdings bravourös und hebt den Konflikt stets erneut auf
       die dramatische Ebene.
       
       ## Nur ein Kronleuchter leistet Riedler Gesellschaft
       
       Dabei findet fast der gesamte Abend vor dem Vorhang statt. Wir, die wir uns
       im ausgeleuchteten Saal selbst als Öffentlichkeit wahrnehmen, befinden uns
       mit ihr in der Wirklichkeit. Hier zieht sich die Darstellerin auch bis auf
       den Slip aus. Zuvor kommt sie auf einem Kronleuchter, dem einzigen
       Requisit, ins Schwanken oder setzt sich zwischen dessen an Phalli
       erinnernde Kerzen – wenige, dafür stimmige Bilder für eine unsichere,
       bedrohliche Realität.
       
       Zu entkommen vermag sie letzteren erst, als sich spät der Vorhang hebt und
       sie zwischen nunmehr drei Lüstern tanzt. Es ist die andere Else, die schon
       in einer berührenden Szene davor von einem leichteren Leben am Meer
       träumte. Sie sagt sich los, sobald sich der Theaterraum und damit das Reich
       der Imagination öffnet. Ein wenig naiv, bestimmt. Trotzdem ein überragendes
       und übrigens zu erhellenden Diskussionen danach animierendes
       Bühnenereignis.
       
       6 Apr 2026
       
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