# taz.de -- Gesundheitsökonom zu Sparmaßnahmen: „Gut, dass das jetzt so schnell geht“
       
       > Wolfgang Greiner ist Teil der Expert*innenkommission für die
       > Rettung der Krankenkassen. Das sagt er zu den Plänen der
       > Bundesgesundheitsministerin.
       
 (IMG) Bild: Bald nur noch als Kassenleistung für Risikogruppen? Patient bei der Hautskrebsvorsorge
       
       taz: Vor zwei Wochen hat die Finanzkommission Gesundheit ein Paket an
       möglichen Einsparmaßnahmen präsentiert. Jetzt hat die Gesundheitsministerin
       angekündigt, 75 Prozent davon umsetzen zu wollen und bis Ende April einen
       Gesetzentwurf vorzulegen. Wie zufrieden sind Sie, Herr Greiner? 
       
       Wolfgang Greiner: Gut, dass das jetzt tatsächlich so schnell geht. Wir
       wissen natürlich noch nicht, welche 25 Prozent dann rausfallen, aber
       offensichtlich sind unsere Vorschläge eine starke Basis.
       
       taz: 20 Milliarden Euro kurzfristige Einsparungen hat die Ministerin in
       Aussicht gestellt. 
       
       Greiner: Das wären, Stand heute, sogar 5 Milliarden Euro mehr, als jetzt
       dringend gebraucht werden, um die Versicherungsbeiträge für 2027 stabil zu
       halten. Damit wären sogar Beitragssenkungen möglich. Das wäre ja mal ein
       ganz neuer Gedanke.
       
       taz: Ein paar Maßnahmen [1][hat die Ministerin schon konkret angekündigt].
       Gelingt dabei die versprochene Gleichbelastung aller Interessensgruppen? 
       
       Greiner: Wenn tatsächlich eine Umsetzung der einnahmenfinanzierten
       Ausgabenpolitik für alle Sektoren gelingt, dann ist das schon mal ein ganz
       grundlegender und sehr ausgewogener Schritt.
       
       taz: Was ist damit gemeint? 
       
       Greiner: Es ist eigentlich ganz simpel: Die Krankenkassen sollen nicht mehr
       ausgeben dürfen als sie einnehmen. Das ist auch im Sozialgesetzbuch so
       vorgesehen. Weil hier aber in den letzten Jahren sehr viele Ausnahmen
       gemacht wurden, steigen die Vergütungen im Gesundheitswesen viel stärker
       als die Einnahmen durch die Versicherungsbeiträge.
       
       taz: Die Ausnahmen hatten doch aber Gründe. Es galt zum Beispiel als große
       Errungenschaft, die Pflegekräfte aus der Finanzierung über Fallpauschalen
       herauszunehmen. 
       
       Greiner: Das ist ein gutes Beispiel. Es war eine gesellschaftliche
       Entscheidung, hier eine Ausnahme zu machen. Man wollte, dass die Pflege
       nicht nur als Kostenfaktor gesehen wird, dass mehr Pflegekräfte eingestellt
       werden und dass die Löhne steigen. Das wurde erreicht. Hier eine Ausnahme
       zu machen, war also eine Zeit lang gut, aber das kann angesichts der
       Ausgabenentwicklung und der Beitragssatzanstiege jetzt nicht immer so
       weitergehen.
       
       taz: Sparen die Krankenhäuser dann nicht wieder an der Pflege? 
       
       Greiner: Auch wenn die Pflege wieder in die Fallpauschalen eingegliedert
       wird, ist für die Krankenhäuser klar, welcher Anteil davon für die Pflege
       vorgesehen ist. Und der wird nach dem jetzigen Stand berechnet, und die
       Krankenhäuser müssten nach unserer Empfehlung nachweisen, dass sie das
       entsprechend ausgeben. Außerdem gibt es inzwischen Vorgaben für eine
       Mindestbesetzung auf den Stationen. Es sind also ausreichend
       Sicherungsmechanismen da, dass wir nicht wieder in eine Situation kommen
       wie vor 15 Jahren, als es wirklich einen Abbau gab.
       
       taz: Wenn die Verdienststeigerungen in allen Bereichen des
       Gesundheitswesens gekappt werden – von Krankenhaus bis Pharmaunternehmen –
       ist dann nicht mit einem Proteststurm der Lobbygruppen zu rechnen? 
       
       Greiner: Die Idee ist ja eine Gleichbehandlung aller Sektoren – das ist
       fair und nachvollziehbar. Und damit auch am Ende leichter umsetzbar. Vor
       allem, wenn man sich die Alternative vor Augen führt: Wir können die
       Versicherungsbeiträge jetzt vielleicht in den nächsten Jahren noch um 2
       oder 3 Prozentpunkte anheben, aber dann sind wir zusammen mit Rente und
       Pflege wirklich bald bei 50 Prozent Sozialabgaben.
       
       taz: Sie haben in Ihrem Maßnahmenkatalog auch vorgeschlagen, Leistungen wie
       das Hautkrebsscreening zu streichen. Geht das nicht [2][nur zu Lasten der
       Versicherten]? 
       
       Greiner: Die Streichung von Leistungen haben wir nur vorgeschlagen, wenn
       sie entweder offensichtlich wirkungslos sind – wie die
       Dringlichkeitszuschläge für Haus- und Fachärzte, die zu keiner messbaren
       Verkürzung der Wartezeit geführt haben. Oder wenn der Nutzen nicht
       wissenschaftlich nachgewiesen ist: Das berührt Bereiche [3][wie die
       Homöopathie], aber auch das Hautkrebsscreening. Anders als bei anderen
       Krebsarten gibt es hier keine Studien, die den Nutzen eines
       Massenscreenings belegen – deshalb wird das auch, außer in Deutschland,
       nirgendwo gemacht, nicht einmal in Australien. Wir haben hier auch keine
       komplette Abschaffung vorgeschlagen, sondern die Evaluierung für
       Risikogruppen: Für den Bauarbeiter, der den ganzen Tag in der Sonne
       arbeitet, wäre ein gezieltes Screening zum Beispiel vielleicht durchaus
       sinnvoll.
       
       taz: Erst im Dezember soll Ihre Kommission auch Vorschläge für grundlegende
       Reformen des Gesundheitssystems vorlegen. Müsste man das nicht
       zusammendenken mit den Einsparmaßnahmen? 
       
       Greiner: Eigentlich ja. Aber die meisten tiefgreifenden Reformen wirken
       leider nicht so schnell. Das sieht man ja an der Krankenhausreform – es
       dauert zwei bis drei Jahre, bis hier Effekte eintreten. Und so viel Zeit
       haben wir gerade nicht. Deshalb war es richtig, in einem ersten Schritt
       erst einmal Empfehlungen zu geben, die einen weiteren Beitragssatzanstieg
       verhindern helfen.
       
       15 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Finanzluecke-im-Gesundheitssystem/!6170942
 (DIR) [2] /Reform-der-Gesetzlichen-Krankenkassen/!6164562
 (DIR) [3] /Homoeopathie-Schwenk-der-Suedwest-FDP/!6142898
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Manuela Heim
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Gesundheitswesen
 (DIR) Krankenkassen
 (DIR) Nina Warken Gesundheitsministerin
 (DIR) Gesundheitspolitik
 (DIR) Krankenkassen
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Podcast „Bundestalk“
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Finanzlücke im Gesundheitssystem: Warken nennt Details zu Krankenkassenreform
       
       Die Gesundheitsministerin wird konkreter. Die beitragsfreie Mitversicherung
       von Ehepartnern soll modifiziert, die Zuzahlung erhöht werden.
       
 (DIR) Vorschläge zur Reform der Krankenkassen: 6 aus 66
       
       Die höhere Schnapssteuer ist nur einer von 66 Vorschlägen zur Rettung der
       Krankenkassen. Die sechs dicksten Sparmaßnahmen im Überblick.
       
 (DIR) Sparen im Sozialstaat: Wer zahlt die schwarz-roten Reformen?
       
       Beim Gesundheitssystem und im Haushalt muss gespart werden. Schaffen Merz
       und Klingbeil ein sozial gerechtes Paket?