# taz.de -- Mentale Gesundheit von Schüler:innen: Pauken und Schnauze halten
       
       > Leistungsdruck, Mobbing, kaum Mitsprache: Eine Studie zeigt, wie
       > belastend der Schulalltag für Schüler:innen ist. Dabei gäbe es
       > einfache Lösungen.
       
 (IMG) Bild: An vielen Schulen ist der Leistungsdruck groß
       
       Viele Kinder und Jugendliche nehmen ihren Schulalltag als belastend wahr.
       Das zeigt das aktuelle „Schulbarometer“ – eine bundesweit
       [1][repräsentative Umfrage der Robert-Bosch-Stiftung], die am Mittwoch
       veröffentlicht worden ist. So erlebt jede:r dritte Schüler:in regelmäßig
       Mobbing oder Cybermobbing. Jede:r vierte bezeichnet die eigene
       Lebensqualität als gering. Jede:r vierte fühlt sich zudem psychisch
       belastet – [2][bei der letzten Schüler:innenbefragung dieser Art] aus
       dem Jahr 2024 war es noch jede:r fünfte.
       
       Den Anstieg der psychischen Belastungen – der erste seit Ende der Pandemie
       – bezeichnet Bildungsexpertin Anna Gronostaj von der Bosch-Stiftung als
       „Warnsignal“. Auch weil Schüler:innen aus armen Familien davon besonders
       stark betroffen seien. Unter ihnen fühlt sich fast jede:r dritte psychisch
       belastet. Psychische Auffälligkeiten, die im schlimmsten Fall zu
       Depressionen, Angst- oder Verhaltensstörungen führen können, treten bei
       Schüler:innen aus armen Haushalten sogar doppelt so häufig auf wie bei
       besser gestellten Schüler:innen. „Es hat mich ziemlich nachdenklich
       gestimmt, dass es dieser vulnerablen Gruppe auch in der Schule nicht gut
       geht“, sagte Gronostaj bei der Vorstellung der Studie.
       
       Auch Julian Schmitz von der Universität Leipzig, der wissenschaftliche
       Projektleiter der Studie, erkennt eine doppelte Benachteiligung: „Armut
       wirkt sich nicht nur auf Bildungschancen aus, sondern auch auf das
       Wohlbefinden und die mentale Gesundheit“, sagt der Professor für Klinische
       Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie.
       
       Da Schüler:innen heute so viel Zeit wie noch nie an Schulen verbrächten,
       müsste die mentale Gesundheit dort entsprechend ernst genommen werden. Wo
       die Bildungsministerien ansetzen könnten, kann Schmitz an den Antworten der
       Schüler:innen ablesen. So spiegelten sich die Unterrichtsqualität, die
       schulischen Hilfsangebote etwa bei Mobbing, aber auch der Grad der
       Mitbestimmung von Schüler:innen in deren Wohlbefinden wider.
       
       ## Individuelles Feedback? Nicht überall
       
       Schüler:innen, die Lehrkräfte als unterstützend wahrnehmen oder sich nicht
       vom Unterrichtstempo überfordert (oder gelangweilt) fühlen, sind der Studie
       zufolge deutlich zufriedener mit ihrem Schulleben. Oder anders formuliert:
       Lehrkräfte, die positives Feedback geben und gut auf die individuellen
       Leistungsstände eingehen, motivieren ihre Schüler:innen nicht nur zum
       Lernen – sie tragen gleichzeitig zu deren psychischer Stabilität bei.
       „Guter Unterricht fördert also nicht nur den Lernerfolg, sondern stärkt
       ganz direkt das Wohlbefinden der Kinder“, sagt Anna Gronostaj von der
       Bosch-Stiftung.
       
       Wie viel Luft hier teilweise noch nach oben ist, [3][legte bereits ein
       früheres „Schulbarometer“ offen]: So vermisste zuletzt jede:r dritte
       Schüler:in individuelles Feedback. Ebenso viele Schüler:innen
       beklagten, dass sich „keine oder wenige Lehrkräfte“ um sie kümmerten.
       
       Besonders deutlich wird der Handlungsbedarf auch beim Thema Mitbestimmung.
       Drei Viertel der Schüler:innen wünschen sich aktuell mehr Einfluss auf
       Unterrichtsthemen oder Prüfungsformate – die überwiegende Mehrheit gibt
       jedoch an, hier kaum mitreden zu können. Ein Umstand, [4][auf den
       Schülervertreter:innen seit Jahren hinweisen]. Amy Kirchhoff,
       Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, erkennt zwar ein steigendes
       Bewusstsein für das Thema in der Politik. Von einer demokratischen
       Schulkultur und echter Mitbestimmung seien die Schulen aber noch weit
       entfernt. Die Abiturientin wirft Bund und Ländern vor, insgesamt zu wenig
       für mentale Gesundheit an Schulen zu unternehmen. Gerade bei der
       Finanzierung von multiprofessionellen Teams fehlt Kirchhoff „der politische
       Wille“.
       
       Tatsächlich haben viele Kommunen in den vergangenen Jahren, teils wegen der
       Sparvorgaben der jeweiligen Länder, an der Schulsozialarbeit gekürzt, etwa
       in Berlin oder in Sachsen. Auch das unter der Ampel-Regierung aufgelegte
       [5][Modellprojekt „Mental Health Coaches“] an bundesweit 100 Schulen lief
       Ende 2025 aus, weil der Bundestag die Finanzierung nicht verlängerte. Eine
       der Begründungen: Das Programm erziele keinen Nutzen „in der Fläche“.
       
       Aus Sicht der Opposition ist dies auch ein Versäumnis der Bundesregierung.
       Fachpolitiker:innen von den Grünen forderten am Mittwoch „die
       Verstetigung erfolgreicher Projekte wie die ‚Mental Health Coaches‘“, die
       Linken-Politikerin Nicole Gohlke warf der Bundesregierung Kapitulation „vor
       vollen Klassen, Unterrichtsausfall und ständigem Personalmangel“ vor. Der
       Bund müsse aufhören, sich bei Gestaltung und Finanzierung von Bildung
       wegzuducken. Das Bundesbildungsministerium äußerte sich auf taz-Anfrage
       zunächst nicht zu der Kritik.
       
       ## Eine Fachkraft auf 5.218 Schüler:innen
       
       Auch Schülerin Amy Kirchhoff hält das Ende des Bundesprogramms für „die
       falsche Entscheidung“. Seit knapp einem Jahr wirbt die
       Bundesschülerkonferenz [6][mit einer Infokampagne] für mehr Aufmerksamkeit
       für das „Tabuthema“ mentale Gesundheit. Die Schüler:innen fordern unter
       anderem mehr gesundheitspolitisches Personal an Schulen. Nach einer
       Erhebung des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)
       aus dem Jahr 2024 muss sich ein:e Schulpsycholog:in im Schnitt um 5.218
       Schüler:innen kümmern. Auch wenn einige Bundesländer – darunter Berlin,
       Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg – die Stellen für Schulpsychologie
       oder für andere Gesundheitsfachkräfte aufgestockt haben, kann von einer
       flächendeckenden Versorgung kaum die Rede sein.
       
       Julian Schmitz von der Uni Leipzig erkennt hier dringenden Handlungsbedarf.
       Solche Fachkräfte seien notwendig, damit sich Lehrkräfte auf den Unterricht
       und die Beziehungsarbeit mit den Schüler:innen konzentrieren könnten.
       Die Einstellung des Programms „Mental Health Coaches“, das Schmitz
       wissenschaftlich mit begleitet hat, bezeichnet er vor diesem Hintergrund
       als „ein sehr ungünstiges Signal“. Das Programm sei zwar eher klein
       gewesen. Von den Schulen sei es trotzdem gut aufgenommen worden und habe
       die Lehrkräfte entlastet.
       
       Dass Lehrer:innen heute zu viele Aufgaben neben dem eigentlichen
       Unterrichten übernehmen müssen, haben auch die zuständigen Ministerien
       erkannt. In vielen Bundesländern gibt es deshalb mittlerweile Verwaltungs-
       oder Assistenzkräfte an Schulen, allerdings längst nicht an jeder Schule.
       Für weitere Entlastungen setzen die Ministerien auf unterschiedliche Wege.
       
       Niedersachsen etwa bildet Lehrkräfte und Sozialarbeiter:innen zu
       mentalen Ersthelfer:innen aus und möchte künftig auf dem Weg zum Abitur
       auf einen Teil der Klausuren verzichten. Die am Mittwoch vereidigte neue
       Landesregierung in Brandenburg verspricht weniger Bürokratie an Schulen und
       will künftig abfragen, wie zufrieden Schüler:innen mit
       Partizipationsmöglichkeiten und Schulklima sind. Mecklenburg-Vorpommerns
       Bildungsministerin Simone Oldenburg (Linke) kündigte in dieser Woche ein
       ganzes Maßnahmenpaket für Entlastungen an. So weit wie Rheinland-Pfalz, das
       seit diesem Schuljahr auf unangekündigte Tests verzichtet, geht aber kein
       anderes Bundesland.
       
       ## Mehr Schulsozialarbeit
       
       Aus Sicht des Deutschen Lehrerverbands gehen die Anstrengungen nicht weit
       genug. Es brauche sofort mehr Schulsozialarbeit, mehr Schulpsychologie,
       mehr Gesundheitsfachkräfte, teilte der Verband am Mittwoch mit. „Viele
       Lehrkräfte möchten ihre Schülerinnen und Schüler aufmerksam begleiten,
       haben dafür aber schlicht nicht genug Zeit“, begründet Lehrverbandschef
       Stefan Düll die Forderung. Der wichtige Austausch zwischen Lehrkraft und
       Schüler:innen drohe unterzugehen, solange Lehrkräfte durch
       Personalmangel und Bürokratie ausgebremst würden.
       
       Einen Schritt weiter geht Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied Schule
       der Bildungsgewerkschaft GEW. Neben fehlenden multiprofessionellen Teams
       sieht sie auch in den Lehrplänen und Prüfungsvorgaben eine Ursache für die
       hohe psychische Belastung der Schüler:innen. „Wir plädieren schon länger
       dafür, die Lehrpläne zu entrümpeln und Noten so weit wie möglich
       wegzulassen“, sagt Bensinger-Stolze der taz. Pilotprojekte zeigten, wie
       positiv sich das auf das Schulklima auswirke.
       
       Handlungsbedarf sieht die ausgebildete Lehrkraft auch bei der Mitsprache
       von Schüler:innen: „Es ist sehr wichtig, dass Schüler:innen endlich mehr
       mitentscheiden dürften“, sagt Bensinger-Stolze. Beispielsweise sollten sie
       selbst Schwerpunkte aus dem Schulstoff wählen können. Dafür aber müsse die
       Schule insgesamt demokratischer werden – auch für Lehrkräfte. Sie höre
       immer wieder, wie stark Schulleitungen oder Schulaufsichten durchgreifen
       und die Kollegien dabei nicht einbeziehen. „Viele Schulen sind immer noch
       sehr hierarchisch und ermutigen Lehrkräfte nicht unbedingt dazu,
       Schüler:innen stärker zu beteiligen.“
       
       Zu dieser These passt das Ergebnis aus einem früheren „Schulbarometer“.
       Demnach findet mehr als die Hälfte der Lehrkräfte, dass die bestehenden
       Mitbestimmungsmöglichkeiten für Schüler:innen ausreichen.
       
       ## Rolle von Social Media
       
       Die Rolle von Social Media bei der mentalen Gesundheit von Schüler:innen,
       [7][über die zuletzt intensiv diskutiert] [8][wurde], kam im
       „Schulbarometer“ übrigens nur am Rande vor, und zwar bei der Erhebung von
       Mobbingerfahrungen. Interessanterweise erleben die Schüler:innen
       Ausgrenzung und Beschimpfungen häufiger analog. Inwieweit Social Media
       selbst zu psychischer Belastung führt, will Studienleiter Julian Schmitz
       gern in die nächste Umfrage nehmen. Er warnte aber davor, die psychische
       Belastung zu sehr auf den Handykonsum zu schieben. Die Ergebnisse zeigten,
       wie stark Themen wie Leistungsdruck für das geringe Wohlbefinden der
       Schüler:innen verantwortlich seien.
       
       Seit 2019 führt die Robert-Bosch-Stiftung Umfragen zum Schulalltag durch.
       Für das vorliegende „Deutsche Schulbarometer Schüler:innen“ wurden
       bundesweit rund 1.500 Schüler:innen im Alter von 8 bis 17 Jahren sowie
       je ein Elternteil befragt. Die Befragung hat das Meinungsforschungsinstitut
       Forsa im vergangenen Jahr durchgeführt.
       
       18 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/das-deutsche-schulbarometer
 (DIR) [2] /Deutsches-Schulbarometer/!6050642
 (DIR) [3] /Deutsches-Schulbarometer/!6050642
 (DIR) [4] /Schuelersprecher-ueber-Bildungskrise/!5996319
 (DIR) [5] /Mental-Health-Coaches/!5957908
 (DIR) [6] https://uns-gehts-gut.de/
 (DIR) [7] /Altersbegrenzung-auf-Social-Media-Bei-Forscherinnen-umstritten/!6155008
 (DIR) [8] /Altersbegrenzung-auf-Social-Media-Bei-Forscherinnen-umstritten/!6155008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Pauli
       
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