# taz.de -- Tanz in der Berliner Staatsoper: Ein Abend zwischen Ordnung und Unruhe
> In der Berliner Staatsoper treffen ein Klassiker und eine Uraufführung
> aufeinander. Die Freude der Tänzer:innen überträgt sich aufs Publikum.
(IMG) Bild: „Fearful Symmetries“: Hier Pirouetten, dort hochschnellende Beine, schon drängt die nächste Formation von Tänzer:innen ins Bild
Noch bevor sich der Vorhang hebt, setzt die erste Musik ein. Vor leuchtend
blauem Hintergrund formieren sich Ballerinas in weißen Tutus und Tänzer in
schwarzen Kostümen. Das Corps de ballet bewegt sich in strenger Einheit,
aus der sich wiederholt Solist:innen lösen, um sich dann erneut
einzufügen. Getragen von [1][Georges Bizets Musik] entfaltet sich eine
Leichtigkeit im Saal.
[2][George Balanchines] „Symphonie in C“ verzichtet auf eine Handlung.
Stattdessen soll die Musik im Tanz sichtbar werden, was dem Staatsballett
eindrucksvoll gelingt. Das Stück besteht aus vier Sätzen, die jeweils wie
ein eigenes Ballett angelegt sind. Jeder Satz hat ein eigenes
Solist:innenpaar und ein eigenes Corps de ballet. So lassen sich
zahlreiche Stars des Staatsballetts in einem Werk erleben.
Bei Balanchine gilt das Motto: maximale Präzision bis in die Fingerspitzen,
nichts dem Zufall überlassen, alles unter äußerster Kontrolle. Diese
Anforderung meistern die Tänzer:innen über das Stück hinweg nahezu
perfekt – eine großartige Leistung.
Besonders eindrücklich sind die Momente des Gleichklangs, in denen sich die
gesamte Bühne synchron bewegt, sowie die kurzen, intimen Soli. Im zweiten
Satz etwa lässt sich Polina Semionova langsam rückwärts in die Arme ihres
Partners Martin ten Kortenaar fallen. Es ist ein Augenblick fragiler
Schönheit, der den Atem kurz stocken lässt, bevor die Bewegung wieder in
Fluss gerät.
Ursprünglich schuf Balanchine das Stück im Jahr 1947 innerhalb von nur zwei
Wochen für das Ballett der Pariser Oper. Jeder Satz war einer
Edelsteinfarbe zugeordnet, was sich in den farbigen Kostümen
widerspiegelte. In der heutigen Schwarz-Weiß-Fassung bleibt durch die
technische Brillanz der Tänzer:innen und den Hauch von Glitzer auf den
Kostümen die Erinnerung an diesen Glanz erhalten.
## Die erhabene Kraft des Tigers
Mit „Fearful Symmetries“ setzt Ballettintendant Christian Spuck einen
deutlichen Kontrastpunkt zum ersten Stück. Die klare Ordnung kippt zur
Musik von John Adams nun in ein nervös pulsierendes Gefüge. Die Musik
bezieht sich auf William Blakes Gedicht „The Tyger“ (1794), das die
erhabene Kraft des Tigers beschreibt und zugleich die Frage stellt, wie ein
Schöpfer ein so furchteinflößendes Wesen neben einem unschuldigen Lamm
erschaffen kann.
Auch hier wirkt die Szenerie minimalistisch, lediglich ein großflächiges,
abstrakt gemustertes Bild setzt einen Akzent im Hintergrund. Der Blick des
Publikums findet dennoch kaum Halt: Hier Pirouetten, dort hochschnellende
Beine, schon drängt die nächste Formation von Tänzer:innen ins Bild.
Vier zentrale Figuren durchqueren wiederholt die Szene, eine Königin, ein
Liebhaber, ein Wissenschaftler und ein Joker. Im Verlauf des Stücks tragen
sie untereinander Machtkämpfe aus. In schwarzer Kleidung und üppigen
Frisuren heben sie sich bereits visuell von den übrigen Tänzer:innen in
bunten, aber schlichten Kostümen ab.
Auch innerhalb des Ensembles verschieben sich fortwährend Symmetrien und
Asymmetrien. Die kantigen, teils puppenhaften Gesten der vier Figuren
setzen jedoch schärfere Akzente. Sie wirken wie Störungen innerhalb eines
Systems, das sich nie stabilisiert.
Irgendwann kullern goldene Kugeln auf die Bühne, erst nur eine, dann immer
mehr. Ein Solistenduo, durch eine heruntergleitende Lampe beleuchtet, lässt
sich vom Chaos der Kugeln nicht beirren.
Die Tatsache, dass die Tänzer:innen das hohe musikalische Tempo, oft auf
Spitze, mit Präzision und spürbarer Freude bewältigen, verleiht dem Abend
eine besondere Intensität. Der abschließende lange Applaus zeigt, dass sich
ihre Freude auch auf das Publikum übertragen hat.
31 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rahel Bueb
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