# taz.de -- Psychotherapeutische Ausbildung: Therapie bleibt Elitensache
       
       > Eine Reform sollte den Weg in den Therapeut*innen-Beruf erleichtern.
       > Geklappt hat es nicht. Vielen Kranken entgeht dadurch eine angemessene
       > Behandlung.
       
 (IMG) Bild: Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status sind besonders häufig von psychischen Erkrankungen betroffen
       
       Nachtschichten in der Pflege, tagsüber Vorlesungen an der Uni und manchmal
       drei Tage ohne Schlaf oder regelmäßige Mahlzeiten: So beschreibt Amelie
       Schmidt* (33) ihre Zeit während des Psychologiestudiums. Acht Jahre war sie
       zuvor schon als Krankenpflegerin tätig. Parallel zur Uni arbeitete sie
       weiter. Seit ihrem Masterabschluss darf sie sich approbierte
       Psychotherapeutin nennen, zusätzlich kann sie mehrere Praktika und eine
       Forschungsarbeit vorweisen.
       
       Der nächste Schritt wäre eine fünfjährige Weiterbildung, an deren Ende sie
       endlich selbstständig als Psychotherapeutin arbeiten und Geld verdienen
       könnte. Doch all ihre Bewerbungen auf einen Weiterbildungsplatz waren
       bisher erfolglos. Schon wieder fühlt sie sich von einem System überrannt,
       das ihr ohnehin schon zu viele Steine in den Weg gelegt hat.
       
       Traditionell reicht ein Studium in Deutschland nicht aus, um als
       Psychotherapeut*in zu arbeiten. Mit einem Psychologe-Master ist man
       erst mal nur Psycholog*in und hat damit eingeschränkte
       Berufsmöglichkeiten. Wer die Approbation zur Psychotherapeut*in
       bekommen möchte, also die staatliche Zulassung, mit der die Tätigkeit
       eigenverantwortlich ausgeübt werden darf, braucht zusätzlich eine
       dreijährige Ausbildung. Zu ihr gehören neben praktischen Erfahrungen auch
       Weiterbildung und Supervision. Das ist teuer: Eine Ausbildung kann bis zu
       30.000 Euro kosten, die die Aspirant*innen selbst an private Institute
       oder Universitäten zahlen müssen.
       
       Um das System fairer zu machen und Auszubildende zu entlasten, wurde 2019
       eine Reform beschlossen. Es gibt jetzt Studiengänge, die
       psychotherapeutische Schwerpunkte beinhalten. An deren Ende ist man schon
       mit dem Master anerkannte Psychotherapeut*in. Es ist der Weg, den Amelie
       Schmidt gewählt hat.
       
       Vollwertig ist dieser Studienabschluss aber noch immer nicht. Um volle
       Behandlungsqualifikationen zu erlangen und Behandlungen bei den
       [1][Krankenkassen] abrechnen zu dürfen, braucht es immer noch eine
       Weiterbildung, die an Instituten, in ambulanten Praxen oder Kliniken zu
       erwerben ist. Der Unterschied: Diese Weiterbildung soll ordentlich vergütet
       werden und die Psychotherapeut*innen selbst zukünftig nichts mehr
       kosten. Was in der Theorie sehr viel fairer ist, wirft aber die Frage auf,
       wer die dennoch anfallenden Kosten übernimmt. Auch sieben Jahre nach dem
       Beschluss der Reform ist das nicht geklärt. Viele Praxen und Kliniken geben
       an, das Geld für die Weiterbildung und die faire Bezahlung nicht aufbringen
       zu können.
       
       ## Selektion von Anfang an
       
       In der Praxis sind also neue Hürden auf dem Weg in den Beruf entstanden –
       zusätzlich zu denen, die unverändert ganz am Anfang stehen: Um Psychologie
       im Bachelor zu studieren, braucht man einen Einser-Abi-Schnitt. Für den
       psychotherapeutischen Master noch einmal Bestnoten im Bachelor. „Da fängt
       die Selektion schon an“, erklärt Psychotherapeut Lukas Maher, der sich
       unter anderem auf Social Media gegen Ungleichheit im Beruf und in der
       Versorgung einsetzt.
       
       Wer studieren wird, hängt nach wie vor stark vom Bildungsgrad der Eltern
       ab. Vor allem Akademikerkinder schaffen es ins System und sind
       überproportional vertreten. Katharina Franke* sagt: „Ich bin da nicht
       wirklich anders.“ Die 25-Jährige steht kurz vor dem Ende ihres Masters und
       zählt sich selbst zur dominierenden Gruppe im Studiengang: „Weiß, weiblich,
       gute Noten und aus einer sozioökonomischen Schicht, in der einem das
       Studium nahegelegt wird.“ Einen Nebenjob hätten im Studium nicht alle,
       erklärt sie. Der Notendruck lasse vielen gar keine Zeit dafür.
       
       Amelie Schmidt, die ehemalige Pflegerin, hat das Unmögliche geschafft. Mit
       drei Jobs hat sie sich in Regelstudienzeit durch Bachelor und Master
       geboxt. Sie hatte keine andere Wahl. „Ich dachte, ich halte kurz die Luft
       an und ziehe so schnell es geht durch, und dann ist es vorbei.“ Mit vielen
       Kommiliton*innen konnte sie sich dabei kaum identifizieren. „Meine
       Arbeitsbelastung war für viele schwer nachzuvollziehen. Ich war älter und
       getrieben von Angst. Ich durfte nicht versagen. Ich habe nicht darauf
       vertraut, dass mich das System auffängt.“
       
       ## Betroffene stärker aus unteren Schichten
       
       Während auf der einen Seite der Zugang zum Beruf stark selektiv bleibt,
       sind auf der anderen Seite Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status
       besonders häufig von psychischen Erkrankungen betroffen. Unter den
       Patient*innen in ambulanten Praxen finden sich dennoch [2][doppelt so
       viele Frauen und dreimal so viele Männer mit Universitätsabschluss als
       ohne].
       
       „Menschen aus sozial benachteiligten Schichten müssen verdrängen, wie
       schlecht es ihnen geht. Sie müssen funktionieren, um jeden Preis, und das
       macht gänzlich kaputt“, sagt Schmidt. Ihnen fehlen die Ressourcen, die es
       für die Suche nach einem Therapieplatz braucht: „Das bedeutet im Zweifel
       180 Mal irgendwo anrufen und falls jemand drangeht, hört man meistens, dass
       es keine Kapazitäten gibt“, so Schmidt.
       
       Jene, die das nicht schaffen, trifft man eher in Kliniken. In solch einer
       hat auch Schmidt gearbeitet, genauer gesagt, in einer Sucht-Reha. Dort sei
       die soziale Zusammensetzung deutlich gemischter gewesen. Viele
       Patient*innen hätten schwierige Lebensgeschichten mitgebracht. „Für
       viele andere Student*innen und Praktis war die Sucht-Reha etwas, von dem
       sie lieber die Finger lassen wollten“, erzählt Schmidt. Das sei ihnen zu
       schräg oder zu viel gewesen. Schmidt findet es nachvollziehbar, wenn
       Therapeut*innen für sich Grenzen ziehen. Aber sie stellt auch eine
       grundsätzliche Frage: „Wir sind häufig die letzte Instanz für ‚gescheiterte
       Existenzen‘. Und wenn wir es nicht tragen können, wer dann?“
       
       ## Kaum Thema in der Lehre
       
       Auch Katharina Franke glaubt, dass es für viele ihrer Kommiliton*innen
       später schwierig wird, Menschen mit ganz anderen Lebensrealitäten zu
       therapieren. „Wenn ich mit dieser Gruppe im Alltag wenige Berührungspunkte
       habe und mir in der Lehre niemand sagt, wie ich diesen Menschen angemessen
       helfen kann, dann ist das schwierig.“
       
       Eine Konsequenz laut Lukas Maher: Betroffene Patient*innen brächen
       Therapien häufiger ab. „Wer sich unverstanden fühlt, versucht es nicht
       weiter, und wer dann frustriert und enttäuscht ist, der probiert es auch
       nicht mehr woanders, selbst wenn man dort vielleicht eine Chance gehabt
       hätte“, sagt er. Wer also einmal aus dem System fällt, findet nur schwer
       wieder hinein.
       
       „Die beste Prävention wäre wahrscheinlich, wenn man gegen strukturelle
       Ungleichheit vorgeht“, sagt Maher. Aber natürlich können
       Psychotherapeut*innen das nicht im Alleingang gewährleisten – zumal
       die Frage, wie man Menschen aus anderen Schichten erreicht und behandelt,
       oft nicht Teil des Studiums ist. So sagt auch die Studentin Katharina
       Franke: „Obwohl ich die Motivation habe, Menschen frühzeitig zu erreichen,
       die Therapie am dringendsten brauchen, weiß ich oft nicht, wie ich das
       konkret anstellen soll.“
       
       ## Blinde Flecken in der Forschung
       
       Blinde Flecken zeigen sich schon in der Forschung. Ein Großteil
       psychologischer Studien basieren ebenfalls auf Menschen aus westlichen,
       gebildeten und wohlhabenden Gesellschaften. Für andere Lebensrealitäten,
       etwa für Menschen in prekären Situationen oder aus nicht westlichen
       Kulturen, sind diese Erkenntnisse nicht unbedingt anwendbar. Um diese Lücke
       zu schließen, hat sich Franke privat ein Buch über kulturell sensible
       Psychotherapie gekauft. Dort werde betont, dass Therapeut*innen sich
       stärker zurücknehmen und neugierig bleiben sollten. „Aber konkret wurde es
       nicht“, sagt sie.
       
       „Besser als mehr Fortbildungen im Bereich Vielfalt wäre es, wenn sich der
       Berufsstand von innen heraus durch leichtere Zugänge zu mehr Vielfalt
       verändern würde“, das würde das vorhandene Angebot verbessern, meint Lukas
       Maher.
       
       Schmidt sieht es mittlerweile als Vorteil, dass sie nicht aus einer
       Akademikerfamilie kommt. „Ich kann mich gut in andere Lebensrealitäten
       hineindenken“, sagt sie. Nicht unbedingt, weil sie das im Studium gelernt
       habe, sondern weil sie vorher in der Pflege gearbeitet hat und dort mit
       sehr unterschiedlichen Menschen zu tun hatte. Gerade zu Patient*innen
       ohne akademischen Hintergrund findet sie oft schneller einen Zugang. Ob und
       wann sie die Weiterbildung starten kann, bleibt dennoch erst mal unklar.
       
       * Namen zum Schutz der beruflichen Perspektiven der Akteurinnen geändert.
       
       15 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Weniger-Honorar-fuer-Psychotherapie/!6162806
 (DIR) [2] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5559774/#Sec4
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Viktoria Isfort
       
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