# taz.de -- Abstimmung in der Knesset: Todesstrafe nur für Palästinenser?
> Menschenrechtler hatten davor gewarnt. Nun hat die Knesset ein Gesetz
> beschlossen, um wegen tödlicher Überfälle verurteilte Palästinenser zu
> erhängen.
(IMG) Bild: Hat sein Anliegen durchgebracht: Der israelische Premier Benjamin Netanjahu in der Knesset
Israels Parlament hat am Montagabend ein Gesetz zur Wiedereinführung der
[1][jahrzehntelang ausgesetzten Todesstrafe] verabschiedet, das sich vor
allem gegen Palästinenser richtet. 62 der 120 Knessetabgeordneten stimmten
für den Gesetzesentwurf der rechtsextremen Regierungspartei „Jüdische
Stärke“ des Ministers für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, unter
ihnen auch Regierungschef Benjamin Netanjahu. Europäische Regierungen,
Menschenrechtsorganisationen und Kirchenvertreter hatten bis zuletzt vor
dem Schritt gewarnt.
Die Todesstrafe war in Israel nie abgeschafft, wurde aber in der
Vergangenheit nur zweimal angewendet, zuletzt gegen den Nazi-Verbrecher
Adolf Eichmann 1962. De facto gehört Israel damit zu den Ländern, die früh
auf ihre Anwendung verzichtet haben. Die neue Gesetzesfassung aber macht
sie vor israelischen Militärgerichten gar obligatorisch für terroristische
Morde, lebenslange Haft muss besonders begründet werden, was die bisherige
Praxis umkehrt. Betroffen wären davon fast ausschließlich Palästinenser im
israelisch besetzten Westjordanland.
Zudem müssen die Militärgerichte künftig nicht mehr einstimmig entscheiden,
es genügt, wenn die Mehrheit der Richter das Todesurteil befürwortet. Laut
der [2][Menschenrechtsorganisation] B’Tselem kamen israelische
Militärgerichte in der Vergangenheit auf eine Verurteilungsrate von 96
Prozent gegen palästinensische Angeklagte.
## Auch lebenslange Haft zugelassen
Für jüdische Angeklagte hingegen gilt auch in den besetzten Gebieten das
Zivilrecht. Dieses lässt die Wahl zwischen der Todesstrafe und lebenslanger
Haft. Der zunehmende Terror aus der jüdischen Siedlerbewegung auf
Palästinenser wäre dennoch nicht betroffen, da sich die Taten zudem gegen
„die Existenz des Staates Israel“ richten müssen. Ohnehin müssen Israelis
auch für tödliche Angriffe auf Palästinenser bereits heute kaum mit Strafen
rechnen: Seit dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 wurden mehr als 1.000
Palästinenser von Soldaten und Siedlern getötet. In kaum einem dieser Fälle
gab es rechtliche Konsequenzen.
Im Falle einer Verurteilung muss die Hinrichtung binnen 90 Tagen durch
Erhängen vollstreckt werden, berichten israelische Medien. Ben Gvir und
Parteikollegen tragen schon seit Monaten immer wieder Anstecker mit
Galgenschlingen. Verurteilte sollen in dieser Zeit in separaten
Haftanstalten festgehalten werden. Rechtsbeistand soll dann nur noch per
Video-Schalte möglich sein.
Im Vorfeld hatte es international und in Israel Kritik gegeben: Am
Sonntagabend hatten die Außenminister mehrerer europäischer Staaten „tiefe
Besorgnis“ geäußert, darunter Deutschland. Die Todesstrafe sei „eine
unmenschliche und erniedrigende Form der Bestrafung ohne jegliche
abschreckende Wirkung“. Ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel
bezeichnete das Gesetz als „diskriminierend“ und „eindeutigen Rückschritt“.
Der spanische Regierungschef Pedro Sánchez kritisierte das Gesetz als
„asymmetrische Maßnahme“, da es nicht für Israelis gelten solle, „die die
gleichen Verbrechen begangen haben“. „Das ist keine Gerechtigkeit. Es ist
ein weiterer Schritt hin zur Apartheid“, schrieb Sánchez auf X.
Aus Washington kam dagegen Verständnis. „Die USA respektieren das souveräne
Recht Israels, seine eigenen Gesetze und Strafen für Menschen festzulegen,
die des Terrorismus für schuldig befunden wurden“, erklärte ein Sprecher
des Außenministeriums.
Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem sprach von einem „neuen
Tiefpunkt der Entmenschlichung der Palästinenser“. Amnesty International
forderte die sofortige Aufhebung des Gesetzes und rief die internationale
Gemeinschaft zu „maximalem Druck“ auf Israel auf. Wenn sie gegen
Palästinenser in den besetzten Gebieten verhängt würden, könnten
Todesurteile auch Kriegsverbrechen gleichkommen, erklärte
Amnesty-Regionaldirektorin Erika Guevara-Rosas.
## Unvereinbar mit Israels Grundrechten
„Ich denke, es gibt eine gute Chance, dass der Oberste Gerichtshof
zumindest Teile des Gesetzes für ungültig erklärt“, sagt Yuval Shany,
Professor für internationales Recht an der Hebräischen Universität in
Jerusalem. Die diskriminierende Anwendung der Todesstrafe faktisch nur für
Palästinenser, die fehlenden Berufungsmöglichkeiten sowie das Hängen als
Hinrichtungsmethode seien allesamt potenziell unvereinbar mit Israels
Grundrechten und internationalem Recht.
Doch politisch können Ben Gvir und dessen Mitstreiter fast nur gewinnen.
Sie haben seit dem 7. Oktober 2023 immer härtere Maßnahmen gegen gefangene
Palästinenser durchgesetzt. Mehr als 10.000 sitzen in israelischen
Gefängnissen, in denen laut Menschenrechtsorganisationen systematisch
gefoltert wird. Nicht alle in der Opposition stören sich daran. Der
Vorsitzende der oppositionellen „Unser Haus Israel“-Partei, Avigdor
Lieberman, etwa gilt als Unterstützer der Todesstrafe, ebenso wie Umfragen
zufolge rund die Hälfte der israelischen Bevölkerung.
Stellt sich der Oberste Gerichtshof hingegen gegen Teile des Gesetzes,
liefert er der Regierungskoalition neue Angriffsfläche. Deren Mitglieder
arbeiten seit Jahren daran, die Macht der Judikative zu beschneiden. Zudem
könne es laut Shany sein, dass das Gericht das Gesetz erst anhand eines
konkreten Falls untersuche. „Wenn das passiert, kann es Jahre bis zu einer
Entscheidung dauern.“
30 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Felix Wellisch
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