# taz.de -- „Das Unbewusste lernt, sich zu wehren“
       
       > Christina von Braun und Tilo Held sind ein Paar. Sie haben zusammen eine
       > Geschichte des Unbewussten geschrieben. Ein Gespräch über Vertrauen,
       > KI-Therapeuten und die Vorteile der Psychoanalyse
       
       Interview Nina Apin
       
       taz: Herr Held, wenn Sie das Unbewusste bei sich auf der Behandlungscouch
       liegen hätten, über welche seelischen Nöte würde es wohl klagen? 
       
       Tilo Held: Vielleicht darüber, immer nur als bedrohlich gesehen zu werden
       und nicht mit seinen menschenfreundlichen Seiten: unsere Träume,
       Erinnerungen und Fehlleistungen.
       
       taz: Fehlleistungen, also versehentliches Versprechen, Vergessen, Verhören,
       die nach Freud auf verdrängte innere Konflikte hinweisen. 
       
       Held: Mit diesen Dingen beschäftigen wir uns in der Regel erst, wenn sie
       ins Bewusstsein getreten sind und unser Verhalten verändert haben, meist
       wird dies als Problem wahrgenommen. Aber das Unbewusste kann auch ein
       Verbündeter sein.
       
       Christina von Braun: Und es kann missbraucht werden. Das zeigt die
       Begriffsgeschichte des Unbewussten. Es taucht in der deutschen Romantik auf
       und spiegelt den Säkularisierungsprozess wider: Die Protestanten verliehen
       dem Unbewussten Attribute, wie man sie davor für Gott verwendete,
       allmächtig, allwissend … Mit der Freud’schen Psychoanalyse kommen Aspekte
       aus der jüdischen Tradition hinzu. Freud hatte vor allem die individuelle
       Biografie im Blick.
       
       taz: Freud schätzte das Unbewusste als schöpferische Kraft, nahm es aber
       auch als bedrohlich wahr. Er warnte, dass das Ich nicht mehr „Herr im
       eigenen Haus“ sei, wenn das Unbewusste nicht eingehegt würde. 
       
       von Braun: Für diese Einschätzung waren auch historische Entwicklungen
       verantwortlich: Im Demokratisierungsprozess setzte sich allmählich das
       Wahlrecht durch. Damit wurde das Individuum zum umkämpften Terrain: Man
       versuchte, die Wähler:innen bei ihren Emotionen zu packen, zunehmend
       mithilfe der aufkommenden Massenmedien Film, Radio und Fernsehen.
       Gleichzeitig entwickelten sich die Regeln des gesellschaftlichen
       Zusammenlebens immer stärker von einer Kultur des Vertrauens hin zu einem
       System des Glaubens.
       
       taz: Wie meinen Sie das? 
       
       von Braun: Vertrauenssysteme beruhen darauf, dass es ein ungeschriebenes,
       eher unbewusstes Gesetz darüber gibt, wie eine Gesellschaft
       zusammengehalten wird. Marcel Mauss hat etwa die Gesellschaft der Gabe
       beschrieben: Eine Gabe zirkuliert, man muss sie weitergeben oder eine
       andere zurückgeben, sonst ist es eine Kriegserklärung. Das schafft einen
       Zusammenhalt, den niemand von oben beherrscht, an den sich aber alle
       halten. Mich hat interessiert, wie dieses System allmählich ersetzt wurde
       durch Glaubensinstitutionen und -strukturen, die vom Bewusstsein gesteuert
       sind: Schrift, Geld, Religion. Während Vertrauen geschenkt und auch
       entzogen werden kann, wird Glaube bewusst dekretiert, in Dogmen
       festgehalten.
       
       taz: War der Nationalsozialismus ein solches Glaubenssystem? 
       
       von Braun: Ja, und die Nazis haben versucht, die Psychoanalyse, die
       eigentlich aus dem Vertrauenssystem kommt, in ein Glaubenssystem zu
       verwandeln. Sie wurde, unter tatkräftiger Mithilfe von Vertretern wie C.
       G.Jung, „arisiert“ und zu einem Mittel, nicht nur die Körper, sondern auch
       die Psyche zu beherrschen.
       
       Held: Der Glaube ist ein nicht angeborenes kulturelles Phänomen, wie die
       Religion. Das Vertrauen aber ist eine fundamentale Notwendigkeit des
       menschlichen Zusammenlebens, es ist angeboren. Wird es missbraucht,
       hinterlässt das tiefe Wunden.
       
       taz: Sie schreiben, dass Kinder, die von Verwandten oder nahen
       Bezugspersonen sexuell missbraucht wurden, zum Teil sogar stärkere Schäden
       davontragen als Menschen, die eine KZ-Haft ertragen mussten. 
       
       Held: Ich habe in den 1960ern viel mit Holocaustüberlebenden gearbeitet.
       Ich fand es frappierend, dass derart schlimme Verbrechen bei einigen
       Überlebenden nicht so fundamentale Beschädigungen hinterlassen haben, wie
       wir Analytiker vermuteten.
       
       taz: Sie haben im Auftrag der Bundesregierung Gutachten zu
       Entschädigungsansprüchen für Child Survivors geschrieben, Menschen, die als
       Kinder den Holocaust erlebt haben. 
       
       Held: Ich lebte damals in Frankreich und sollte Menschen treffen, die nicht
       nach Deutschland reisen wollten für die Begutachtung. Zu meinem Erstaunen
       waren gerade die Child Survivors viel weniger traumatisiert, als wir
       Therapeuten befürchtet hatten. Viele von ihnen standen fest im Leben,
       hatten Karrieren gemacht, waren Bindungen eingegangen.
       
       taz: War das ein Dilemma für Sie – es ging ja um die Höhe der
       Entschädigung? 
       
       Held: Ich habe die Gutachten so formuliert, dass der Staat immer noch
       zahlen musste. Denn das Gesetz maß Beschädigungen einzig nach dem Grad der
       Erwerbsfähigkeit und nicht etwa der Liebesfähigkeit. Trotzdem lehrten mich
       diese Fälle viel über das Unbewusste und brachten mich fachlich ins
       Zweifeln.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Held: In meiner psychoanalytischen Ausbildung habe ich viel über Traumata
       gelernt. Aber nichts über diese erstaunlichen Kräfte der Wiederherstellung.
       Heute bin ich mir sicher: Die traditionelle Psychoanalyse erfasst nur die
       individuelle Biografie und damit notwendigerweise vor allem das Negative.
       Aber sie erkennt nicht, was die vielen Generationen vor uns an gelungenen
       Problemlösungen an uns weitergeben.
       
       taz: Das heißt, wir werden immer resilienter im Lauf der Zeit – warum
       merkt man davon so wenig? 
       
       Held: Der Begriff wurde geschaffen, als man sah, dass viele der
       NS-Verfolgten großartige Lebensläufe hatten. Man dachte zuerst: Die einen
       sind eben resilient, die anderen nicht. Aber die Ausbildung von Resilienz
       ist an die Bedingung geknüpft, dass der Mensch, der aus einer Gemeinschaft
       ausgestoßen wurde, hinterher in die Gesellschaft wieder aufgenommen wird.
       Man hat gesehen, dass die unterschiedlichen Lebensläufe von
       Auschwitz-Überlebenden davon abhingen, in welchem Land sie nach der
       Befreiung gelebt hatten. Das waren große Unterschiede zwischen denen in
       Polen und denen in Israel oder den USA, wo sie das Jüdischsein als positive
       Selbstverständlichkeit erlebten.
       
       von Braun: Die Zeit danach, das Erleben in seiner Gemeinschaft willkommen
       zu sein, ist entscheidend für die Fähigkeit, die eigenen Kräfte zu
       mobilisieren.
       
       Held: Wir alle tragen in uns vielfältige Potenziale der Freiheit und des
       Schutzes. Aber die Umstände müssen uns befähigen, sie zu aktivieren. Ein
       Beispiel aus der Evolution: Über lange Zeit hatten Mütter ein hohes
       Sterberisiko bei Geburten. Kinder wären gestorben, wenn nicht andere
       versorgende Personen übernommen hätten. So entwickelte das Gehirn von
       Männern die Fähigkeiten, die man braucht, um ein Baby adäquat zu versorgen.
       
       von Braun: Schon frühere Generationen trugen das in sich, es wurde nur nie
       abgerufen.
       
       Held: Weil Kulturen, die stark auf Wehrhaftigkeit und Kriegsführung
       ausgerichtet sind, die Männer daran gehindert haben, sich um Babys zu
       kümmern.
       
       von Braun: Durch das Erstarken autoritärer Politik- und
       Gesellschaftsmodelle steht zu befürchten, dass demnächst wieder eine
       Verengung auf die Mütter stattfindet.
       
       taz: Können Männer diese Fähigkeit wieder verlieren? 
       
       von Braun: Nein, aber sie können sie nicht abrufen. Nicht weil die Natur
       „es so vorgesehen hat“, sondern weil die Kultur Männer und Frauen in
       bestimmte Rollen zwingt. Haben Sie sich mal gefragt, warum alle Rechten und
       Autokraten Gender, Transsexualität und fließende Geschlechtergrenzen
       hassen?
       
       taz: Ja, warum? 
       
       von Braun: Weil diese fluiden Grenzen – zwischen Nationen oder den
       Geschlechtern – nicht vereinbar sind mit autokratischen Glaubenssystemen
       und Normensetzungen. Die Flexibilität bietet Widerstandspotenzial, auch für
       die Zukunft. Aber das Pendel schlägt momentan eher in Richtung
       autokratischer Eindeutigkeiten.
       
       taz: In Richtung eines neuen Glaubenssystems? 
       
       von Braun: Genau. Gleichzeitig besetzen soziale Medien und künstliche
       Intelligenz unsere Psyche und unsere Emotionen derart, dass man sich fragt,
       woher Widerstand überhaupt kommen sollte.
       
       taz: Sie sprechen von einer Gleichschaltung durch soziale Medien. 
       
       von Braun: Die Gleichschaltung hatte historisch immer das Kollektiv im
       Blick. Der große Unterschied zu den Massenmedien der 1920er und 1930er ist:
       Die sozialen Medien von heute richten sich direkt ans Individuum. Die KI
       sagt: Du bist wunderbar. Ich verstehe deine Frage so gut. Bereits beim
       Brexit wurde deutlich, wie effektiv eine individuell zugeschnittene
       Wahlwerbung oder Manipulation ist.
       
       taz: Wir unterwerfen uns ihr sogar freiwillig. Ist das Unbewusste noch zu
       retten? 
       
       von Braun: Wir denken, ja. Das Unbewusste lernt, sich zu wehren. Ein
       historisches Beispiel: Um 1900 herum definierte man den
       Intelligenzquotienten, der mittlere Wert lag bei 100. Dann zeigte sich,
       dass der mittlere IQ alle 10, 15 Jahre erhöht werden musste. Die Fähigkeit,
       Bilder zu entziffern, war gewachsen. Mit den Massenmedien wuchs das Talent
       des Individuums, sich der Bilderflut zu entziehen, einen alphabetisierten
       Blick auf Bilder zu werfen.
       
       taz: Das Individuum kann sich also selbst abschirmen? 
       
       von Braun: Selbst in Extremsituationen. In den KZs haben Menschen ihren
       Lebenswillen geschützt, indem sie sich gegenseitig ihre Träume erzählten.
       
       Held: Auch zwischenmenschliche Beziehungen können das Individuum stärken.
       Es gibt zahlreiche Therapie-Apps, die eine Illusion von Beziehung erzeugen.
       Aber eine KI kann nie den Analytiker ersetzen. Ein echtes Gegenüber bietet
       einen Dialog an, widerspricht oder stellt überraschende Zusammenhänge her –
       die KI wiederholt nur Gesagtes und lobt den „Patienten“ für seine
       intelligenten Fragen. Das bringt ein gutes Gefühl, führt aber nirgendwohin.
       
       von Braun: Wir haben nichts, das so stark ist wie die analoge Beziehung, um
       uns resilient zu machen gegen eine Weltlage, die von vielen als bedrohlich
       empfunden wird.
       
       taz: Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Deutschland das einzige Land auf
       der Welt ist, in dem Psychotherapie eine Kassenleistung ist. Was dazu
       geführt hat, dass die Psychoanalyse verdrängt wird, weil sie
       vergleichsweise teuer und langwierig ist. 
       
       Held: Ich finde es großartig, dass seit 1976 Therapie grundsätzlich allen
       Menschen offensteht. Aber das bedeutet auch: Der Staat bestimmt die Regeln.
       Die Bedingungen der Psychotherapie wurden immer mehr den Wünschen der
       Verhaltenstherapie angenähert. Heute gibt es nur noch einen Lehrstuhl für
       Psychoanalyse in ganz Deutschland!
       
       taz: Was kann die Psychoanalyse, was andere Therapieformen nicht können? 
       
       Held: Sie kann die Grundlagen für eine Veränderung in der Psyche legen,
       indem sie eine vertrauensvolle Beziehung schafft. Das ist ein Privileg der
       Psychoanalyse – in der Verhaltenstherapie spielt die Beziehung zwischen
       Arzt und Patient keine so starke Rolle.
       
       taz: Herr Held, Sie befürworten die Gabe von Psychopharmaka und wenden sich
       von psychoanalytischen Glaubenssätzen ab wie dem Ödipuskomplex. Finden Sie
       die Psychoanalyse selbst nicht mehr zeitgemäß? 
       
       Held: Nun, man kann heute, im zweiten Jahrhundert nach Freud, nicht
       erwarten, dass das ganze theoretische Gerüst der Psychoanalyse unverändert
       bleibt. Als Methode hat sie aber nach wie vor große Vorteile.
       
       3 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nina Apin
       
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