# taz.de -- Polizeigewalt in Italien: Anatomie eines Falls
       
       > Ein Tötungsdelikt in Mailand fällt der Meloni-Regierung auf die Füße. Es
       > diente ihr als Argument für die angestrebte Justizreform. Das ist
       > hinfällig.
       
 (IMG) Bild: Will die Befugnisse der Staatsanwaltschaft beschränken: Italiens Premier Giorgia Meloni auf einer Pressekonferenz Anfang Januar
       
       Der Tod des marokkanischen Drogendealers Abderrahim Mansouri schien ein
       klarer Fall – bis Montag. Am 26. Januar war der 28-Jährige bei
       einbrechender Dunkelheit erschossen worden, in dem zum großen
       Drogenumschlagsplatz gewordenen Park im Mailänder Stadtviertel Rogoredo.
       
       Der Dealer war einem Kopfschuss erlegen, abgefeuert aus 30 Meter Entfernung
       von dem Polizisten Carmelo Cinturrino. Der machte sofort Notwehr geltend,
       und in der Tat schien die Situation eindeutig zu sein. Cinturrino erklärte,
       Mansouri habe eine Waffe auf ihn gerichtet, da habe er geschossen.
       
       Die neben der Leiche gefundene Pistole entpuppte sich zwar als
       Schreckschusswaffe, aber das hätte der Beamte aus der großen Entfernung
       nicht erkennen können. Wie in solchen Fällen üblich, nahm die
       Staatsanwaltschaft umgehend Ermittlungen auf unter der Rubrik „Verdacht auf
       ein vorsätzliches Tötungsdelikt“.
       
       Ein gefundenes Fressen war die Geschichte für Italiens Rechte. Bloß eine
       halbe Stunde nach dem Todesschuss setzte Matteo Salvini, Chef der
       rechtspopulistisch-fremdenfeindlichen Lega und Vizeministerpräsident in der
       Regierung Giorgia Melonis, einen ersten Post ab. „Ich stehe ohne Wenn und
       Aber auf der Seite des Polizisten“, erklärte er da. „Ein Polizist
       verteidigt sich, der Gauner stirbt, gegen den Beamten wird wegen
       vorsätzlicher Tötung ermittelt. Das ist alles falsch!“, schob er am
       nächsten Tag nach.
       
       ## Dumm nur, dass alles anders war
       
       Die EP-Abgeordnete der Lega, Silvia Sardone, schlug gar vor, dem Polizisten
       einen Orden zu verleihen. „Absurd“ seien die Ermittlungen gegen Cinturrino,
       „er hat richtig gehandelt, er hat seine Arbeit getan“, befand sie. Und
       Ministerpräsidentin Meloni schlug gut eine Woche später in einer TV-Sendung
       den Bogen hin zum Generalangriff auf die Justiz, den die Rechte gerade
       fährt, [1][weil Italiens Bürger*innen am 22. März in einem Referendum
       über die verfassungsändernde Justizreform abstimmen], mit der die Rechte
       die Dritte Gewalt schwächen will.
       
       Sie verglich den Vorfall mit Ausschreitungen bei einer linken Demonstration
       in Turin, die einige Tage danach stattfand und bei denen ein Polizist von
       etwa 10 Demonstranten verprügelt worden war. Meloni beschwerte sich, dass
       gegen den Mailänder Beamten wegen vorsätzlicher Tötung ermittelt werde,
       einem der in Turin verhafteten Demonstranten dagegen werde bloß „Gewalt
       gegen einen Vollstreckungsbeamten“ vorgeworfen statt versuchter Mord.
       
       „Dieses Messen mit zweierlei Maß eines Teils der Justiz erschwert es ein
       wenig, in der Verteidigung der Sicherheit der Bürger effizient zu sein“,
       sagte sie. Und Galeazzo Bignami, Fraktionsvorsitzender der Meloni-Partei
       Fratelli d’Italia im Abgeordnetenhaus, legte nach: „Wenn man diese Justiz
       ändern will, muss man (beim Referendum) mit Ja stimmen“.
       
       Dumm nur, dass der Todesschuss in Mailand sich ganz anders zugetragen, hat
       als anfangs von dem Schützen behauptet und von gleich vier Kollegen
       bestätigt. Seit Montag sitzt der 42-jährige Polizist in Haft. Er hatte, wie
       sich herausstellte, den unbewaffneten Mansouri erschossen und dann einen
       Kollegen in die nahe Polizeiwache geschickt, um dort eine Tasche zu holen.
       Aus der nahm Cinturrino die Schreckschusspistole heraus und legte sie neben
       die Leiche. Seine Fingerabdrücke sind auf der Waffe, die des Toten dagegen
       nicht. Erst dann, nach 22 Minuten, rief er den Rettungswagen.
       
       Seine Kollegen ruderten in den zuletzt gemachten Zeugenaussagen zurück.
       Niemand hatte Mansouri mit einer Waffe in der Hand gesehen. Diverse
       Drogendealer dagegen sagten aus, Cinturrino habe im Viertel als harter Hund
       gegolten, der gerne auch mal Schutzgeld bei den Dealern erpresste. Auch den
       Toten habe er erpresst, der aber habe am Ende nicht mehr zahlen wollen.
       
       ## Italiens Rechte muss zurückrudern
       
       Zurückrudern muss jetzt auch Italiens Rechte. „Bestürzt“ äußerte sich am
       Montagabend in einer Erklärung [2][Meloni] selbst: Sollten die Vorwürfe
       gegen den Polizisten sich bestätigen, so handele es sich um „Verrat an der
       Nation“, dem gegenüber die Justiz sich „unbeugsam“ zeigen müsse.
       
       [3][Und auch Matteo Salvini befindet jetzt, der Mailänder Polizist sei „ein
       fauler Apfel“]. Kein Wort hingegen verlieren die beiden über ihre
       vorherigen Breitseiten gegen ebenjene Justiz.
       
       25 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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