# taz.de -- Bürgerrechtlerin zu Israels Todesstrafe: „Parteien haben Angst, sich gegen das Gesetz zu stellen“
> Die Wiedereinführung der Todesstrafe hat in Israel eine große Mehrheit,
> sagt die Bürgerrechtlerin Debbie Gild-Hayo. Sie hofft aufs
> Verfassungsgericht.
(IMG) Bild: An den Kragen: Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir mit goldenem Galgen als Anstecker
taz: Während Israel gemeinsam mit den USA Krieg im Iran führt und
[1][Israelis mehrfach täglich in den Luftschutzbunker laufen], will die
israelische Regierung die [2][Todesstrafe] wieder einführen. Ein skurriler
Moment dafür, oder nicht?
Debbie Gild-Hayo: Wir haben es mit einer Regierung zu tun, bei der die
eigenen Interessen Vorrang vor allem anderen haben. In der Knesset gibt es
einen Ausschuss für nationale Sicherheit. Im vergangenen Monat, seit Beginn
des Krieges, hat sich dieser Ausschuss nicht ein einziges Mal getroffen, um
Belange des Krieges zu besprechen: Brauchen Polizei und Feuerwehr etwas,
wie steht es um die Schutzräume? Nichts. 99 Prozent drehten sich darum,
dieses Gesetz unter Dach und Fach zu bringen.
taz: Das erste und letzte Mal wurde in Israel im Jahr 1962 jemand
hingerichtet: der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann. Die Todesstrafe war
seitdem weiterhin im Gesetz verankert, aber wurde in der Praxis nicht
angewandt. Wieso wollen die Rechtsextremen in der Regierung es ausgerechnet
jetzt wiederbeleben?
Gild-Hayo: Das Gesetz war in den letzten sechs Monaten eine große Kampagne
für Itamar Ben Gvirs Partei Jüdische Stärke, besonders in Hinblick auf die
Wahlen im Herbst. Aber die Todesstrafe für Araber war schon Ben Gvirs
Steckenpferd, bevor er bei den letzten Wahlen antrat. Die israelische
Regierung muss den Haushalt bis Ende dieses Monats verabschieden – und der
war Ben Gvirs Hebel. Seine Partei drohte damit, den Haushalt zu blockieren,
wenn das Gesetz nicht durchkommt. Man muss sagen, mit dem Gesetz, auf
dessen Basis Eichmann gehängt wurde, waren wir näher an internationalem
Recht als mit dem Gesetz, das jetzt verabschiedet werden soll. Das
Völkerrecht schreibt beispielsweise bestimmte Verfahren und das Recht auf
Amnestie vor. Mit dem aktuellen Gesetz werden all diese Bestimmungen
ausgehöhlt und die Verhängung der Todesstrafe erleichtert.
taz: Der Entwurf ist in den vergangenen Monaten oft modifiziert worden.
Einer der Knackpunkte: Die Todesstrafe soll nur für Palästinenser gelten.
Gild-Hayo: Dabei bleibt es wohl. Es soll unterschiedliche Gesetze für das
Westjordanland und Israel geben. Im Westjordanland gilt für Palästinenser
das Militärrecht. Wenn dort dann Palästinenser vor Militärgerichten wegen
eines terroristischen Mordes verurteilt werden, müssen sie mit der
Verhängung der Todesstrafe rechnen – es sei denn, das Gericht stellt fest,
dass besondere Umstände vorliegen, die eine Umwandlung der Strafe in
lebenslange Haft rechtfertigen. Der Angeklagte könnte gegen das Todesurteil
Berufung einlegen.
In Israel selbst wäre die Todesstrafe zunächst einmal nicht obligatorisch,
weil man das Gesetz an den internationalen Standard anpassen will. Die
Todesstrafe würde aber auch dort nur für Palästinenser gelten. Denn
bestraft würden damit potenziell Personen, die wegen eines terroristischen
Mordes verurteilt werden, der mit der Absicht begangen wurde, den Staat
Israel auszulöschen. Das gilt nur für Araber.
Für jüdische Siedler, die im Westjordanland leben, gilt nicht
militärisches, sondern israelisches Recht. [3][Und für die rechte Regierung
ist das, was Siedler Palästinensern antun, ohnehin kein Terror]. Selbst
wenn es – was in ihrer Rhetorik kaum vorkommt – so bezeichnet würde, könnte
dieses Gesetz es nicht ahnden.
taz: Eines der Argumente der rechten Kampagne ist: Das Gesetz soll
„Erpressung“ unmöglich machen, beispielsweise einen Austausch zwischen
palästinensischen Gefangenen und israelischen Geiseln, wie wir sie nach dem
7. Oktober erlebt haben.
Gild-Hayo: Ja, sie argumentieren, dass die Regierung dann keine Möglichkeit
hätte, die Freilassung von Gefangenen zu veranlassen, wenn diese zum Tode
verurteilt wurden oder verurteilt werden können. Fatal daran ist, dass dies
eine künftige Regierung in Bezug auf Friedensverhandlungen, politische
Verhandlungen oder Geiselnahmen einschränkt, da es keinen Spielraum für die
Freilassung von Personen gibt, die wegen Terrorismus verurteilt und zum
Tode verurteilt wurden.
taz: Wie Sie sagen, dient das Gesetz den rechtsextremen Teilen der
Regierung als Aushängeschild. Ben Gvir, Minister für Nationale Sicherheit,
läuft seit einiger Zeit mit einer Anstecknadel in Form eines Galgens herum.
Seine Parteikollegin, die Parlamentsabgeordnete Limor Son Har Melech,
verkleidete sich an Purim als „Todesstrafe für Terroristen“ mit Giftspritze
und Strick. Was sagt das über die gesellschaftliche Stimmung aus?
Gild-Hayo: Es ist nicht so, dass die Mehrheit in Israel gegen dieses Gesetz
ist. Die finden es nicht schlimm, Terroristen zu töten. Das war schon immer
so, aber der 7. Oktober und das Trauma, das die Gesellschaft hier erlebt
hat, hat Auswirkungen darauf, wie die Israelis Gesetze dieser Art sehen.
Gleichzeitig spielt auch die Art und Weise, wie die Regierung die
israelische Bevölkerung über das Leben der Palästinenser „aufklärt“, eine
Rolle, die Entmenschlichung, die Aufstachelung, die Gewalt. Es ist schwer,
das der Außenwelt zu vermitteln.
taz: Die Opposition steht dem Gesetz hilflos gegenüber?
Gild-Hayo: Es gab einige Parteien und Politiker*innen, die sich von Anfang
an gegen das Gesetz ausgesprochen haben, andere haben politische Abwägungen
getroffen: Sie haben Angst, sich zu entschieden gegen dieses Gesetz zu
stellen, weil sie wissen, dass die Öffentlichkeit nicht so sehr dagegen
ist. Und wenn sie sich dagegenstellen, wird die Rechte das nutzen, um
Stimmung gegen sie zu machen und zu behaupten, sie würden Terrorismus
unterstützen. Und dann dürfen wir nicht vergessen, dass die Hälfte der
Opposition rechtsgerichtet ist. Die Partei Israel Unser Haus beispielsweise
ist zwar in der Opposition, aber treibt das Gesetz seit Langem voran –
schon lange vor Ben Gvir.
taz: Es gab 2024 [4][eine Hasskampagne gegen Sie], die am Ende auch Ihre
Familie und Freunde betraf. Ihre Organisation ACRI hat schließlich eine
Sicherheitsfirma für Sie engagiert. Wie hoch ist der Preis, den Sie für
Ihre Menschenrechtsarbeit zahlen?
Gild-Hayo: Die Hasskampagne gegen mich war ein Beispiel für die Art, wie
sie auch gegen viele andere Linke und Aktivist*innen geführt wird. Es
ist ein ganzes System, das dahintersteckt. Es ist mit der Regierung
verbunden, aber oft scheint erst einmal so, dass sie es nicht persönlich
tun. Wobei in meinem Fall dann doch Zvika Fogel, ein Parlamentsmitglied von
Ben Gvirs Partei Jüdische Stärke, mit einem Post begonnen hat. Ich hatte
kurz nach dem 7. Oktober über die Rechte von Gefangenen gesprochen, und sie
drehten es so, als wäre ich für Terrorismus. Es war schrecklich und
traumatisch, nicht nur für mich. Und die Kampagnen gegen
Menschenrechtsaktivisten, Politiker und auch Journalist*innen gehen
weiter. Gerade gibt es einen neuen Trend, bei der rechte Aktivist*innen
physisch hinter Journalist*innen und anderen herlaufen und sie dann
nicht weitergehen lassen.
taz: Was machen Sie, wenn das Gesetz am Montag durchkommt?
Gild-Hayo: Wir von ACRI werden sofort eine Petition dagegen beim Obersten
Gericht einreichen. Und hoffentlich wird das Gericht, selbst wenn es nicht
entscheidet, dass das gesamte Gesetz verfassungswidrig ist, zumindest
feststellen, dass einige seiner Bestimmungen es sind.
29 Mar 2026
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(DIR) [3] /Angriff-auf-palaestinensische-Familie/!6163483
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(DIR) Judith Poppe
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