# taz.de -- Tanztheater in München: Die perfekte Welle
       
       > Mit „Tide“ premiert das Münchener Volkstheater sein zweites Tanztheater,
       > in dem die Tänzer:innen zu einem Meer aus Breakdance und Contemporary
       > verschmelzen.
       
 (IMG) Bild: Die Tänzerinnen Anne Schwarzelt und Brooklyn Frances „6rooklyn“ Odunsi Ifeacho
       
       Zwei Frauen. Eine Umarmung. Jeder Beat versetzt ihnen ein Beben. Die Musik
       wie die Außenwelt, die sie zwingt zu reagieren. Sie halten sich aneinander
       fest, bis eine zu Boden geht. Sie folgt den Bewegungen der Stehenden wie
       ihr Schatten. Eine läuft, die andere rollt. Kurz darauf tragen sie sich in
       inniger Umarmung gegenseitig über die Bühne. Die Bewegungen von Anne
       Schwarzelt und Brooklyn Frances Odunsi Ifeacho werden zum Symbol weiblicher
       Solidarität, ein Assoziationsraum für ein Gefühl, das viele Frauen eint.
       Ohne zu sprechen, sagen sie: „Wir tragen uns.“
       
       Sie tanzen als einzige Frauen im Ensemble von „Tide“. Es ist die zweite
       Produktion der Choreografen Sophie Haydee Colindres Zühlke und Serhat
       „Saïd“ Perhat. Erstere ist eine in London und New York studierte Tänzerin
       und Choreografin, zweiterer war Teil des deutschen Breakdance
       Olympiakaders. Im vergangenen Jahr inszenierten sie gemeinsam „Grey“, das
       erste Tanztheaterstück am [1][Münchner Volkstheater.] Nun wollen sie an den
       Erfolg anknüpfen. Der Andrang ist groß: Alle April- und Mai-Vorstellungen
       sind bereits ausverkauft.
       
       Tide, wie die Gezeiten des Meeres, zeigt sich als eine Metapher für die
       Zyklen des Lebens. Wie das Wasser kommt und geht, kommen und gehen die
       Tänzer:innen – die Inszenierung verläuft in Zyklen, die keine
       Geschichten, sondern eher Gefühle vermitteln.
       
       Organische, weich ausgestanzte Bewegungen des Contemporary Dance, Slow
       Motion, warmes Sonnenaufgangslicht und meditative Klänge und Wasserrauschen
       vermischen sich und konkurrieren zugleich mit grellen weißen Spotlights,
       tiefen Beats und schnellen Head- und Backspins des Breakdance. Eine perfekt
       abgestimmte Symbiose.
       
       ## Energie, die das Meer imitiert
       
       „Die Musik ist unsere Dramaturgie“, so die Choreografen auf der Website des
       Theaters. In das Sounddesign von Konstantin Hofmann mischt sich das
       Rascheln der weiten Hosen auf dem Tanzboden. Die Bühne ist leer, die Looks
       sind schlicht. Dem Tanz wird Raum gegeben.
       
       Wer den elf Tänzer:innen des Ensembles zuschaut, spürt eine Energie, die
       das Meer imitiert. Dabei sind manche Zyklen deutlich stärker als andere.
       Während die sich tragenden Frauen einen so starken Ausdruck des Widerstands
       vermitteln, vermisst eine andere Szene, die lediglich über Video
       dargestellt wird, diese Energie. Die unnötige Verwendung des Stilmittels
       wirft die Frage auf, ob es sich um eine Live-Übertragung der Bühne handelt
       oder eine voraufgezeichnete Szene, um den Tänzer:innen eine Pause zu
       gönnen. Was verständlich wäre bei ihrer Leistung, der Inszenierung jedoch
       ihre Naturgewalt raubt.
       
       Trotz mancher schwacher Momente bleibt „Tide“ im Kopf. Vor allem durch die
       so oft auf deutschen Theaterbühnen vermisste Repräsentation
       marginalisierter Gruppen. Breakdance, entstanden in der Black und Latinx
       Community der New Yorker Bronx der 1970er Jahre, ist ein Grundelement der
       Hip-Hop-Kultur. Auch das daher stammende Dancebattle findet Einzug in die
       Choreografie.
       
       „Tide“ ist nicht nur eine Zelebration des Tanzes, sondern einer
       unterrepräsentierten Kultur. Auch Tänzer Nikola Žica, der seinen Rollstuhl
       als Teil der Bewegung begreift, fließt mal selbstverständlich in die
       Choreografie ein und setzt mal bewusste Akzente, die den Rhythmus brechen.
       Besonders kraftvoll sind die Momente, in denen er im Duett mit Mike Ezeala
       im Gegenlicht eine neue körperliche Einheit formt. Der Cast ist divers;
       neben wirbelnden Braids das kindliche Lächeln des 2011 geborenen Leon Rauh,
       dessen Breakdance-Einlagen beeindrucken.
       
       Als sich die beiden Tänzerinnen aus ihrem Duett lösen, liegen die
       männlichen Tänzer um sie herum. Immer stampfen die Frauen mit ihren Füßen
       auf den Boden. Als würden sie schreien: „Empört euch, kämpft mit uns, tanzt
       mit uns, gegen die Ungerechtigkeit, die wir erfahren“. Doch vom männlichen
       Boden her nur ein zuckender Arm hier, ein kurzes Aufbeben dort und dann
       wieder Stille. Nur zwei Frauen, die enttäuscht zu Boden blicken. Es ist
       eines der prägendsten Bilder, das vom Abend bleibt.
       
       13 Apr 2026
       
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