# taz.de -- Performance in den Sophiensælen: Wenn der Witz stirbt
> Mit ihr lachen, nicht über sie: „Finite Jest“ in den Berliner
> Sophiensælen gelingt am stärksten dort, wo Melanie Jame Wolf sich selbst
> zum Gegenstand macht.
(IMG) Bild: Dialog mit dem Tod: Melanie Jame Wolf in den Sophiensælen
Sie isst eine Banane, läuft unbeteiligt über die Bühne des intimen
Hochzeitssaals [1][der Sophiensæle]. Dann greift die Peformancekünstlerin
Melanie Jame Wolf während ihrer Performance „Finite Jest“ zur E-Gitarre und
spielt Neil Youngs „Hey Hey, My My (Into the Black)“: ausbrennen oder still
verrotten? Kurz darauf rutscht sie slapstickhaft auf der Bananenschale aus.
Tod und Witz, beieinander, von Anfang an. Das Versprechen der Performance
ist sofort greifbar.
„Finite Jest“ interessiert sich, so der Beschreibungstext der Sophiensæle,
für „die Grenze, an der der Witz stirbt“. Wie kann Humor, dieses absurde
menschliche Werkzeug, die Tatsache des Todes erträglich machen? Wolf nähert
sich dieser Frage nicht theoretisch, sondern aus bitterem, persönlichem
Anlass: [2][einer Brustkrebsdiagnose].
In ihren stärksten Momenten bewegt sich die Performance genau dort, wo
Humor zur einzigen erträglichen Antwort auf die eigene Endlichkeit wird.
Doch den schmalen Grat zwischen „mit ihr“ und „über sie“ lachen hält Wolf
nur dort, wo sie sich selbst zum Gegenstand macht. Sobald sie anfängt,
andere vorzuführen, verliert der Abend seine Balance.
Das Format – eine Mischung aus Stand-up, Essay-Performance und theatraler
Revue – trägt die Thematik gut. Wolf hat eine charismatische Bühnenpräsenz
und die assoziative Abfolge von Bildern und Szenen wie einem
mittelalterlichen Slapstick-Tanz in Narrenkappe, einem suchenden
Scheinwerfer, einem endlosen Taschentuch oder einem singenden Totenkopf
haben ihren Reiz. Doch die Teile verstärken sich zu selten gegenseitig. Die
Performance stellt nebeneinander, ohne zu verdichten. Eine Szene, in der
sich die Fäden zusammenziehen, fehlt.
## Es fehlt die Selbstkritik
Dazu kommt ein inhaltliches Problem: Wolf hört irgendwann auf, über den Tod
nachzudenken, und macht andere zum Gegenstand ihrer Kritik. Ihr
Social-Media-Post über die Krebsdiagnose löste eine Flut von gutgemeinten,
aber banalen Reaktionen aus: Kriegsmetaphern („You are a fighter“),
Durchhalteparolen, das reflexartige Anbieten der eigenen Güte. Wolf zerlegt
das mit spitzer Zunge – und nimmt sich dabei vollständig aus der Kritik
heraus. Als wäre sie die Einzige, die durchschaut, wie beschränkt all das
ist. Als hätte sie selbst nie unbeholfen reagiert, wenn das Leid anderer
sie überfordert hat.
Eine Problematik, die sie zu Beginn selbst benannt hat: Ein Witz auf Kosten
anderer könne verheerend sein – „being the butt of a joke can be
excruciating“. Auf den Moment, in dem sie das auf sich selbst anwendet,
wartet man vergeblich. Dabei liegt er so nah. Einmal beschreibt sie ihre
Zimmernachbarin nach der ersten Operation – Frau Falke – in einem ähnlich
herablassenden Ton: eine nervöse, lärmende, raumgreifende Frau. Doch dann
gesteht sie dieser Frau zu, dass sie vielleicht nur anders mit der
tödlichen Krankheit umgeht als sie selbst: „Frau Falke und ich versuchen
beide verzweifelt, nicht zu sterben.“
Solche Momente, in denen Wolf aufhört, andere vorzuführen [3][und anfängt
zu erzählen], sind die stärksten des Abends. Etwa wenn von ihrem
fünfjährigen Sohn gehandelt wird, der sie fragte, was passiert, wenn man
stirbt. Sie antwortete ihm: Stell dir vor, du schläfst auf dem Autorücksitz
ein, auf der Heimfahrt von einem Abendessen bei Freunden, und die Person,
die du am meisten liebst, trägt dich ins Haus und legt dich ins Bett, ohne
dass du die Augen öffnen musst. Einfach weiterschlafen. Der Tod als tiefste
Geborgenheit.
„More than this, there is nothing“. Mit Roxy Music endet die Performance,
wie sie begann: Der Moment ist alles, was bleibt. Ein stimmiger Schluss,
und doch bleibt nach dem Abend das Gefühl, dass „Finite Jest“ mehr hätte
sein können: eine Performance, die über den Tod nachdenkt, ohne andere
dabei lächerlich zu machen.
23 Mar 2026
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