# taz.de -- Osterfestspiele Salzburg: Der Abstieg nach Nibelheim als Tanznummer
       
       > Bei den Osterfestspielen Salzburg spielen wieder die Berliner
       > Philharmoniker. Unter ihrem Dirigentem Kirill Petrenko überzeugen sie mit
       > Wagners „Rheingold“ in der Regie von Kirill Serebrennikow.
       
 (IMG) Bild: Beim „Rheingold“ in Salzburg lässt die Postapokalypse grüßen
       
       Salzburg ist immer noch ein Synonym für Edel-Festspiele. Im Sommer fügen
       sich hier Oper, Theater und Konzerte über einen Monat lang zu den größten
       und wohl auch besten Festspielen der Welt. Dirigentenlegende Herbert von
       Karajan hatte 1967 unabhängig davon die Osterfestspiele Salzburg für seine
       Berliner Philharmoniker gegründet. Diese Ausflüge in die Oper liefen auch
       unter seinen Nachfolgern, bis sich die Philharmoniker für 12 Jahre nach
       Baden-Baden (ver)locken ließen und andere Orchester ihren Platz einnahmen.
       Die Sächsische Staatskapelle unter Christian Thielemann gehörte einige
       Jahre dazu und nutzte ihre Chance.
       
       In diesem Jahr ist Schluss mit diesen Intermezzi – die [1][Berliner
       Philharmoniker mit ihrem Chef Kirill Petrenko] sind zurück. Und das mit
       einem „Rheingold“, das der Auftakt für einen auf fünf Jahre verteilten
       kompletten Nibelungen-Ring ist. Dass der Intendant der Osterfestspiele
       Nikolaus Bachler dieses eben begonnene Ring-Projekt mit der
       dazwischengeschobenen Oper „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg quasi vom
       Vier- zum Fünfteiler erweitern und damit in ein eigenes Licht rücken will,
       gehört zu der Art von dramaturgischer Ambition, die den selbstbewussten
       Bachler wohl auch als (zumindest Übergangs-)Kandidaten für die gerade frei
       gewordene Leitung der Sommerfestspiele empfehlen.
       
       Just zur „Rheingold“-Premiere hatte sich der Rausschmiss des langjährigen
       und höchst erfolgreichen Festspielintendanten Markus Hinterhäuser auf die
       Titel der Zeitungen vor Ort katapultiert. Kopfschütteln weit verbreitet –
       Lösung offen.
       
       Allein, dass die Berliner wieder zurück in Salzburg sind, ist aber ein
       allseits gefeierter Coup. Wie sie sich im Graben zurückgemeldet haben, ist
       eine Sensation. Petrenko hat eine besondere Affinität zu Wagners
       Weltenopus. Vor 25 Jahren hatte er in Meiningen den kompletten Ring an vier
       aufeinanderfolgenden Tagen dirigiert. Und damit seiner Karriere wohl den
       entscheidenden Schub verpasst.
       
       Es ist Zufall, sieht aber aus, als würde sich die Rezeptionsgeschichte
       einen charmanten Witz erlauben: Zeitgleich mit der Premiere in Salzburg
       ging auch in Meiningen eine „Rheingold“-Premiere über die Bühne. Mal
       abgesehen davon, dass man dort die Aufnahme des „Schmiedegeklimpers“
       nachnutzen konnte, die einst Petrenko eingespielt hatte, schmiedet dort mit
       Kilian Farrell wieder so ein junges Talent wie einst er an seiner Karriere.
       
       ## Betont zügiges Tempo
       
       Dass man für den Salzburger Ring wegen der anstehenden Generalüberholung
       des Großen Festspielhauses auf die Felsenreitschule ausweichen muss, rückt
       das Orchester zusätzlich ins Zentrum und sorgt dafür, dass es seine Rolle
       in durchweg packende Suggestivkraft ummünzen konnte. Hier fließt ein klarer
       Klangstrom, fasziniert mit detailgenauer Transparenz und der packenden
       Dramatik eines betont zügigen Tempos. Petrenko bleibt deutlich unter den
       angegebenen zweieinhalb Stunden (so wie Christian Thielemann an der
       Lindenoper dieses Zeitmaß deutlich überschritt).
       
       Es ist pures Vergnügen, den Streichern oder Bläsern im Einzelnen und dann
       dem exzellent gemischten Gesamtklang zu lauschen. Für die Protagonisten ist
       ein sängerfreundlicher Dirigent wie Petrenko sicher eine Ermutigung, sich
       auch als Rollenneuling auf die Felsenreitschule einzulassen. Das Archaische
       dieses Spielortes kommt hier dem Orchester und den Sängern entgegen.
       
       Wobei die vokale Seite nicht ganz so geschlossen überzeugt wie das
       Orchester. Christian Gerhaher beschränkt sich klugerweise auf den
       Rheingold-Wotan, den er mit gewohnt klarer Artikulation, aber mehr
       zweifelnd als herrisch interpretiert. Leigh Melrose wird als Alberich der
       ihm hier zugewiesenen Hauptrolle vollauf gerecht. Das gilt auch für Brenton
       Ryan als wendigen Loge, dessen Rolle durch seinen Begleiter mit rot
       bemaltem Oberkörper Georgy Kudrenko zusätzlich aufgewertet wird.
       
       Catriona Morison verkörpert eine geradezu gefühlvolle Fricka, Le Bu ist der
       kraftvolle Fasolt, Patrick Guetti sein Bruder Fafner. Abgesehen von den
       etwas schwächelnden Rheintöchtern profitiert das Protagonistenensemble von
       Petrenkos Sängersensibilität und schlägt sich gut.
       
       ## Antike Gelehrte auf der Flucht
       
       Anders als bei seinem „Parsifal“ (in Wien) und dem „Lohengrin“ in Paris
       überblendet [2][Kirill Serebrennikow] die Vorlagen nicht mit den
       Verwerfungen unserer aus den Fugen geratenen Gegenwart oder der näheren
       Vergangenheit. Auch er nimmt wieder als sein eigener Ausstatter die
       außergewöhnliche Spielstätte als Steilvorlage für seinen Zugang an. Der
       Boden wirkt wie erstarrte Lava oder ein ausgetrockneter Fluss. Ein Hügel
       gefrorenen Wassers hat offenbar die Stelle des Rheingoldes (als wahrer
       Schatz?) übernommen.
       
       Andererseits präsentiert sich Alberich in Nibelheim wie ein exotischer
       Fürst und die Nibelungen präsentieren den Schatz zum Auslösen von Freia,
       als wär’s eine Schmuckmodenschau. Schon die Rheintöchter waren prachtvoll
       geschmückt, jede von ihnen brauchte aber zwei Helfer, um sich wie ein
       surrealer Zentaur fortzubewegen. Beim Einzug der Götter in Walhall werden
       dann auch sie einfach weggetragen.
       
       Zu der eher auf Wirkung als auf gedankliche Stringenz bedachten Szene
       gehören neben zusätzlichen und auch doubelnden Darstellern imposante,
       folkloristische Ausstattungsimporte aus Afrika, tanzende Performer, die
       sich von Ivan Estegneev und Delavallet Bidiefono passgenau choreografiert
       bewegen. Über der Szene gibt es auf beweglichen Großbildschirmen
       Bruchstücke eines in Island gedrehten Films, in dem Alberich einsam und
       nackt über eine karge Nichtmehr-Landschaft jagt.
       
       Die aus der mäandernden Oberfläche ragenden etwa 30 Pfeilerstümpfe und die
       provisorischen Laufstege, auf denen die Götter rasten, komplettieren den
       dominierenden Eindruck einer globalen Postapokalypse als Ort des
       Geschehens. Die Götter sehen in ihren bescheidenen hellen Gewändern aus wie
       antike Gelehrte auf der Flucht. Die Riesen und ihre Leute wie die Barbaren
       von nebenan und Loge wie eine Mischung aus Derwisch und reisendem Gaukler.
       Der Abstieg nach Nibelheim wird zur temperamentvollen, verblüffend
       passenden Tanznummer.
       
       Die Bühne bietet jedenfalls zum Petrenko-Klangzauber einiges fürs Auge,
       gibt aber auch Rätsel auf. Etwa das, wie Serebrennikow aus der
       nachapokalyptischen Welt zurück in die Sage von deren Untergang finden
       will. Man darf gespannt sein.
       
       29 Mar 2026
       
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