# taz.de -- Rechte Esoterik auf dem Land: Reichsbürger sucht Dorf
       
       > In der rheinland-pfälzischen Provinz entstehen immer mehr Treffpunkte
       > rechter Selbstverwalter*innen. Nicht alle Gemeinden können damit umgehen.
       
 (IMG) Bild: Die MHS-Ranch in Andernach hat sich zu einem Treffpunkt für die Reichsbürger-Szene entwickelt
       
       Wer die Andernacher Innenstadt in Rheinland-Pfalz verlässt, ahnt nicht,
       dass bald die Bundesrepublik Deutschland enden könnte. Kleine Höfe wechseln
       sich mit grünen Wiesen ab, auf denen Pferde in der Morgensonne grasen. In
       der Ferne ist der Rhein zu sehen. Doch dann fällt der Blick auf einen Hof,
       der schon älter aussieht. Ein Minibus mit Rissen in den Fensterscheiben ist
       dort am Wegesrand geparkt, und überall sind Schilder aufgestellt. Neben dem
       Durchgang zu einem kleinen Innenhof am Zaun, gleich neben dem großen
       Holztor mit der Aufschrift „MSH-Ranch“. „Hier gilt Preußisches Staats- und
       Landrecht“, steht darauf.
       
       Die Schilder gibt es schon länger. Beachtet hat sie jedoch kaum jemand. Bis
       im August Matthes Haug auftritt. Rund 70 Menschen wollten in Andernach dem
       Mann zuhören, den der [1][mutmaßliche Rechtsterrorist Heinrich XIII. Prinz
       Reuss] in seinem Schattenkabinett als Minister für Völkerrecht vorgesehen
       haben soll. Der Mann, der mit seiner „Patriotischen Union“ laut
       Bundesgerichtshof höchstwahrscheinlich einen gewaltsamen Umsturz plante.
       
       Anders als viele seiner Gesinnungsgenoss*innen wird Haug bei der
       [2][bundesweiten Antiterrorrazzia] im Dezember 2022 nicht verhaftet. Er
       soll wohl nicht zum engsten Kern der Verschwörer gehört haben. Stattdessen
       tourt er weiterhin durchs Land und stellt die Inhalte seines Buchs „Das
       Deutsche Reich von 1871 bis heute“ vor. Ein Werk voller
       Verschwörungstheorien und Geschichtsrevisionismus. „Indigene Deutsche“,
       deren Ahnen sich 110 Jahre zurückverfolgen ließen, hätten das Recht, sich
       selbst zu verwalten, soll er laut SWR-Berichten auch in Andernach gesagt
       haben. Das Kaiserreich sei das einzige Deutschland, das bis heute
       existiere.
       
       ## Die Zahl der Reichsbürger*innen in Rheinland-Pfalz wächst
       
       Ende 2022 gehörten in Rheinland-Pfalz laut Verfassungsschutz rund 950
       Menschen dem Reichsbürger*innen-Spektrum an, 140 von ihnen galten als
       gewaltorientiert. Und die Tendenz ist stark steigend. Allein in den
       vergangenen vier Jahren hat sich die Zahl der gewaltorientierten
       Reichsbürger*innen in Rheinland-Pfalz beinahe verdoppelt.
       
       Die einzelnen Gruppierungen sind inhaltlich zersplittert. Was sie aber
       eint, ist die Ablehnung des herrschenden Systems. Das rheinland-pfälzische
       Innenministerium geht von einer „nicht zu unterschätzenden Gefahr“ durch
       die Szene und ihre den Staat ablehnenden Anhänger*innen aus. Die
       Kleinstadt Andernach ist zu einem wichtigen Treffpunkt der
       Reichsbürger*innen geworden. Die Polizei hat die MSH-Ranch im Blick,
       die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus spricht von einem potenziell
       gefährlichen Betreiber-Ehepaar.
       
       Eigentlich ist Andernach für seine Lage am Rhein und den höchsten
       Kaltwassergeysir der Welt bekannt. Jedes Jahr kommen viele Tourist*innen
       in die Stadt. Der Marienstätter Hof, wie die MSH-Ranch klassisch heißt, ist
       seit Jahrzehnten in Familienbesitz und wird heute von einem Ehepaar
       geführt. Geld haben die Betreiber*innen bis zuletzt auch außerhalb der
       Szene verdient. Zwar hatte die Kneipe zuletzt nicht mehr regelmäßig
       geöffnet. Aber wenn gerade keine Reichsbürger*innen zu Besuch waren,
       traten lokale Bands auf, Vereine kehrten nach Wanderungen dort ein.
       Urlauber*innen besuchten mit ihrem Wohnmobil den Hof und blieben zum
       Frühstück.
       
       Entsprechende Bewertungen sind nach wie vor im Internet zu lesen. Zuletzt
       sollen zumindest noch drei Pferdebesitzer*innen ihre Tiere im Stall
       der Ranch untergestellt haben. Es sei halt günstig hier und dass die
       Coronaregeln nicht so streng waren, habe auch geholfen, erzählt eine*r von
       ihnen der taz, bittet aber um Anonymität. „Die haben halt ihre Ansichten.
       Ansonsten sind das ganz normale Leute.“
       
       Es gibt unterschiedliche Angaben dazu, ab wann genau dieser Hof zu einem
       Treffpunkt der Reichsbürger*innen-Szene wurde. Die Polizei spricht von
       mindestens fünf Jahren, Szenekenner*innen zufolge gab es dort schon
       vor zehn Jahren einschlägige Veranstaltungen. Die Anwohner*innen der
       benachbarten Höfe möchten mit der taz nicht über ihre Nachbar*innen
       sprechen, erst recht nicht namentlich.
       
       ## Andernachs Bürgermeister setzt auf die Polizei
       
       An einem viel zu warmen Herbsttag bittet Christian Greiner in den
       Besprechungsraum des Andernacher Rathauses, einem funktionalen
       Nachkriegsbau im Zentrum. Hinter ihm zeigt ein großes Foto die Stadt.
       
       Greiner ist seit April Oberbürgermeister der 30.000-Einwohner-Gemeinde. Der
       43-jährige Lokalpolitiker der Freien Wähler und vorherige Berufssoldat
       hatte sich überraschend schon im ersten Wahlgang durchgesetzt. Nun sitzt er
       in Hemd und Anzug an einem großen Tisch und sagt Sätze wie: „Es ist ein
       großes Privileg, Oberbürgermeister einer Stadt zu sein, in der andere
       Urlaub machen.“ Für das Gespräch hat er sich 15 Minuten Zeit genommen.
       
       Nach der Veranstaltung mit Matthes Haug habe er Kontakt zur Polizei
       aufgenommen, sagt Greiner. Er sei zuversichtlich, dass die Behörden ihren
       Job machen. Politischen Handlungsbedarf sehe er nicht. Auch im Stadtrat sei
       der Hof kein Thema gewesen. „Ich stelle mich entschlossen gegen jeden
       Staatsfeind“, sagt Greiner. Doch dass vom Hof eine rechtsextremistische
       Gefahr ausgehe, sei ihm neu. Einen entsprechenden Hinweis habe er nie
       erhalten. Dann muss er weiter. Der nächste Termin.
       
       „Das ist eine klar von Rechten betriebene Immobilie“, sagt Christoph Feick
       über die MSH-Ranch in Andernach. Er arbeitet in der zuständigen
       Regionalstelle der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. Eine [3][mit
       Landes- und Bundesmitteln finanzierte Einrichtung], die all diejenigen
       unterstützt, die sich gegen die Extremisten wenden wollen. „Man muss die
       Dinge bearbeiten, sonst setzen sie sich fest. Davon sind wir überzeugt“,
       sagt Feick. Häufig lassen sich die politisch Verantwortlichen davon jedoch
       nicht so einfach überzeugen oder es scheitert, wie in Andernach, schon die
       Kontaktaufnahme.
       
       Umso schöner ist es für Feick, wenn es ausgerechnet über ein
       500-Einwohner-Dorf eine ganz andere Geschichte zu erzählen gibt. „Mehren
       ist in dieser Hinsicht schon ein Erfolg“, sagt er.
       
       Wer von Andernach nach Mehren fährt, muss erst über den Rhein und dann nach
       einer halben Stunde die Bundesstraße verlassen. An den kleinen Nebenstraßen
       liegen die Kühe nun direkt am Wegesrand, in den Orten wird die
       Fachwerkdichte größer. In Mehren selbst hat sogar die Dorfkirche
       Fachwerkverzierungen, um sie herum stehen Häuser, die teilweise aus dem 16.
       Jahrhundert stammen. Der einzig größere Arbeitgeber ist das
       Seniorenzentrum, in dem zugleich jeder fünfte Mehrener lebt.
       
       ## Das Thema spaltet die Dorfgemeinschaft
       
       Thomas Schnabel empfängt seinen Gast im Feuerwehrgerätehaus der Gemeinde.
       Der ehrenamtliche Bürgermeister ist selbst Pendler, arbeitet bei einem
       Zulieferer für die Automobilindustrie gleich hinter der Grenze zu
       Nordrhein-Westfalen. An diesem Tag hat er Spätschicht und morgens Zeit. Vor
       rund einem Jahr musste der parteilose 55-Jährige plötzlich zum
       Rechtsextremismusexperten werden. „So ist das halt“, sagt Schnabel dazu.
       Er habe schließlich verstehen wollen, mit wem er es in seinem Ort zu tun
       hat.
       
       Schnabels Problem ist etwas, auf das Mehren eigentlich immer stolz war. In
       dem Dorf gibt es noch einen Gasthof, der zumindest an vier Tagen in der
       Woche geöffnet ist. Doch an dem erfreuen sich nicht nur die Mehrener. Die
       AfD und die als Reaktion auf die Coronamaßnahmen entstandene Partei Die
       Basis treffen sich dort bis heute regelmäßig.
       
       Und irgendwann wurden auch Reichsbürger*innen und rechte
       Esoteriker*innen auf den Veranstaltungsort aufmerksam. Die Folgen
       spürt Schnabel bis heute. „Das Thema spaltet die Dorfgemeinschaft“, sagt
       er. Die einen wollen nur ihre Ruhe haben, die anderen seitdem nicht ruhen,
       bis sich die Situation gelöst hat.
       
       Im August 2022 meldet sich der für Mehren zuständige Altenkirchener
       Polizeichef bei Schnabel. Ob der etwas von einer Reichsbürgerversammlung im
       Ort wisse? Der Neonazi Frank Krämer, Ex-Gitarrist der Rechtsrockband
       Stahlgewitter, plane dort wohl etwas. Schnabel hört sich im Ort um und
       stößt schnell auf die Wirtin des Gasthofs. Die zeigt zwar erst keine
       Einsicht, wird dann aber doch hellhörig, als sie die Worte „Polizei“ und
       „Verfassungsschutz“ hört. „Ich war guter Dinge, dass wir das damit aus der
       Welt geschaffen haben“, sagt er.
       
       Doch es kommt anders. Im März 2023 wird er auf den Artikel eines
       antifaschistischen Recherchekollektivs aufmerksam gemacht. Es haben weitere
       Veranstaltungen stattgefunden. Rechte Esoteriker*innen verbreiteten
       dabei im Gasthof antisemitische Verschwörungsmythen. Zudem soll es auch
       hier einen [4][Auftritt von Matthes Haug] gegeben haben. Das Problem ist
       nicht aus der Welt.
       
       ## 200 Menschen haben in Mehren gegen die AfD protestiert
       
       Anders als in Andernach ist die Gasthofbetreiberin in Mehren nicht
       gesichert dem Reichsbürger*innen-Spektrum zuzuordnen. Sie ist zwar im Ort
       als überzeugte Impfgegnerin und Basis-Unterstützerin bekannt, doch darüber
       hinaus bislang nicht aufgefallen.
       
       „Ich gehe nach wie vor davon aus, dass sie das nicht bewusst gemacht hat“,
       sagt Schnabel. „Sie ist weder rechtsradikal noch fremdenfeindlich.“ Kerstin
       Spahr, die im Ort eine Bürgerinitiative gegen Rechts gegründet hat, sieht
       das anders. „Ich würde mir keine Reichsbürger einladen, um mit denen Kaffee
       zu trinken“, sagt sie. Die Wirtin selbst reagiert nicht auf Anfragen zu dem
       Thema.
       
       An einem Freitagabend im Oktober steht Kerstin Spahr im evangelischen
       Gemeindehaus in Mehren. Dort tritt an diesem Abend Matthias Pöhlmann auf,
       der Sektenexperte der evangelischen Kirche in Bayern. Er ist hier, weil
       Spahr sein Buch „Rechte Esoterik“ gelesen und ihn nach Mehren eingeladen
       hat. Die freiberufliche Psychotherapeutin hat lange in Köln gelebt und ist
       dann mit ihrer Familie zurück in ihr Mehrener Elternhaus gezogen. Sie trägt
       Brille, einen langen schwarzen Pullover und spricht im Gang mit zwei
       anderen Frauen. „Wir haben einiges mobilisiert“, sagt sie. An diesem Abend
       sind rund 60 Menschen gekommen.
       
       Alles, was in den vergangenen Monaten in Mehren und der Region als Reaktion
       auf die Treffen von Reichsbürger*innen und rechten
       Esoteriker*innen geschehen ist, hat etwas mit Spahr zu tun. „Als ich
       von den Treffen erfahren habe, bin ich sofort auf die Barrikaden gegangen“,
       sagt sie.
       
       Spahr gründet erst eine Whatsapp-Gruppe, dann eine Initiative. Sie
       organisiert eine Demonstration mit über 200 Teilnehmer*innen, die gegen ein
       AfD-Treffen in dem Gasthof protestieren. Und sie setzt sich beim
       Bürgermeister erfolgreich dafür ein, dass in dem Gasthof keine
       Veranstaltungen der Gemeinde mehr stattfinden. „Ich würde hier lieber
       friedlich und in Ruhe leben, aber das ist leider nicht möglich“, sagt
       Spahr.
       
       ## Wer sich engagiert, gerät ins Visier
       
       Dass so ein Engagement gefährlich sein kann, zeigt eine [5][aktuelle
       Veröffentlichung der Rechercheplattform Correctiv]. Demnach verfügen in
       Rheinland-Pfalz 93 mutmaßliche Rechtsextremist*innen über eine
       waffenrechtliche Erlaubnis, 26 davon leben im Bereich des für Mehren und
       Andernach zuständigen Polizeipräsidiums Koblenz.
       
       Zwar erklärt das Innenministerium hierzu, dass sich nach ihren
       Erkenntnissen keine dieser Personen dem Reichsbürger*innen-Spektrum
       zuordnen lässt. Jedoch verfügen von den 950 Szeneanhängern im Land
       weiterhin 11 Personen über eine waffenrechtliche Erlaubnis, 87 weiteren sei
       diese bereits entzogen worden. „Die Landesregierung verfolgt eine
       Null-Toleranz-Linie“, heißt es dazu. Jedoch lasse sich nicht jede
       Erkenntnis der Sicherheitsbehörden gerichtsfest belegen.
       
       Auch Kerstin Spahr musste erleben, was es heißt, sich die Rechten zum Feind
       zu machen. In einem Zeitungsbericht über die Mehrener Demonstration wird
       ihr Name genannt. Kurz darauf erhält sie erste Päckchen mit
       Kleidungsstücken, die sie nicht bestellt hat. Jacken, Pullis, Schuhe in
       „AfD-Blau“. Sie wird bei Wohltätigkeitsvereinen und ein zweites Mal bei der
       GEZ angemeldet. Jemand versucht in ihrem Namen Geld von einem Konto
       abzubuchen.
       
       Erst als sie sich von einem der Vereine die handschriftlich ausgefüllte
       Anmeldekarte schicken lässt und das überall im Dorf verbreitet, ist Ruhe.
       „Ich hatte eine Schriftprobe, vielleicht sogar DNA. Das ist denen dann zu
       heiß geworden“, sagt sie. Sie weiß aber auch, dass sich nach wie vor nicht
       alle in Mehren über ihr Engagement freuen. Heute ist ihr Haus nach allen
       Seiten hin mit Überwachungskameras ausgestattet.
       
       ## Kritik kommt auch von einer CDU-Bundestagsabgeordneten
       
       Es gibt mehrere Gründe, warum die rheinland-pfälzische Provinz für die
       Szene so interessant ist. Die Mieten und Kaufpreise sind vergleichsweise
       gering, Nordrhein-Westfalen und die Rhein-Main-Region dennoch nah.
       
       Das Problembewusstsein ist hier, so zumindest die Hoffnung, nicht so stark
       ausgeprägt wie in den Großstädten. Es gibt mehrere Stützpunkte der
       Rechtsextremist*innen in der Region. In Hachenburg im Westerwald
       trifft sich regelmäßig die [6][Neonazi-Partei Der dritte Weg], an der Ahr
       versammeln sich rechte Esoteriker*innen, die die [7][dortige
       Flutkatastrophe] für ein Erweckungserlebnis des deutschen Volks halten.
       
       Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus tut viel, um die betroffenen
       Gemeinden zu informieren. Auch in Andernach sei eine entsprechende
       Einschätzung weit verbreitet worden, heißt es aus der Beratungsstelle.
       Darin ist von einer Mischszene aus rechten Esoteriker*innen,
       Reichsbürger*innen, rechtsextremen Demokratiefeind*innen und
       Verschwörungsideolog*innen die Rede, die den Marienstätter Hof
       nutzten.
       
       Dazu werden konkrete Möglichkeiten genannt, wie den Betreiber*innen mit
       rechtsstaatlichen Mitteln der Alltag erschwert werden kann:
       Steuerprüfungen, Meldeauflagen, Abwasserrecht. „Alle hatten die
       Möglichkeit, sich zu melden“, sagt Feick.
       
       Dass die Stadtverwaltung Kenntnis von diesem Schreiben hat, kann
       Oberbürgermeister Christian Greiner im Gespräch weder bestätigen noch
       verneinen. Gemeldet hat sich zumindest die Andernacher
       CDU-Bundestagsabgeordnete Mechthild Heil. Sie kritisiert die Haltung der
       Stadt. „So richtig kümmert sich keiner darum“, sagt sie zum
       Reichsbürger-Hof in Andernach. „Das ist ein typisches Verhalten von
       Verwaltungen. Mir gefällt das nicht.“
       
       ## Die Ranch hat finanzielle Probleme
       
       Dass die Stadt so defensiv reagiert, könnte mit der Hoffnung zu tun haben,
       dass sich das Problem von allein erledigt. Denn die Hofbetreiber*innen
       sind zahlungsunfähig, ein entsprechendes Insolvenzverfahren läuft vor dem
       Amtsgericht Mayen. Nach den Berichten über den Haug-Auftritt dürften noch
       mehr Einnahmequellen außerhalb der Szene wegfallen, die wirtschaftliche
       Situation dürfte sich weiter verschlechtern. Seit Anfang Oktober liegt die
       Zustimmung der Gläubiger zur Veräußerung des Grundbesitzes vor.
       
       Der Hof steht für 140.000 Euro zum Verkauf. Auch einen Interessenten habe
       es laut Mechthild Heil bereits gegeben, der habe aber wieder zurückgezogen.
       „Keiner will den Hof haben, weil jeder Angst hat“, sagt sie.
       Oberbürgermeister Greiner verweist bei allen Fragen zu dem Thema auf den
       Datenschutz. Aus dem Umfeld der Stadtverwaltung heißt es allerdings, dass
       sich die Betreiber*innen vorbereitet hätten. Sie sind offiziell bereits
       abgemeldet – nach Russland. In der Praxis leben sie jedoch weiterhin auf
       dem Hof. Eine schriftliche Anfrage an die MSH-Ranch bleibt unbeantwortet.
       
       Im Gemeindehaus in Mehren bezeichnet Matthias Pöhlmann in seinem Vortrag
       die Esoterik als „trojanisches Pferd“ für rechtsextremes Denken. „Das ist
       eine Szene, die man wirklich nicht unterschätzen sollte“, sagt er. Kerstin
       Spahr sitzt in der zweiten Reihe und hört ihm aufmerksam zu. Eine ihrer
       Mitstreiterinnen macht mit ihrem Tablet eifrig Fotos von der Präsentation.
       
       Pöhlmanns Thesen von der [8][Esoterik als Einstiegsdroge für den
       Rechtsextremismus] sind auch für den Fall Andernach interessant. Auf der
       Internetseite der MSH-Ranch lässt sich heute noch ein 22 Jahre alter
       Artikel aus der Rhein-Zeitung abrufen. Darin geht es um einen
       Tierheilpraktiker, der die Pferde des Hofes mit „aktiviertem Wasser“
       geheilt haben soll.
       
       ## Verschwörungsideologie und Esoterik gehören zusammen
       
       Der Wissenschaft standen die Betreiber*innen schon damals offenbar
       skeptisch gegenüber. „Verschwörungsideologien und Esoterik bilden oft ein
       Zwillingspaar“, sagt Pöhlmann. Beides seien geschlossene Systeme, die
       alternative Wahrheiten verbreiten. Esoterik würde in der rechten Szene
       bewusst genutzt, um demokratische Institutionen zu delegitimieren.
       
       Das gilt auch für Matthes Haug, den [9][eifrigen Vortragsreisenden]. Ein
       Mann, der öffentlich erklärt, dass die Welt auf die Endphase eines
       Zehntausende Jahre langen Kampfes zwischen Gut und Böse zuläuft. „Haug ist
       ein Reichsbürgerideologe, der die Bundesrepublik nicht für einen legitimen
       Staat hält“, sagt Pöhlmann.
       
       Die Anhänger von Heinrich XIII. Prinz Reuss, den Haug bis heute in seinen
       Vorträgen lobt, hielte ihr Hass zusammen. „Wenn Feindbilder so mächtig
       werden, kann Gewalt irgendwann als legitimes Mittel zur Durchsetzung
       eigener Ziele betrachtet werden“, sagt Pöhlmann. Es sei eine Szene, die man
       wegen ihrer Skurrilität lange unterschätzt habe.
       
       Das Problem auszusitzen wird nicht helfen, davon ist Christian Feick von
       der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus überzeugt. Gerade in
       Andernach. „Wir sehen im Fall der MSH-Ranch nicht, dass das Problem kleiner
       wird, sondern dass sich dort verschanzt wird, mit einem nach außen immer
       aggressiver werdenden Auftreten“, sagt er. Auch Bedrohungen habe es bereits
       gegeben. Noch deute nichts darauf hin, dass die Behörden aktiv werden oder
       die Betreiber*innen freiwillig ausziehen. Bis dahin ist der Hof Teil
       einer Parallelgesellschaft, in der manche vom Umsturz träumen.
       
       In Mehren wird Kerstin Spahr weitermachen. Noch treffen sich AfD und Basis
       regelmäßig im dortigen Gasthof. Gerade erst hat sie wieder eine
       Demonstration dagegen organisiert. Und sollte sich das irgendwann einmal
       ändern, gibt es immer noch die vielen AfD-Wähler*innen und einigen
       Reichsbürger*innen, die in der Region leben. „Eigentlich möchte ich die
       Rechten überall weghaben, aber ich fange erst mal klein an“, sagt sie.
       Angst verspüre sie dabei keine. „Sollen sie doch kommen, ich warte nur
       darauf.“
       
       16 Nov 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Razzia-bei-Reichsbuergern/!5901865
 (DIR) [2] /Ermittlungen-gegen-Reichsbuerger/!5936561
 (DIR) [3] /Foerderung-von-Demokratieprojekten/!5884637
 (DIR) [4] /Rechtsextremes-Treffen-in-Hannover/!5903840
 (DIR) [5] https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2023/09/06/rechtsextreme-mit-waffen-in-ihrer-nachbarschaft/
 (DIR) [6] /Neonazis-vom-Dritten-Weg/!5953734
 (DIR) [7] /Ein-Jahr-nach-dem-Ahrtal-Hochwasser/!5863831
 (DIR) [8] /taz-Serie-Die-Reichsbuerger-Teil-3/!5356086
 (DIR) [9] /Reichsbuerger-diskutieren-Razzia/!5900482
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marc Latsch
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) Reichsbürger
 (DIR) Rechtsextremismus
 (DIR) Rheinland-Pfalz
 (DIR) Esoterik
 (DIR) GNS
 (DIR) Podcast „Vorgelesen“
 (DIR) Schwerpunkt Rechter Terror
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) taz-Serie: Die Reichsbürger
 (DIR) Reichsbürger
 (DIR) Schwerpunkt Rechter Terror
 (DIR) Reichsbürger
 (DIR) Reichsbürger
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Großprozess gegen Reichsbürger: Tag X für die Prinzengarde
       
       Der Prozess gegen ein Reichsbürgernetzwerk hat begonnen. Die mutmaßlichen
       Terroristen sollen einen gewaltsamen Umsturz geplant haben.
       
 (DIR) AfD im Erzgebirge: Rechtes Weihnachtsland
       
       Das Erzgebirge ist gerade zur Weihnachtszeit malerisch schön. Doch hier
       wohnen viele Menschen, die rechte Ideologien glauben und AfD wählen. Warum?
       
 (DIR) Nach Razzien bei Reichsbürgern: Die Szene ist unbeeindruckt
       
       Auf Telegram tummelt sich eine Szene von knapp 23.000 Reichsbürgern, ein
       Zehntel davon gewaltbereit. Dort müssen sie jetzt unter Druck gesetzt
       werden.
       
 (DIR) Bundesweite Razzien gegen Rechtsextreme: Ende der Reichsbürgerfantasien
       
       Der Reichsbürger Johannes M. drohte Behörden und scharte Gleichgesinnte um
       sich. Nun durchsuchte die Polizei 20 Wohnungen seiner Anhänger.
       
 (DIR) Linken-Anfrage zu Rechtsextremismus: Rechtsterroristen legal bewaffnet
       
       Die Reichsbürgergruppe um Heinrich Prinz Reuß besaß mindestens 62 Waffen
       legal. Sie planten, den Bundestag gewaltsam zu stürzen.
       
 (DIR) Terrorgruppe „Vereinte Patrioten“: Razzien und weitere Festnahmen
       
       Deutsche Behörden haben Mitglieder einer Reichsbürgergruppe festgenommen.
       Diese plante die Entführung Karl Lauterbachs und einen Regierungssturz.
       
 (DIR) Reichsbürger wollten Bundestag stürmen: „Das ist wie Krieg“
       
       Die Pläne der im Dezember festgenommenen Reichsbürger waren konkreter als
       bisher bekannt. Zentral dabei war die AfD-Politikerin Malsack-Winkemann.