# taz.de -- Nato-Expertin über die EU: „Ziel wäre eine Europäisierung der Nato“
> Wie umgehen mit Trump? Beraterin Gerlinde Niehus über europäischen
> Muskelaufbau, ihr Konzept der „Total Defence“ und die Friedensbewegung.
(IMG) Bild: Finnische Soldaten in ihrer Wintertarnung bei einer Nato-Übung: Die USA bringen in der Nato alles zusammen, sammeln die Signale und die Informationen
taz: Frau Niehus, [1][Donald Trump fordert die Nato-Mitgliedsstaaten gerade
auf, sich in der Straße von Hormus zu engagieren], ansonsten sehe es „sehr,
sehr schlecht für die Zukunft der Nato aus“. Zeigt dieses
Verhandlungsmuster, wie Trump auf die europäischen Nato-Staaten blickt?
Gerlinde Niehus: Ja, das spiegelt das Grunddilemma der Europäer und auch
der Kanadier wider. In den vergangenen anderthalb Jahren haben sie im
Wesentlichen auf eine Politik der Unterwerfung gesetzt. Nun hat Deutschland
Trumps Ansinnen erstmals mit deutlichen Worten eine Absage erteilt –
hoffentlich hat die Bundesregierung ihre Lektion jetzt gelernt. Denn
Gewaltmenschen wie Trump und auch Putin oder Xi beeindruckt man nicht mit
Unterwerfung. Sie brauchen klare Ansagen. Da sollte man rote Linien ziehen,
die man dann auch einhalten muss.
taz: Was braucht Europa, [2][um dominanter auftreten zu können?]
Niehus: Die Europäer müssen strategische Führung lernen. Sie müssen ihre
Sicherheits- und Verteidigungspolitik aufeinander abstimmen, und dafür
braucht es Leadership. Das sehe ich derzeit nirgends. In den vergangenen
Jahrzehnten folgten die Europäer meist den Vorgaben der USA, manchmal
grummelnd, manchmal wohlwollend. Verteidigungskommissar Andrius Kubilius
will jetzt einen European Security Council auflegen, das ist immerhin ein
Schritt in die richtige Richtung. Ich selbst habe schon vor über einem Jahr
den Vorschlag gemacht, eine European Leadership Group zu
institutionalisieren.
taz: Wozu wäre die gut?
Niehus: Sie könnte eine holistische europäische Sicherheits- und
Verteidigungsstrategie entwickeln. Lieferketten oder auch die digitale
Unabhängigkeit würde das einschließen. Wenn Trump sich dann mal wieder
einzelne Länder herauspicken und sie unter Druck setzen sollte, gäbe es
einen „gemeinsamen Muskel“, der unsere Handlungsfähigkeit sicherstellt.
taz: Apropos Abhängigkeiten: Rund 80 Prozent der europäischen Firmen
verwenden digitale Technologien aus den USA.
Niehus: Ja, da müssen wir sehen, dass wir unsere Verwundbarkeiten
zurückfahren, nicht nur gegenüber den USA, auch gegenüber China. Wir müssen
etwa dringend europäische Cloud-Services entwickeln. Und warum nutzen wir
weiterhin alle möglichen Microsoft-Tools und versuchen nicht, europäische
Tools einzusetzen? Es muss sich dringend etwas tun.
taz: Was können Institutionen wie die Nato und die EU noch leisten, wenn
sie innerlich so zerrissen sind?
Niehus: Weil sie fragiler geworden sind, muss man neue Zusammenschlüsse
eingehen. Deshalb spreche ich in Bezug auf die Ukraine-Unterstützung auch
nur noch von einer Koalition der Willigen, die Großbritannien und Norwegen
mit einschließt und die Slowakei und Ungarn ausschließt. Die Integration
der Ukraine in die Nato wird auf absehbare Zeit nicht funktionieren, weil
es keinen Konsens in dieser Frage gibt. Ob und wann die Ukraine EU-Mitglied
wird, weiß man auch nicht. Es kann ein längerer Prozess werden. Also sollte
man überlegen, was man jetzt im Rahmen einer Koalition der Willigen tun
kann. Nur so kann daraus auch eine Koalition der Tätigen werden.
taz: Welche Staaten sähen Sie in einer solchen Führungsriege?
Niehus: Ich denke, das sollte eine Gruppe aus verschiedenen Playern sein:
Vertreter aus der EU-Kommission und dem Europäischen Parlament, Vertreter
Frankreichs und Großbritanniens, der beiden Nuklearmächte in Europa. Dann
sicherlich Deutschland als das größte Land und als der Staat, der das Ziel
hat, die größte konventionelle Armee des Kontinents aufzubauen. Polen als
eines der Länder mit den größten Investitionen in die Sicherheit. Und ich
denke, Italien sollte man einbinden, als Land des Südens mit einer starken
Rüstungsindustrie. Eventuell auch Spanien. Das wären die europäischen Power
Houses. Mein wichtigster Punkt kommt aber zum Schluss: Die Ukraine sollte
mit dabei sein. Weil wir in Sachen Verteidigung viel von ihr lernen können,
weil die Ukrainer gerade unsere Freiheit verteidigen.
taz: Ihre Vision ist ein ganz neues Bündnis?
Niehus: Das könnte sich zu einem ganz neuen Bündnis entwickeln. Das erste
Ziel wäre aber eine systematische Europäisierung der Nato.
taz: Wir fragen unsoft: Welches Europa meinen Sie damit eigentlich?
Niehus: Ich meine damit das freiheitliche und demokratische Europa, ein
Land wie Ungarn meine ich damit nicht. Meines Erachtens hätte die EU schon
viel früher versuchen sollen, Ungarn das Stimmrecht im Europäischen Rat zu
entziehen – jetzt ist 2026, und es wird noch immer debattiert. Man kann
natürlich darauf hoffen, dass Orbán die Wahlen im April verliert und in
Ungarn alles besser wird. Aber darauf zählen kann man nicht. Wenn man eine
geeintere EU hätte, könnte man Sicherheitspolitik im Sinne von Total
Defence organisieren.
taz: Total Defence?
Niehus: Russlands Kriegsführung in der Ukraine und gegen den Westen
bezeichne ich als Total War. Russland nutzt die ganz klassische
Kriegsführung, aber auch das gesamte Spektrum der hybriden Kriegsführung,
der Manipulation von Medien, der Instrumentalisierung von
Glaubensgemeinschaften, der Sabotage und vieles mehr. Was man dagegensetzen
muss, nenne ich Total Defence. Länder wie Finnland, Schweden und die
baltischen Staaten haben das auch schon zu einem Großteil umgesetzt. Dass
wir die Bevölkerung in Deutschland in Watte packen und sie nicht mit der
Realität konfrontieren, muss einfach aufhören. Im Ernst- und Kriegsfall
könnte dieser Staat sonst sehr schnell in eine Paralyse fallen.
taz: Sie haben jetzt noch kein einziges Mal den Begriff Diplomatie
verwendet. Welche Rolle spielt Diplomatie überhaupt noch? Was ist mit dem
Sanktionsbaukasten?
Niehus: Den Sanktionsbaukasten halte ich nach wie vor für richtig und
effizient. Auch wenn der Löcher hat. Löcher, die die USA nun wieder
vergrößern, indem sie die Öl-Sanktionen gegen Russland gelockert haben. Und
Diplomatie? Die sollte man immer aufrechterhalten, solange es Sinn ergibt.
Bei Putin auf Diplomatie zu setzen, ist aber verlorene Zeit.
taz: „Vergleicht man die Nato mit einem Rad, wären die europäischen
Streitkräfte die Speichen − und die USA die Nabe, die alles zusammenhält
und dafür sorgt, dass es rundläuft“, schreibt Jana Puglierin in ihrem Buch
„Wer verteidigt Europa?“. Sie benutzen andere Metaphern, meinen aber das
gleiche, oder?
Niehus: Ich sage immer, dass die USA die Wirbelsäule und die tragenden
Knochen des Körpers sind – und eigentlich auch das zentrale Nervensystem.
Die USA bringen in der Nato alles zusammen, sammeln die Signale und die
Informationen. Im Nato-Jargon heißt das „Command and Control“, also die
US-Amerikaner haben alle Informationen, die man braucht, um sie zu
analysieren, Handlungsoptionen zu formulieren und den nächsten Befehl zu
geben. In dem Augenblick, in dem die USA wegfallen, wird der Körper
orientierungslos. Dann hat man zwar eine Hand und einen Arm, aber die
wissen nicht mehr so richtig, was sie tun sollen. Wenn wir also die USA im
Bereich der konventionellen Verteidigung ersetzen wollen, müssen wir diese
Fähigkeiten aufbauen. Immerhin beginnen Frau von der Leyen und Frau Kallas
ja jetzt mit der Entwicklung einer europäischen Sicherheitsstrategie.
Schauen wir mal, was dabei rumkommt.
taz: Gerade mit Blick auf hoch verschuldete Staaten wie Frankreich und
Italien: Was ist mit Fragen der Finanzierung?
Niehus: Wir verteidigen hier Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit –
all das gibt es nicht zum Nulltarif. Ja, das kostet Geld.
taz: Ist es für Sie schon ausgemachte Sache, dass die USA und die Nato
getrennte Wege gehen werden?
Niehus: Politisch und strategisch ist die Zäsur da. Auf der operativen
Ebene ist es wohl eher ein Abschied auf Raten. In jedem Fall hat das
Bündnis in seiner Glaubwürdigkeit schon dadurch gelitten, dass Trump
mehrfach die Solidarität mit der Nato und ihrem Grundsatz der kollektiven
Verteidigung infrage gestellt hat.
taz: Was bedeutet all das für das Feld der Geheimdienstinformationen?
Niehus: Auf die USA ist kein Verlass mehr. Viele europäische Länder haben
ja auch schon angefangen, ihre eigenen Geheimdienstinformationen nur noch
in sehr begrenztem Maße mit ihnen zu teilen. Auch auf dem Gebiet muss sich
Europa neu aufstellen. Vieles, was die Ukraine derzeit in Russland macht,
gelingt auch deshalb, weil sie sich dort ein solches Netz aufgebaut haben.
taz: In wenigen Wochen ist Ostern, die Zeit der Friedensmärsche. Es gibt
auch Gruppen von jungen Leuten, die gegen den freiwilligen Wehrdienst auf
die Straße geben. Wie ist Ihre Haltung zu diesen Bewegungen?
Niehus: Die Anliegen, die diese Menschen haben, sind ja nicht schlecht. Ich
frage mich nur, ob sie mit ihrem Ansatz ihrem eigentlichen Ziel – Frieden –
überhaupt näherkommen. In dem Moment, wo man sich naiv immer größeren
Gefahren aussetzt, sich nicht rüstet – auch mental und emotional —, ist man
eine leichte Beute für Gewaltmenschen. Es bringt doch nichts zu sagen:
Diese Welt ist mir jetzt unheimlich und ich will damit nichts zu tun haben,
bitte bring mich in den Streichelzoo.
19 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schutz-der-Strasse-von-Hormus/!6163051
(DIR) [2] /Regierungserklaerung-vor-EU-Gipfel/!6163705
## AUTOREN
(DIR) Tanja Tricarico
(DIR) Jens Uthoff
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Donald Trump
(DIR) Europäische Union
(DIR) Nato
(DIR) Schwarz-rote Koalition
(DIR) Verteidigung
(DIR) Ungarn
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Ölpreis
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) EU-Gipfel und Ukrainekredite: Merz nennt Ungarns Vorgehen „Akt grober Illoyalität“
Viktor Orbán nimmt die EU und die Ukraine in Geiselhaft. Beim Gipfel in
Brüssel sollte er unter Druck gesetzt werden. Doch das Ergebnis ist
ernüchternd.
(DIR) US-israelischer Krieg in Iran: Die unerträgliche Arroganz der Macht
Alle Szenarien für die Zukunft Irans sind zutiefst beunruhigend. Die
Kriegstreiber haben nicht das Volk im Blick, sondern einzig eigene
Interessen.
(DIR) Preise für Benzin und Diesel: Wien reagiert auf hohe Spritkosten, Berlin so gut wie nicht
Österreich senkt die Spritsteuer, Deutschland die Frequenz der
Preiserhöhung an der Tankstelle. Am Donnerstag berät der Bundestag das
Gesetzespaket.
(DIR) Friedrich Merz und der Irankrieg: Der Kanzler hat eine Eingebung
Wegen des Irankriegs kritisiert der Bundeskanzler Trump und Netanjahu nun
mit deutlichen Worten. Endlich findet Friedrich Merz zu den Tatsachen.