# taz.de -- Verfassungsreferendum in Italien: Die Abstimmung über den Generalangriff von Rechts
> Diesen Sonntag und Montag entscheiden Italiener*innen über eine
> Verfassungsänderung. Giorgia Meloni plant so einen radikalen Staatsumbau.
(IMG) Bild: Meloni hatte die verfassungsändernde Reform im Oktober mit den Stimmen ihrer Rechtskoalition problemlos durchs Parlament gebracht
Nein, so war das nicht geplant. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni
war davon ausgegangen, das das am 22. und 23. März anstehende Referendum
über die von ihr durchgesetzte Justizreform zum Heimspiel werde.
Schließlich hatte die [1][postfaschistische Regierungschefin] die
verfassungsändernde Reform im vergangenen Oktober mit den Stimmen ihrer
Rechtskoalition problemlos durchs Parlament gebracht. Doch aus dem
Heimspiel ist mittlerweile eine Hängepartie mit ungewissem Ausgang
geworden.
Plötzlich nimmt das Referendum für Meloni eine ähnliche Bedeutung an, wie
es die Mid-Terms für US-Präsident Donald Trump sind: Das Votum wird zum
Halbfinale, in dem Bürger*innen nicht nur über die Justizreform
befinden, sondern auch über weitergehende Pläne Melonis zum Staatsumbau. In
dem auch entschieden wird, welches der beiden politischen Lager bei den
Parlamentswahlen im Jahr 2027 Rückenwind haben wird.
Man mag Meloni zugutehalten, dass sie weit weniger rabiat agiert als andere
radikal rechte Populisten an der Macht, als ein Trump, [2][Javier Milei in
Argentinien], [3][Viktor Orbán in Ungarn]. Doch nicht umsonst sieht Meloni
diese drei als Brüder im Geiste, will auch sie einen autoritären
Staatsumbau. Quintessenz dieses Umbaus ist die Stärkung der Exekutive, um
endlich „durchregieren“ zu können. Das heißt: die Schwächung der
Gegengewichte – von der Justiz zum Parlament, von den Medien zu
gesellschaftlichen Oppositionskräften.[4][ ]
[5][Melonis Justizreform] stellt da nur einen ersten Schritt dar. Die
Trennung der Laufbahnen von Richter*innen und Staatsanwält*innen, die
Aufspaltung ihres Selbstverwaltungsorgans, des Höchsten Rats der
Magistratur, in zwei Räte, die dazu noch nicht mehr gewählt werden, sondern
deren Mitglieder in Zukunft per Losverfahren ermittelt werden sollen.
## Bei einem Sieg der Rechten bleibt es nicht bei der Justizreform
Sowohl Gegner*innen als auch Befürworter*innen dieser Reform,
sehen, dass es um mehr geht. Nicht umsonst verkündet Meloni, endlich solle
eine Justiz geschaffen werden, „die mit der Regierung an einem Strang
zieht“, sprich die gefügig ist, statt der Exekutive mit unbequemen Urteilen
in die Quere zu kommen. Und nicht umsonst verkündete Giusi Bartolozzi,
Kabinettschefin des Justizministers Carlo Nordio, mit dem Referendum gelte
es, „die Magistratur aus dem Weg zu räumen“.
Bei einem Sieg im Referendum bliebe es nicht bei dieser einen Reform. Ganz
oben auf Melonis Agenda steht eine weitere Verfassungsänderung: die
Einführung der Direktwahl des Ministerpräsidenten. Damit würde der
jahrzehntealte Traum der italienischen radikalen Rechten endlich wahr: die
Installierung eines starken Manns – oder einer starken Frau – an der Spitze
der Exekutive, plebiszitär ermächtigt durch das Volk und Herr*in über das
Parlament.
Denn auch das Verhältnis zwischen Legislative und Exekutive würde so auf
den Kopf gestellt. Bisher ist es das Parlament, das dem Ministerpräsidenten
das Vertrauen ausspricht – und entziehen kann. In Zukunft jedoch wäre es
der Regierungschef, der dem Parlament das Vertrauen entziehen könnte: Wenn
er zurücktritt, kann er die Auflösung des Parlaments und Neuwahlen
verordnen.
Noch vor dieser Reform hat Meloni eine Wahlrechtsreform im Sinn, sie soll
direkt nach dem Justizreferendum vom 22. und 23. März ins Parlament
eingebracht werden. Italiens Rechte will ein neues Wahlverfahren, mit
Proporz, zugleich aber mit einem satten Mehrheitsbonus für die siegreiche
Koalition.
Es schien bisher, als müsse Meloni keine großen Widerstände gegen ihre
Reformpläne befürchten. Wie kaum eine andere Regierung in Europa verfügt
sie über einen stabilen Konsens im Wahlvolk. Gewann ihre postfaschistische
Fratelli d'Italia bei den Wahlen von 2022 rund 26 Prozent der Stimmen, so
liegt [6][aktuell in den Umfragen sogar bei 28 bis 30 Prozent]. Ihre
Koalitionspartner Lega und Forza Italia verharren stabil bei je rund 8
Prozent. Das würde mit einem veränderten Wahlrecht wieder für eine satte
Parlamentsmehrheit reichen.
## Das Referendum kann das scheinbar feste Tableau ins Wanken bringen
Dabei hilft Meloni auch die Tatsache, dass die Mitte-Links-Opposition –
vorneweg die gemäßigt linke Partito Democratico und die Fünf Sterne – zwar
ihre tiefe Spaltung von 2022 überwinden konnten, ihnen es aber nicht
gelang, zündende Themen zu finden. Es finden sich auch keine populären
Führungsfiguren, die „Giorgia“ die Stirn bieten könnten. Dieses scheinbar
feste Tableau kann jedoch durch das Justizreferendum ins Wanken geraten.
Verliert das Meloni-Lager das Referendum, wäre nicht nur der rechte
Generalangriff auf die angeblich „ideologisierte Justiz“, auf die „roten
Roben“ gestoppt. Es wäre auch der Mythos gebrochen, Meloni habe immer das
Volk auf ihrer Seite und könne die von ihr angestrebten Reformen ohne große
Widerstände durchsetzen. Dann wäre ein Ruck in der Mitte-Links-Allianz zu
erwarten, mit der Gewissheit, dass Italiens Rechte geschlagen werden kann.
Das gilt aber auch umgekehrt: Sollte Meloni siegen, wie knapp auch immer,
hätte sie freie Bahn für ihren autoritären Staatsumbau. Sie hätte
tatsächlich beste Chancen, bei den Parlamentswahlen von 2027 im Amt
bestätigt zu werden – und Italien eine „Ära Meloni“ samt allen Risiken und
Nebenwirkungen.
22 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rechtspopulistinnen-in-Europa/!6048543
(DIR) [2] /Rede-des-argentinischen-Praesidenten/!6159029
(DIR) [3] /Wahlkampf-in-Ungarn/!6162728
(DIR) [4] /Justizreform-in-Italien/!6144954
(DIR) [5] /Justizreform-in-Italien/!6144954
(DIR) [6] https://politpro.eu/de/italien
## AUTOREN
(DIR) Michael Braun
## TAGS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Giorgia Meloni
(DIR) Verfassungsreferendum
(DIR) Italien
(DIR) Justizreform in Italien
(DIR) Justiz
(DIR) Kommentar
(DIR) GNS
(DIR) Italien
(DIR) Italien
(DIR) Schwerpunkt Europe's Far Right
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Traum der italienischen Rechten: Worum geht es bei Italiens Justizreform?
Am Sonntag und Montag stimmen die Italiener über Melonis Justizreform
ab. Ob Ja oder Nein wird weitreichende Folgen für Italiens Zukunft haben.
(DIR) Polizeigewalt in Italien: Anatomie eines Falls
Ein Tötungsdelikt in Mailand fällt der Meloni-Regierung auf die Füße. Es
diente ihr als Argument für die angestrebte Justizreform. Das ist
hinfällig.
(DIR) Rechtspopulistinnen in Europa: Rechts, weiblich, erfolgreich
Auffallend viele Frauen kämpfen sich mit rechten Parolen nach ganz oben –
und machen damit den Antifeminismus erst so richtig salonfähig.