# taz.de -- Psychotherapie: 26 Wochen durchschnittliche Wartezeit
> Viele müssen in Deutschland monatelang auf eine Therapie warten,
> besonders Kinder und Jugendliche sind betroffen. Die Grünen fordern
> deshalb Reformen.
(IMG) Bild: Protest von Psychotherapeut:innen gegen Honorarkürzungen in Nürnberg im März 2026
Die Grünen fordern die Bundesregierung auf, die psychotherapeutische
Versorgung grundlegend zu stärken. Das geht aus einem Antrag der
Grünen-Bundestagsfraktion hervor. Konkret geht es um bessere
Bedarfsplanung, mehr ambulante Angebote und eine [1][gesicherte
Weiterbildung]. Die [2][Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther], selbst
Psychiaterin und Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, sagt: „Hilfe muss
schneller und passgenauer zur Verfügung stehen. Wer nicht rechtzeitig
Unterstützung bekommt, hat ein höheres Risiko, dass sich die Krankheit
verfestigt.“
Hintergrund sind [3][geplante Honorarkürzungen] für die ambulante
Psychotherapie. Kirsten Kappert-Gonther bezeichnet die Entscheidung als
„kurzsichtig“ und warnt vor einer Verschärfung bestehender
Versorgungslücken. Die Kürzungen senden ein fatales Signal an Betroffene.
Dabei ist der Bedarf hoch.
Psychische Erkrankungen haben in den vergangenen Jahren [4][deutlich
zugenommen], auch infolge multipler Krisen. Besonders betroffen sind Kinder
und Jugendliche. Laut aktuellem [5][„Schulbarometer]“ der Robert Bosch
Stiftung [6][berichtet inzwischen etwa jede:r Vierte von psychischer
Belastung], im Jahr 2024 war es noch etwa jede:r Fünfte.
Gleichzeitig stößt das System an seine Grenzen: Patient:innen warten im
Schnitt rund 26 Wochen auf einen Therapieplatz. Für Kinder und Jugendliche
haben sich die Wartezeiten seit Beginn der Pandemie laut einer [7][Studie
der Universität Leipzig] nahezu verdoppelt. „Für viele Betroffene bedeutet
das, dass sie gerade in Phasen akuter Belastung oder Krise monatelang auf
Hilfe warten müssen – mit erheblichen Risiken für ihre gesundheitliche
Entwicklung sowie für soziale Teilhabe und Erwerbsfähigkeit“, so
Kappert-Gonther.
## Zu wenig Therapieplätze auf dem Land
Wer auf dem Land einen Therapieplatz sucht, muss oft besonders lange
warten. Während es in Städten deutlich mehr Psychotherapeut:innen
gibt, bleibt die Versorgung in ländlichen Regionen lückenhaft, obwohl
psychische Erkrankungen dort ähnlich häufig auftreten. Ein Grund dafür
liegt in der Bedarfsplanung. Die Grünen fordern deshalb eine Reform.
Die Bedarfsplanung für die ambulante Psychotherapie basiert im Kern noch
immer auf Verhältniszahlen aus den 1990er‑Jahren. Zwar wurden diese zuletzt
teilweise angepasst, sie bilden den tatsächlichen Bedarf aber weiterhin nur
unzureichend ab. Ein Gutachten im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses
kam bereits 2018 zu dem Ergebnis, dass bundesweit über 2.400 zusätzliche
Kassensitze nötig wären. Tatsächlich wurden 2019 jedoch lediglich etwa 800
neue Kassensitze geschaffen. Psychotherapeut:innen ohne
Kassenzulassung dürfen gesetzlich Versicherte nicht vertragsärztlich
behandeln, weshalb die begrenzte Zahl der Kassensitze die Wartezeiten
weiter verlängert.
Die Grünen fordern auch eine eigene Bedarfsplanung für junge Patient:innen.
Mehr als jede zweite psychische Erkrankung beginnt in jungen Jahren und
kann Lernen und soziale Teilhabe beeinträchtigen. Längere Wege können viele
nicht allein bewältigen, sie sind auf wohnortnahe Angebote angewiesen.
Zwar haben CDU/CSU und SPD im Koalitionsvertrag angekündigt, die Versorgung
im ländlichen Raum und für Kinder und Jugendliche zu verbessern. Umgesetzt
ist das bislang nicht.
## Betroffene landen immer wieder in der Klinik
Menschen mit schweren oder chronischen psychischen Erkrankungen,
Suchterkrankungen oder zusätzlichen Belastungen wie Sprachbarrieren sind
laut Kappert-Gonther oft unterversorgt. In akuten Krisen landen sie mangels
ambulanter Hilfe in Notaufnahmen oder Kliniken und stehen nach der
Entlassung nicht selten wieder ohne Unterstützung da. Die Folge sind
erneute Einweisungen, ein „Drehtüreffekt“, der die Erkrankung zusätzlich
verfestigen kann. Sie bräuchten verlässliche, multiprofessionelle Hilfe,
die auch im Alltag greift.
Zwar hat der Gemeinsame Bundesausschuss 2021 und 2024 neue Regeln für eine
besser koordinierte Versorgung beschlossen, etwa durch eine engere
Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen und eine bessere Verzahnung von
Klinik und ambulanter Behandlung. Hohe Hürden beim Aufbau entsprechender
Netzwerke bremsen den Ausbau und das Angebot bleibt lückenhaft.
Die Folgen zeigen sich nicht nur für die Betroffenen selbst: Psychische
Erkrankungen [8][verursachten 2023 laut der Deutschen Gesellschaft für
Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde] rund 16
Prozent aller Krankheitstage und sind mit 42 Prozent die häufigste Ursache
für Frühverrentungen. Die Kosten gehen in die Milliarden – für das
Gesundheitssystem ebenso wie für die Gesellschaft.
## Bundesregierung will nicht eingreifen
Kappert-Gonther warnt vor einer Verschärfung bestehender Versorgungslücken
durch die geplante Honorarkürzung: „Wirtschaftlicher Druck darf den Zugang
zu Therapie nicht weiter erschweren.“
Die Bundesregierung will dennoch nicht eingreifen. In einer Antwort auf
eine parlamentarische Anfrage der Grünen, die der taz vorliegt, verweist
das Bundesgesundheitsministerium darauf, dass die Vergütung in der
Zuständigkeit der Selbstverwaltung liege und es lediglich die
Rechtsaufsicht ausübe.
27 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Weiterbildung-von-Psychotherapeutinnen/!6040074
(DIR) [2] /Wege-zur-psychischen-Gesundheit/!6040748
(DIR) [3] /Honorar-Kuerzungen-fuer-Psychotherapie/!6163163
(DIR) [4] /Psychische-Gesundheit/!6113192
(DIR) [5] https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/das-deutsche-schulbarometer
(DIR) [6] /Eine-Studie-zeigt-wie-belastend-der-Schulalltag-fuer-Schuelerinnen-ist/!6163320
(DIR) [7] https://link.springer.com/article/10.1007/s00278-022-00604-y
(DIR) [8] https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/a71c6af0841eb0236690e3d360630418d5f56c24/2025_DGPPN_Basisdaten%20Psychische%20Erkrankungen.pdf
## AUTOREN
(DIR) Laura Verseck
## TAGS
(DIR) Psychotherapie
(DIR) psychische Gesundheit
(DIR) Gesundheitspolitik
(DIR) Psyche
(DIR) Psychische Belastungen
(DIR) Psychische Erkrankungen
(DIR) Psychiatrie
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Psychotherapie
(DIR) Psychotherapie
(DIR) Schule und Corona
(DIR) Psychotherapie
(DIR) wochentaz
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Psychotherapeutische Ausbildung: Therapie bleibt Elitensache
Eine Reform sollte den Weg in den Therapeut*innen-Beruf erleichtern.
Geklappt hat es nicht. Vielen Kranken entgeht dadurch eine angemessene
Behandlung.
(DIR) Weniger Honorar für Psychotherapie: Es ist zum heulen!
Ab dem 1. April bekommen Psychotherapeut*innen weniger Honorar.
Wertschätzung sieht anders aus. Doch was genau ändert sich?
(DIR) Mentale Gesundheit von Schüler:innen: Pauken und Schnauze halten
Leistungsdruck, Mobbing, kaum Mitsprache: Eine Studie zeigt, wie belastend
der Schulalltag für Schüler:innen ist. Dabei gäbe es einfache Lösungen.
(DIR) Honorar-Kürzungen für Psychotherapie: Kritik von Sozialverband und Psychotherapeuten-Kammer
Psychotherapeuten sollen künftig weniger Honorar für ambulante Therapien
erhalten. Sozialverband und Psychotherapeuten-Kammer warnen vor den Folgen.
(DIR) Professorin und Arzt über Psychoanalyse: „Das Unbewusste lernt, sich zu wehren“
Christina von Braun und Tilo Held haben eine Geschichte des Unbewussten
geschrieben. Ein Gespräch über Vertrauen und Vorteile der Psychoanalyse.