# taz.de -- Weniger Honorar für Psychotherapie: Es ist zum heulen!
> Ab dem 1. April bekommen Psychotherapeut*innen weniger Honorar.
> Wertschätzung sieht anders aus. Doch was genau ändert sich?
(IMG) Bild: Zu wenig Therapieplätze sind beklagenswert
## 1 Worum geht es?
Die niedergelassenen Psychotherapeut*innen bekommen für die Behandlung
gesetzlich versicherter Patient*innen feste Honorare, aktuell sind das noch
knapp 120 Euro pro Einzel-Therapiestunde. Diese therapeutischen Honorare
[1][sollen nun zum 1. April um 4,5 Prozent sinken] – für die Einzelstunde
gibt es dann nur noch knapp 115 Euro. Parallel steigen dafür die
Strukturzuschläge für Personalkosten, um 14,5 Prozent, wovon vor allem gut
ausgelastete Praxen profitieren.
Für die Therapeut*innen bedeutet das nach Berechnungen des Spitzenverbands
der gesetzlichen Krankenversicherung GKV ein Minus von etwa 2,3 Prozent,
die Bundespsychotherapeutenkammer kommt auf Einbußen von mindestens 2,8
Prozent. Seit Bekanntgabe der Veränderungen Anfang März ist der Aufschrei
groß: In mehreren Städten organisierten Psychotherapeut*innen
Demonstrationen, eine Petition sammelte fast eine halbe Million
Unterschriften, und Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung, kündigte an, beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg
Klage einzureichen.
## 2 Wen genau betrifft das?
In Deutschland gibt es laut GKV knapp 42.000 ärztliche und psychologische
Psychotherapeut*innen mit GKV-Zulassung, die Anzahl hat sich seit 2013 mehr
als verdoppelt. Ein Großteil arbeitet in eigener Praxis, doch der Weg dahin
ist aufwendig und teuer: Nach einem Psychologiestudium (oder seltener einem
Medizinstudium), für das meist ein Einser-Abi nötig ist, folgt eine
mehrjährige Therapieweiterbildung und dann die Bewerbung um einen der raren
Kassensitze, ohne den Therapeut*innen keine gesetzlich versicherten
Patient*innen abrechnen dürfen. [2][Fast 80 Prozent] der niedergelassenen
psychologischen Psychotherapeut*innen sind Frauen.
## 3 Wie kam die Kürzung überhaupt zustande?
Jedes Jahr wird die Vergütung der Psychotherapeut*innen im
Bewertungsausschuss verhandelt – das ist ein Selbstverwaltungsgremium mit
Vertreter*innen der Ärzt*innen und Therapeut*innen sowie der gesetzlichen
Krankenkassen. Der Spitzenverband der GKV hatte dort zunächst 10 Prozent
Honorarkürzung gefordert. Weil es darum erwartbar Streit gab, kam der
erweiterte Bewertungsausschuss zusammen, in dem zusätzlich Unparteiische
sitzen. Hier wurde [3][am 11. März der „Kompromiss“ von 4,5 Prozent Kürzung
beschlossen] – die Vertreter*innen der Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen
wurden mit den Stimmen der Unparteiischen überstimmt.
## 4 Wie wird die Kürzung von den Krankenkassen begründet?
Der GKV-Spitzenverband argumentiert: Seit 2013 seien die Honorare der
Psychotherapeut*innen überdurchschnittlich gestiegen – von über 50 Prozent
ist die Rede, bei den verglichenen Ärzt*innen seien es dagegen rund 30
Prozent. Die GKV sei gesetzlich zu einer Angemessenheitsprüfung
verpflichtet und diese habe nun erstmals zu einer Absenkung der Honorare
geführt.
Der GKV-Spitzenverband betont zwar, dass die Honorarkürzung nicht zur
allgemeinen Kosteneinsparung in der aktuell extrem angespannten Finanzlage
der gesetzlichen Kassen diene. Aber angeführt wird auch: Die Ausgaben für
die ambulante Psychotherapie hätten sich in den letzten zehn Jahren
verdoppelt und machten aktuell mit 4,6 Milliarden Euro fast 10 Prozent der
jährlichen Kosten für die ambulante ärztliche Versorgung aus. Trotz mehr
Psychotherapeut*innen und höheren Kosten sei keine Verbesserung der
Versorgung mit verkürzten Wartezeiten zu erkennen. Man rechne durch die
Honorarkürzung mit kurzzeitigen Einsparungen von 90 Millionen Euro.
## 5 Und was sagen die Psychotherapeut*innen?
Die Hauptargumente der Psychotherapeut*innen gegen die Honorarkürzung sind:
Sie verdienten trotz Steigerungen in den letzten Jahren immer noch viel
weniger als Ärzt*innen, in der aktuellen wirtschaftlichen Lage sei eine
Kürzung absurd und lasse die Inflation außer Acht. Und schließlich das
emotionalste aller Argumente: Die psychotherapeutische Versorgung der
Bevölkerung werde dadurch noch schlechter, als sie ohnehin schon ist. Die
[4][Wartezeiten auf einen Therapieplatz] betragen laut
Bundespsychotherapeutenkammer schon jetzt durchschnittlich 4,5 Monate, bei
Kindern und Jugendlichen gilt die Lage als noch angespannter.
## 6 Wie viel verdienen Psychotherapeut*innen insgesamt?
Dazu kursieren unterschiedliche Angaben in den Medien. [5][Laut
Statistischem Bundesamt], auf das sich auch die GKV bezieht, betrug der
Reinertrag je psychologischem Psychotherapeut 72.000 Euro im Jahr 2023. Das
umfasst Therapeut*innen in Einzel- und Gemeinschaftspraxen sowie
medizinischen Versorgungszentren. In Einzelpraxen sind es 85.000 Euro.
Der Reinertrag ist das Brutto-Einkommen – nach Abzug der Praxisausgaben,
aber vor Steuern, Krankenversicherung und Altersvorsorge. Rund 88,5 Prozent
der Einnahmen kommen aus Kassenabrechnungen. Pro Monat wären das im Schnitt
zwischen 5.300 und 6.300 Euro Bruttoverdienst aus Kassenabrechnung. Das
Deutsche Psychotherapeutennetzwerk geht sogar von [6][nur 4.200 Euro
Bruttoverdienst im Monat aus].
## 7 Und was verdienen Ärzt*innen, mal zum Vergleich?
Tatsächlich sind deren Reinerträge deutlich höher – eine Hausarztpraxis zum
Beispiel kommt auf durchschnittlich 140.000 Euro je Arzt, für den
Praxisinhaber sind es sogar über 190.000 Euro. Was allerdings in der
Diskussion oft nur am Rand oder gar nicht erwähnt wird: Über 70 Prozent der
niedergelassenen Psychotherapeut*innen arbeiten in Teilzeit (halber
Kassensitz oder weniger), Tendenz seit Jahren steigend – bei den übrigen
Fachgruppen sind es 12 Prozent. Die realen Einkommen sind hier also nur
bedingt vergleichbar. Der GKV-Spitzenverband verweist darauf, dass eine
Praxis bei Vollauslastung (36 Therapiestunden pro Woche in 43 Wochen des
Jahres) auch nach der Honorarkürzung bis zu 150.000 Euro Reinertrag
einbringen könne. Nach herrschender Fachmeinung ist das aber kaum leistbar
– Stichwort „Empathie-Müdigkeit“.
Das wiederum könnte auch für Hausärzt*innen gelten, die bei einer
Vollauslastung nicht selten 60 Patient*innenkontakte pro Tag haben. Bloß
dürfte deren Gestaltungsmöglichkeit in Sachen Arbeitsumfang geringer sein.
Sie haben zudem mehr unternehmerische Verantwortung mit Angestellten und
teurem Praxisequipment. Die eigene Hausarztpraxis wird daher aufgrund der
hohen Belastung auch für Nachwuchskräfte zunehmend unattraktiver.
Ein eigenes Kapitel in Sachen Einkommensgerechtigkeit sind die
Fachärzt*innen. Mit einem je nach Fachrichtung noch einmal deutlich höheren
Jahreseinkommen und einem teils hohem Anteil an Privat- und
Selbstzahlerleistungen sind sie nur bedingt als Vergleichsgröße geeignet.
## 8 Wird die Versorgung jetzt schlechter?
Laut den Psychothera-peut*innen und ihren Selbstvertretungen geben die
geringeren Kassenhonorare den Anreiz, mehr Privatpatient*innen statt
gesetzlich Versicherte anzunehmen oder den Schwerpunkt auf die etwas besser
entlohnte Kurzzeit- und Gruppentherapie zu verlagern. Mittelfristig könnten
sich Nachwuchskräfte womöglich für attraktivere Jobs in der Wirtschaft oder
in Kliniken entscheiden. All das würde weiter zulasten des ambulanten
Therapieangebots gehen. Allerdings müssen Psychotherapeut*innen mit
Kassensitz eine Mindestzahl an Therapiestunden leisten. Und zumindest in
Großstädten sind frei werdende Kassensitze so begehrt, dass die
Vorbesitzer*innen teils sechsstellige Beträge dafür verlangen können.
## 9 Was bleibt jetzt von der Diskussion?
Die Psychotherapeut*in-nen versuchen berechtigterweise weiterhin, per
Wortmeldungen und Demonstrationen ihre Situation zu verbessern. Für die
gesetzlich Versicherten liegen die Probleme aber deutlich tiefer: Vor allem
die Bedarfsplanung für die psychotherapeutischen Kassensitze gilt als
völlig veraltet, die ambulante Versorgung von schwer und chronisch
Erkrankten als verbesserungswürdig. Das bekannte Problem des Verkaufs von
Kassensitzen benachteiligt vor allem Bewerber*innen ohne finanziellen
Rückhalt – mit allen klassistischen Verzerrungen, die das mit sich bringt.
Und die bislang ebenfalls teure und damit elitäre psychotherapeutische
Weiterbildung wurde zwar reformiert – [7][aber die Kostenübernahme noch
ungeklärt].
„Ich würde davor warnen, die Debatte auf die reine Frage der Honorare zu
verkürzen“, sagt Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der
Grünen. „Was wir jetzt brauchen, ist eine strukturelle Weiterentwicklung
der Versorgung.“ Die Bundestagsfraktion der Grünen [8][stellte in diesen
Tagen einen entsprechenden Antrag].
27 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv_spitzenverband/presse/pressemitteilungen_und_statements/pressemitteilung_2222400.jsp
(DIR) [2] https://www.kbv.de/infothek/zahlen-und-fakten/gesundheitsdaten/alter-und-geschlecht
(DIR) [3] https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv_spitzenverband/presse/pressemitteilungen_und_statements/pressemitteilung_2222400.jsp
(DIR) [4] https://www.bptk.de/pressemitteilungen/psychisch-kranke-warten-142-tage-auf-eine-psychotherapeutische-behandlung/
(DIR) [5] https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Dienstleistungen/Publikationen/_publikationen-innen-kostenstruktur-medizinischer-Bereich.html
(DIR) [6] https://dpnw.de/die_geschichte_der_4_5_kuerzung#folgen
(DIR) [7] /Weiterbildung-von-Psychotherapeutinnen/!6040074
(DIR) [8] /Psychotherapie/!6166100
## AUTOREN
(DIR) Manuela Heim
## TAGS
(DIR) Psychotherapie
(DIR) psychische Gesundheit
(DIR) Versorgung
(DIR) Krise
(DIR) Therapeut
(DIR) Therapie
(DIR) GNS
(DIR) Krankenversicherung
(DIR) Krankenkassen
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Gesundheit
(DIR) Psychotherapie
(DIR) Psychotherapie
(DIR) Schule und Corona
(DIR) Psychotherapie
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Psychotherapeutische Ausbildung: Therapie bleibt Elitensache
Eine Reform sollte den Weg in den Therapeut*innen-Beruf erleichtern.
Geklappt hat es nicht. Vielen Kranken entgeht dadurch eine angemessene
Behandlung.
(DIR) Psychotherapie: 26 Wochen durchschnittliche Wartezeit
Viele müssen in Deutschland monatelang auf eine Therapie warten, besonders
Kinder und Jugendliche sind betroffen. Die Grünen fordern deshalb Reformen.
(DIR) Mentale Gesundheit von Schüler:innen: Pauken und Schnauze halten
Leistungsdruck, Mobbing, kaum Mitsprache: Eine Studie zeigt, wie belastend
der Schulalltag für Schüler:innen ist. Dabei gäbe es einfache Lösungen.
(DIR) Honorar-Kürzungen für Psychotherapie: Kritik von Sozialverband und Psychotherapeuten-Kammer
Psychotherapeuten sollen künftig weniger Honorar für ambulante Therapien
erhalten. Sozialverband und Psychotherapeuten-Kammer warnen vor den Folgen.