# taz.de -- Antifaschismus in Rheinland-Pfalz: „Wir verstehen uns als Dorf-Antifa“
> Die Weinstraßen-Antifa organisiert sich im pfälzischen Neustadt gegen
> Faschismus. Ein Gespräch über Dorf-Aktivismus, Weinschorle und die
> Rechten.
(IMG) Bild: Spaziergänger in den Weinbergen in Rheinland-Pfalz
taz: Anna und Sebastian*, ihr seid bei der Weinstraßen-Antifa. Eine
Weintraube mit Antifa-Flagge, das ist euer Logo. Gibt es auch einen
Antifa-Soli-Wein?
Anna: Nein, noch nicht. Aber wir haben ein Dubbeglas mit unserem Logo
drauf.
taz: Dubbeglas?
Anna: Also ein [1][0,5-Liter-Glas mit Vertiefungen für die Finger], damit
es grifffester ist. Daraus trinkt man hier in der Region Weinschorle.
taz: Auch in eurem Namen steckt die Region. Wie ist die Weinstraßen-Antifa
entstanden und warum?
Sebastian: Wir haben uns vor fünf Jahren gegründet, weil es hier in der
Umgebung von Neustadt an der Weinstraße noch nichts in die Richtung gab.
Obwohl es auch rechtsradikale Organisationen und Reichsbürger gibt. Der
[2][lll. Weg] hat seinen Hauptsitz in Weidenthal, das ist direkt hier um
die Ecke. Diese Gruppen haben wieder Aufschwung und wir dachten, da muss
man dagegenhalten. Neustadter Antifa hätte als Name aber nicht gepasst,
weil wir eher aus den drumherum liegenden Dörfern kommen.
Anna: Wir verstehen uns als Dorf-Antifa.
taz: Was heißt das?
Anna: Man muss aushalten, dass wir nicht alle den gleiche Flavour von links
haben. Es gibt hier nicht eine Gruppe nur mit Marxisten, und wenn es dir da
nicht gefällt, gehst du halt zu den Anarchisten. Wir treffen uns einfach
alle bei der Weinstraßen-Antifa, und dann passt das.
Sebastian: Es gibt keine hohen Hürden, was man erfüllen muss, damit man
dazugehört. Anders würde das hier nicht funktionieren. Gerade, wenn wir
dauerhaft neue Leute davon überzeugen wollen, sich zu engagieren. Würden
wir da Menschen sofort ausschließen, weil sie etwas nicht hundertprozentig
politisch Korrektes gesagt haben, würden wir auf dem Dorf keinen Anschluss
finden. Das ist auch ein Bildungsprozess, den es dabei braucht. Wir freuen
uns einfach, wenn Leute dabei sind, sich gegen rechts zu positionieren.
Anna: Anders als in Städten mit einer offeneren Kultur muss man hier
robuster sein. Wir sind wenige und rechtes Gedankengut verbreitet sich
immer mehr.
taz: Wie erlebt ihr die rechte Szene an der Weinstraße?
Sebastian: Während Corona gab es eine große Querdenkerszene. Zwei von
denen, die [3][Karl Lauterbach entführen wollten], kamen aus Neustadt. Ein
paar Schwurbler wollten auch mal auf dem Supermarktparkplatz Waffen kaufen,
das war aber eine Falle der Polizei. Trotzdem, es gibt schon ein paar
militante Rechte hier.
Anna: Zum Beispiel gibt es hier eine Jugendorganisation vom lll. Weg. Man
bemerkt die vor allem durch sehr viele Sticker in der Innenstadt. Zum
Beispiel mit der schwarz-weiß-roten Reichsflagge, auf der dann „Nazi-Zone“
oder „NS-Zone“ draufsteht. Auch die AfD ist aktiv und präsent mit
Infoständen. Bei der Bundestagswahl hat die AfD hier fast 20 Prozent
geholt.
taz: Bemerkt das der Rest der Neustadter?
Anna: Wir sind jetzt nicht die Nazi-Hochburg hier, aber das Problem der
Neustadter ist, dass sehr viele Leute Angst haben, zu politisch zu sein.
Und das ist mindestens genauso gefährlich. Bei Antifa denken die meisten
gleich, dass wir superextrem sind. Meine Mutter dachte erst, Antifa ist
quasi RAF. Aber nein, wir sind wirklich gemäßigt. Wir schmeißen keine
Fenster ein.
Sebastian: Wir machen Bildungsarbeit. Wir organisieren Offene
Antifaschistische Treffen (OAT) mit Vorträgen zu Antirassismus,
Antisexismus, Selbstorganisation oder auch einfach mal einen Kneipenabend,
um sich zu vernetzen. Wir arbeiten auch mit den Omas gegen Rechts zusammen
und sind Teil des Bündnisses gegen Rechts. Bis vor Kurzem haben wir uns im
selbstverwalteten Jugendzentrum in der Stadt getroffen. Aber da mussten wir
jetzt raus.
taz: Was ist passiert?
Sebastian: Im Verfassungsschutzbericht werden mehrere OATs in
Rheinland-Pfalz aufgeführt und Neustadt wird als Beispiel genannt. Aber es
gibt keine konkreten Vorwürfe, warum wir verfassungsfeindlich sein sollen.
Trotzdem: Die Stadtspitze hat dem Jugendzentrum gedroht, die Finanzierung
zu streichen, wenn wir nicht gehen.
Anna: Das war im Dezember. Vor den Landtagswahlen hatten wir keine
Räumlichkeiten, um uns zu organisieren. Das war ein Problem und wir konnten
keine Aktionen zur Wahl planen.
taz: Wie blickt ihr auf den Wahlsonntag?
Anna: Schwierig. Es wird wahrscheinlich nicht so katastrophal wie in
Sachsen. Aber es wird auch nicht toll. Wir haben eine Vorabend-Demo
angesetzt in Kaiserslautern. Hier [4][hat die AfD bei der Bundestagswahl
letztes Jahr die meisten Zweitstimmen] geholt. In Kooperation mit den
anderen antifaschistischen Treffen in der Region wollen wir Präsenz zeigen.
Wir können vermutlich nicht mehr ganz Rheinland-Pfalz davon überzeugen,
dass Faschismus schlecht ist. Aber hoffentlich werden die Ergebnisse mehr
Leuten zeigen, dass man nicht mehr in dieser vermeintlich neutralen Mitte
bleiben kann.
*D ie Namen wurden auf Wunsch der Gesprächspartner:innen von der
Redaktion geändert.
22 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Dubbeglas
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## AUTOREN
(DIR) Clara Dünkler
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