# taz.de -- Wolfram Weimer und die Kultur: Kontrolle und Gunsterweisung
       
       > Die Causa Weimer ist mehr als Kulturkampf: Die Doppelrolle der Kunst von
       > Bewahrung und dem Herausfordern sozialer Routinen geht nicht mehr auf.
       
 (IMG) Bild: Wolfram Weimer in seinen jungen Jahren. Er hatte schon immer ein Händchen für den Kulturkampf der etwas anderen Art
       
       Bei allem Verständnis für die Empörung über den von Kulturstaatsminister
       Wolfram Weimer [1][vorangetriebenen Umbau der Kulturpolitik zu einer Art
       Kontrollregime] – es bleibt ein Unbehagen zurück, das selbst sein Rücktritt
       nicht aufheben würde. Geübte Politikbeobachter werden einwenden, dass
       dieser ohnehin nicht wahrscheinlich ist, obwohl Weimer so viel Unmut auf
       sich gezogen hat wie kein Amtsvorgänger zuvor.
       
       Das liegt nicht nur an dessen handwerklichem Dilettantismus. Vielmehr ist
       ein Funktionswandel des erst seit 1998 existierenden Amtes zu beobachten.
       Michael Naumann, der erste Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM),
       war als Staatssekretär Mitglied des Kabinetts und nahm dort zugleich eine
       Außenseiterposition ein, indem er seine Rolle als im Prinzip staatsfern
       interpretierte.
       
       Unvergessen seine provokante Bezeichnung des Föderalismus als
       „Verfassungsfolklore“. Naumann brachte den Blick von außen mit. Gewünscht
       war etwas für die Galerie, zum Vergleich wurde der französische
       Kulturminister Jacques Lang genannt, wohl in der Hoffnung, dass von dessen
       Eleganz ein wenig auch auf das hiesige Kulturleben abstrahlen möge.
       
       Das war magisches Denken und deckte sich nicht mit den bisherigen Effekten
       einheimischer Kulturproduktion, die oft über Künstlerinnen und Künstler
       verlaufen war, die sich besonders an den Standorten des Goethe-Instituts
       aufgerufen fühlten, sich kritisch bis ablehnend zur Entwicklung und Politik
       in Deutschland zu äußern. Große Teile der sogenannten Gegenkultur wurden
       staatlich finanziert und trugen – oft gegen den Willen der
       Mehrheitsgesellschaft – zum Gelingen der jungen Demokratie bei. Die sich
       öffnende Gesellschaft war souverän genug, selbsterklärte Staatsfeinde zu
       integrieren.
       
       ## Weimer hat wenig Rückhalt
       
       Damit soll nun wohl Schluss sein. Die stabilisierende Wirkung eines
       institutionellen Widerspruchs scheint gezielt ignoriert zu werden im Namen
       einer neuen Kulturpolitik, die sich an den Prinzipien von Kontrolle und
       Gunsterweisung orientiert. Zwar spricht einiges dafür, dass der parteilose
       Medienunternehmer Weimer eine Agenda verfolgt, die einem aus Irritation und
       Reibung hervorgehenden Verständnis von Kulturpolitik diametral
       entgegengesetzt ist. Völlig abgesagt war das von Helmut Kohl ausgerufene
       Projekt einer geistig-moralischen Wende vermutlich nie.
       
       Zum Gesamtbild schwelender Kulturkämpfe gehört aber auch, dass Weimer weder
       in der Bundesregierung noch innerhalb des rechtskonservativen Milieus der
       Unionsparteien über sonderlich viel Rückhalt verfügt – trotz des starken
       Gegenwinds war in der Affäre um den Buchhandlungspreis kaum nennenswerte
       Unterstützung für Weimer zu verzeichnen.
       
       Sein Rücktritt, so darf man vermuten, würde innerhalb der Union als
       Schwäche des Bundeskanzlers gewertet werden, die aber auf die Erwartungen
       einer robust nach rechts verschobenen Politik einzahlt: Obwohl Weimers
       kulturpolitischer Rigorismus gegen einen vermeintlich linken Aktivismus den
       Erwartungen dieses Lagers entspricht, würde dessen Demission als
       willkommene Niederlage von Friedrich Merz begrüßt.
       
       Wie auch immer die Personalie Weimer weitergeht, kann sie als Bruch mit dem
       bisherigen Verständnis bundesrepublikanischer Kulturpolitik gedeutet
       werden, das von der Garantie eines institutionellen Rahmens geprägt war,
       der das Selbstbild einer durch wirtschaftliches Wachstum gefestigten
       Demokratie widerspiegelte. Die Kulturstaatsministerinnen und -minister
       genügten sich in der Aufgabe, das Geld zu besorgen, Eröffnungsreden zu
       halten und sich ansonsten auf Assistenzleistungen zum Guten, Wahren,
       Schönen und gern auch Kontroversen zu beschränken.
       
       Es wäre aber falsch, den Fall Weimer lediglich als missratene Personalie
       abzutun. Ganz sicher ist er „der falsche Mann“, als den der Autor Claudius
       Seidl ihn in der Süddeutschen Zeitung entzaubert hat. Weit darüber hinaus
       stehen die Vorgänge jedoch im Zeichen einer kulturellen Krise, für die die
       passenden Begriffe abhandengekommen sind.
       
       ## Tief verwurzeltes Misstrauen
       
       Die Formel vom Strukturwandel der Öffentlichkeit scheint in Erinnerung an
       Jürgen Habermas und dessen unermüdliche Errettung einer kommunikativen
       Vernunft als zu schwach. Längst beherrschen zerfallende Öffentlichkeiten
       die Szene. Schlechte Aussichten für eine deliberative Demokratie, in der
       nach ausgiebigen Beratungen um Lösungen gerungen wird. Den
       Steuerungsbemühungen liberaler Demokratien schlägt inzwischen ein tief
       verwurzeltes Misstrauen entgegen, das von schnell wechselnden Regierungen
       nicht selten mit mutwillig-dezisionistischen Entscheidungen bearbeitet
       wird.
       
       In [2][ihrem Buchessay „Dieser Drang nach Härte“] spricht die Philosophin
       Eva von Redecker von der Schwierigkeit, eine Sprache zu finden, mit der auf
       den gesellschaftlichen Rechtsruck am besten reagiert werden kann. Analogien
       verkehren sich, Begriffe werden von der Gegenseite vereinnahmt, im
       Weltanschauungsbürgerkrieg gibt es keine Ruhezonen. In den akuten
       Kulturkämpfen gehe es, so von Redecker, in erster Linie um die Verteidigung
       von Phantombesitz: „Alle Elemente, die von rechts politisiert werden,
       stehen in der Gegenwart als gepanzerte Besitzansprüche still.“
       
       In der Pose unbedingter Verteidigungsbereitschaft wird politisches Handeln
       simuliert. Bürgerliche Freiheit wird fortan im Heizungskeller verteidigt,
       alles Mögliche kann zum Eigentum verklärt werden, um es anschließend als
       Kulturgut zu behaupten. So werden Revolten angezettelt, in denen vorgeblich
       „unser Land“ zurückgeholt werden soll, eine Art individualisierter
       Phantombesitz, während Öffentlichkeit doch einmal als Ort für den Austausch
       zum zwanglosen Zwang des besseren Arguments galt.
       
       In einer unter Druck geratenen Gesellschaft scheint die kulturpolitische
       Doppelfunktion von Bewahrung des kulturellen Erbes und dem Herausfordern
       sozialer Routinen durch die Künste nicht mehr aufzugehen. In den kommenden
       Konflikten droht Kultur immer häufiger zur Verfügungsmasse ideologischer
       Phantasmen zu werden.
       
       19 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Buchhandelspreis-ohne-Verleihung/!6161306
 (DIR) [2] https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240
       
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