# taz.de -- Merz über Gewalt von Männern: Bleiben oder gehen?
       
       > Kanzler Merz macht fragwürdige Aussagen über Gewalt und Migration.
       > Daraufhin fragt sich die Oma unserer Autorin, was das für ihr Leben hier
       > bedeutet.
       
 (IMG) Bild: „Alle sagen immer, die AfD, das seien die Nazis, die seien das Problem. Aber der Kanzler redet doch genau so“, sagt meine Großmutter
       
       Das Telefon klingelt. Meine Großmutter ist dran. „Warum sagt er so was?
       Warum sind denn wieder die Migranten schuld?“, fragt sie. Gemeint ist
       [1][Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Worte] über „explodierende“
       Gewalt von Männern in Deutschland, über einen „beachtlichen Teil“ von
       Zuwanderern, die diese Gewalt ausübten.
       
       Er hat es im Bundestag auf die Frage gesagt, wie er sich zu der Debatte
       über Gewalt an Frauen im Internet äußern möchte. Aufgekommen ist die
       Debatte wegen der Vorwürfe von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann
       Christian Ulmen. [2][Bei den Vorwürfen geht es um digitale Gewalt, um das
       Erstellen von Fake-Profilen und pornografischen Deepfakes], aber auch um
       körperliche Übergriffe.
       
       Es geht dabei um Macht, Grenzüberschreitungen und Verantwortungsübernahme.
       Migration spielt in diesem konkreten Fall keine erkennbare Rolle. Merz
       nimmt diesen gesellschaftlichen Moment, in dem man eigentlich überlegen
       sollte, wie Gewalt entsteht und sie verhindert werden kann, zum Anlass, um
       über Migration und Zugehörigkeit zu sprechen. Was bei meiner Großmutter
       ankommt: das Gefühl, wieder gemeint zu sein.
       
       Sie kamen in den 1970er-Jahren nach Deutschland, wie viele andere. Haben
       gearbeitet, Familien gegründet, sich ein Leben aufgebaut. Leise und
       unspektakulär. Für Jahrzehnte leben sie in einer Kleinstadt in
       Niedersachsen, Fachwerkhäuser, ein ruhiger Alltag.
       
       ## Auch in den Kleinstädten hat sich was verändert
       
       Heute ist dort politische Realität, dass 27 Prozent die AfD wählen und 28
       Prozent die CDU. Auch dort, sagen meine Großeltern, hat sich etwas
       verändert. Im Ton, im Blick, im Umgang. Deutschland war für sie nie eine
       offene Frage. Jetzt ist es eine. Verbunden mit Unsicherheit, die sich in
       dem Anruf meiner Großmutter zeigt: Warum sagt er so was? Was bedeutet das
       jetzt? Was kommt als Nächstes?
       
       Denn bei solchen Aussagen kommen Erinnerungen auf. Erfahrungen, die sich
       eingeprägt haben. An die 90er-Jahre, an Brandanschläge von Mölln und
       Rostock-[3][Lichtenhagen]. Die Angst ist nicht neu, sagt meine Großmutter.
       Aber sie fühlt sich heute anders an.
       
       ## Diffuse Angst
       
       Die Angst hatte früher ein klareres Gegenüber. Täter, die benannt werden
       konnten, Ereignisse, die – so erschütternd sie waren – als Ausnahme galten.
       Was sich jetzt verändert, ist subtiler. Nicht mehr nur die Tat zählt,
       sondern der Ton. Die Verschiebung vom Einzelfall zur Verallgemeinerung.
       Wenn Gewalt pauschal mit Migration verknüpft wird, entsteht kein
       differenziertes Bild, sondern ein Klima – eines, in dem sich auch
       diejenigen angesprochen und mitgemeint fühlen, die mit dem konkreten Anlass
       nichts zu tun haben.
       
       Und mehr noch: Es entsteht ein Deutungsrahmen. Die Einteilung in gute und
       schlechte Migranten. Ein Muster, das politisch immer wieder genutzt wird –
       Menschen werden nach „nützlich“ und „problematisch“ sortiert. Auch
       innerhalb migrantischer Communitys wirkt das. Plötzlich geht es nicht mehr
       nur um Zugehörigkeit, sondern darum, sich von anderen Migrant:innen
       abzugrenzen – die von der weißen Mehrheitsgesellschaft als „die anderen“
       markiert werden. Meine Großeltern können sich dieser Logik nicht entziehen.
       Sie wissen, dass sie gemeint sein könnten – oder irgendwann vielleicht
       sogar gemeint sind.
       
       ## Keine abstrakte Debatte
       
       Mein Großvater spricht inzwischen vorsichtiger. Leiser. Überlegt, wann er
       Deutsch spricht und wann nicht, erzählt meine Großmutter am Telefon. Es
       sind kleine Verschiebungen im Alltag, kaum sichtbar – und doch
       entscheidend. Sie selbst sagt es einfacher: Man will ja nicht negativ
       auffallen. Und plötzlich steht eine Frage im Raum, die jahrzehntelang keine
       war: bleiben oder gehen?
       
       Es ist keine abstrakte Debatte mehr. Es ist ihr Alltag. Denn genau das
       zeigt politische Sprache: Sie verschiebt nicht nur Debatten, sondern auch
       Lebensrealitäten.
       
       Am Ende bleibt ein Satz meiner Großmutter, ruhig, aber bestimmt: „Alle
       sagen immer, die AfD, das seien die Nazis, die seien das Problem. Aber der
       Kanzler redet doch genau so, damit die Leute ihn weiterhin wählen. Dann ist
       die CDU doch auch ein Teil dieses Problems, oder etwa nicht?“
       
       26 Mar 2026
       
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