# taz.de -- Extremismusklausel für Kulturzentrum: Bremer SPD macht den Weimer
> Das Bremer Kukoon hatte die Rote Hilfe zu Gast. Nun droht eine
> Rückforderung von Fördergeld.
(IMG) Bild: Bloß nicht die freiheitlich demokratische Harmonie gefährden: Kultursenator Andreas Bovenschulte rockt vorm Bremer Rathaus
Das [1][Kukoon in der Bremer Neustadt] ist ein selbstverwaltetes
Kulturzentrum mit einem Café, in das man sich auch setzen darf, ohne etwas
zu essen oder zu trinken. In dem großen, hellen Altbau gibt es eine
Spielecke für Kleinkinder und mittwochs eine Strickrunde. Es finden
Lesungen, Podiumsdiskussionen und Konzerte statt – im Sommer auch im
benachbarten Park. Jeder und jede ist willkommen, außer Rassisten, Sexisten
und so weiter, so steht es an der Eingangstür.
Der Kultursenator – Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) – fördert das
2015 gegründete Kukoon mit seiner dezidiert politisch linken Ausrichtung
seit 2023 mit jährlich etwa 50.000 Euro. Doch für das Jahr 2024 muss das
Kukoon möglicherweise Geld zurückzahlen. Wie viel, was das für das
Kulturzentrum bedeutet und wo das Geld herkommen soll, ist unklar. Ein
Mitglied des Betreiber-Kollektivs bittet um Verständnis, dass sich in der
aktuellen Situation niemand äußern wolle.
Verantwortlich für die Situation ist das Bremer Kulturressort. Seit 2022
schreibt die Behörde dem Verein, der das Kukoon betreibt, eine Klausel in
Verträge, die ihn verpflichtet, nichts zu unterstützen, was „die
freiheitlich demokratische Grundordnung gefährden“ könnte. Andernfalls
könnten Zuwendungen zurückgefordert werden.
Genau das droht dem Kukoon jetzt. Der Grund: Im Oktober 2024 hatte der
Verein Rote Hilfe anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums zu einer
Buchvorstellung ins Kukoon geladen. Die Rote Hilfe war [2][eine der größten
proletarischen Organisationen der Weimarer Republik] und unterstützt bis
heute linke Aktivist:innen in juristischen Auseinandersetzungen.
Anderthalb Jahre später skandalisiert das Radio-Bremen-Nachrichtenmagazin
„buten und binnen“ die Veranstaltung im Rahmen seiner [3][Serie von
Enthüllungsberichten] zu angeblichen linksextremistischen Verstrickungen
der Landesregierung.
## Niemand sonst hat eine Extremismusklausel
Die Rote Hilfe werde im Verfassungsschutzbericht als „gewaltorientiert
linksextrem“ geführt, heißt es in einem Beitrag von „buten und binnen“ vom
4. März. Im Bericht selbst steht: „Wenngleich die Rote Hilfe selbst nicht
gewalttätig agiert, gehört der Verein aufgrund seiner gewaltunterstützenden
und gewaltbefürwortenden Einstellung zur gewaltorientierten
linksextremistischen Szene.“
Die Tatsache, dass der Verfassungsschutz die Rote Hilfe beobachtet, reicht
allerdings allein nicht aus, um dem Kukoon nachträglich Fördergeld zu
entziehen. Das geht nur aufgrund der Extremismusklausel.
Das Kukoon ist die einzige vom Kultursenator geförderte Einrichtung, die so
etwas unterschreiben muss, um Geld zu bekommen. Das bestätigt Jens
Tittmann, Sprecher der Kulturbehörde, der taz.
## Kukoon hatte keinen Raum für Diskussion mit Verfassungsschützerin
Seltsam ist die Begründung, die er dafür liefert. 2022 hatte das Kukoon
seinen Raum für eine unter anderem von der Landeszentrale für politische
Bildung organisierte Veranstaltung vermietet, es ging um Morde von
Rechtsextremisten. Kurzfristig hatte das Kukoon die Raumzusage
zurückgezogen, weil auf dem Podium eine Mitarbeiterin des
Verfassungsschutzes sitzen sollte.
Die Kulturbehörde vertritt ihrem Sprecher zufolge die Auffassung, das
Kukoon habe mit der Absage einen „offenen Diskurs“ verhindert. Auf
Nachfrage der taz kann der Sprecher der Kulturbehörde nicht erklären,
inwiefern das Kukoon mit der Absage die freiheitliche demokratische
Grundordnung gefährdet hat. Er schreibt: Das Kukoon als Kultureinrichtung
solle „für alle da sein“ – dafür werde es „von uns gefördert“. Und: „Darf
eine Behördenvertreterin nicht mehr ganz offen eine geförderte Einrichtung
betreten?“
Dabei hatte sich nicht einmal der Leiter der Landeszentrale für politische
Bildung als Veranstalter an der Begründung der Absage gestört und an die
von der Verfassung geschützte Meinungsfreiheit erinnert: „Jeder
Veranstaltungspartner muss das Recht haben, über sein Profil entscheiden zu
können“, hatte er der taz damals gesagt. Offene Diskurse kann das Kukoon
nicht verhindern, weil es andere Veranstaltungsorte gibt: Nach der Absage
war die Podiumsdiskussion in ein benachbartes Theater verlegt worden.
## SPD spricht sich gegen derartige Klauseln aus
Dient die Klausel also nur dem Zweck der Einschüchterung und vollstreckt
die Kulturbehörde nur den Willen des damaligen Innensenators Ulrich Mäurer
(SPD)? Dieser hatte 2022 [4][die Aberkennung der Gemeinnützigkeit des
Vereins gefordert] – wegen des nach seiner Ansicht „völlig gestörten“
demokratischen Verständnisses des Kukoon-Kollektivs.
Für diese Lesart spricht, dass die SPD sich zuletzt gegen derartige
Klauseln ausgesprochen hatte. Zwei Jahre nach der abgesagten Veranstaltung
im Kukoon, im August 2024, hatte die von der SPD geführte rot-rot-grüne
Regierungskoalition Anträge von CDU und FDP [5][in der Bürgerschaft
abgelehnt], Extremismusklauseln in Zuwendungsbescheide hineinzuschreiben.
Der SPD-Abgeordnete Arno Gottschalk hatte dies in seiner Rede damit
begründet, dass dies Pluralität und Meinungsfreiheit einschränken würde.
Der Umgang mit Extremismus sei eine politische Herausforderung, sagte
Gottschalk, „wir können sie nicht an den Verfassungsschutz delegieren“.
## CDU will noch mehr Veranstaltungen prüfen
Auch in der [6][Debatte im März um die Buchhandlung Golden Shop] hatte die
Bremer SPD in Gestalt des Bürgermeisters und des Fraktionsvorsitzenden vor
Zensur von Kultureinrichtungen gewarnt. Der CDU-nahe Kulturstaatsminister
des Bundes, Wolfram Weimer, hatte den Bremer Buchladen gemeinsam mit zwei
anderen von der Liste des Deutschen Buchhandlungspreis streichen lassen,
weil er ihn des Linksextremismus verdächtigte.
Wie es jetzt für das Kukoon weitergeht, kann Jens Tittmann, Sprecher der
Kulturbehörde, nicht sagen. „Wir prüfen das.“ Seit Mitte März werde zudem
geprüft, ob der zum Kukoon gehörende Verein den Raum vermietet habe – oder
die GmbH.
Vertröstet wird auch die CDU. Die hatte Anfang März bei der Kulturbehörde
Akteneinsicht beantragt. „Wir wollen nachsehen, was gefördert wurde“, sagt
Claas Rohmeyer, kulturpolitischer Sprecher der Fraktion. Er habe auf der
Website des Kukoon mindestens drei weitere Veranstaltungen gefunden, die in
Zusammenhang mit im Verfassungsschutzbericht erwähnten Gruppen stünden.
20 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neustaedter-Kulturzentrum-Kukoon/!5474424
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(DIR) [5] https://www.bremische-buergerschaft.de/dokumente/wp21/land/protokoll/P21L0015.pdf
(DIR) [6] /Wolfram-Weimer-und-die-Buchbranche/!6157097
## AUTOREN
(DIR) Eiken Bruhn
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