# taz.de -- Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Mann ohne Popcorn
> Eigentlich ist die Ausgangslage für die CDU in Rheinland-Pfalz so gut wie
> seit Jahren nicht. Wenn nur der Spitzenkandidat Gordon Schnieder etwas
> bekannter wäre.
(IMG) Bild: Gordon Schnieder bei einer Wahlkampfveranstaltung in Mainz am 9. 3. 2026
Im Kino in Neuwied soll es an diesem Abend um die jungen Leute gehen.
Gleich läuft „Avatar drei“, Popcorn und Getränke sind umsonst. 30 Minuten
vor Beginn ist aber die vordere Hälfte des Saals bereits mit Menschen
deutlich über 40 besetzt – die Jugendlichen haben sich auf die hinteren
Reihen verteilt.
Es ist Ende Februar und Wahlkampf in Rheinland-Pfalz. Der Direktkandidat
der CDU hat mit einem Kinoabend in die Innenstadt gelockt. Mit dabei:
Gordon Schnieder. Der Mann, der Ministerpräsident werden will, versucht es
zu Beginn mit einem Eisbrecher: „Jan, ich habe kein Popcorn bekommen“, sagt
Schnieder zu dem Direktkandidaten. Die vorderen Reihen lachen.
Am 22. März sind Landtagswahlen. Schnieder will mit der CDU stärkste Kraft
werden. In Umfragen liegt die Union nur einen Punkt vor der SPD mit dem
[1][Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer]. Die CDU ist in
Rheinland-Pfalz siebenmal in Folge daran gescheitert, die Wahlen zu
gewinnen. Gordon Schnieder will das ändern. Das Problem: Er gilt als wenig
bekannt und etwas blass. An dem Kinoabend in Neuwied bleiben Schnieder nur
noch drei Wochen, um das zu ändern.
## Wahlkampf im Abstiegsland
„Ich habe gesagt, ich besuche jeden der 52 Wahlkreise. Heute Nachmittag bin
ich bei dir“, sagt er etwas pflichtschuldig zum Landtagskandidaten Jan
Petry aus Neuwied. Beide stehen vor der Leinwand an einem Tisch. Die
Erstwähler*innen sollen den beiden vor dem Film Fragen stellen. Einige
essen ihr Popcorn auf, bevor es überhaupt losgeht. Ein großer Teil des
älteren Publikums lässt die Jacken an und wird den Saal verlassen, sobald
Schnieders Auftritt vorbei ist.
Zuerst will ein junger Mann Schnieder nach den hohen Führerscheinkosten
fragen. Ein älterer Herr ruft dazwischen: „Lauter!“
Junge Erwachsene sind nicht die übliche CDU-Klientel. Bei der
Bundestagswahl holte die Union bei WählerInnen unter 25 Jahren nur 13
Prozent. Schnieder versucht trotzdem, mit jungen Menschen in Kontakt zu
kommen – schließlich zählt jede Stimme. Auf seinem Instagramprofil laufen
Musik von Bad Bunny und BookTok-Videos, in denen er Krimis von Sebastian
Fitzek empfiehlt. Von dieser Jugendlichkeit ist im Kino wenig zu spüren.
Ein Lehrer erzählt davon, dass an seiner Schule viele Schüler*innen
fehlten, wenn er am nächsten Tag einen Test schreiben wolle. Im letzten
Jahr hat Rheinland-Pfalz als erstes Bundesland unangekündigte Tests
abgeschafft. Er fordert von Schnieder, dass er sich nach der Wahl „um einen
guten [2][Kultusminister] kümmern soll“. Der gehört aktuell zur SPD. „Ganz
genau“, ruft eine ältere Frau in den vorderen Reihen. Schnieder betont, er
wolle sich wieder für ein Leistungsprinzip an Schulen einsetzen. Der
Applaus in den hinteren Reihen ist verhalten.
Bildungspolitik ist ein zentrales Thema im Wahlkampf. Schnieder bezeichnet
Rheinland-Pfalz gern als „Abstiegsland“. Laut einer [3][Studie] erreichen
37 Prozent der Schüler*innen nicht mehr den Mindeststandard für die
mittlere Reife. Andererseits spielt der Hintergrund der [4][Eltern eine
geringere Rolle] beim Bildungserfolg als in anderen Bundesländern.
Auf anderen Veranstaltungen – mit deutlich älterem Publikum – spricht er
von Gewalt an Schulen, fordert Videoüberwachung und Polizei, die Rucksäcke
nach Messern und Böllern durchsucht. Dann wird seine Stimme lauter,
Schnieder läuft leicht rot an.
## Katholik und Finanzwirt
Christiane Stahl ist parteilos und hat lange Zeit mit Schnieder
zusammengearbeitet. Da war er noch Ortsbürgermeister in seiner Heimat in
der Eifel, in Birresborn. Stahl hatte 2014 knapp gegen Schnieder verloren,
ihn danach als ehrenamtliche Beigeordnete unterstützt. Am Telefon
beschreibt sie ihn als „fair, mit einer schnellen Auffassungsgabe“. Was
waren die größten Erfolge während seiner Amtszeit? Stahl muss überlegen:
„Er hat mehrere Straßen und eine Mineralquelle ausbauen lassen.“ Auch von
Grünen und FDP im Landtag hört man, dass Schnieder zuverlässig und
freundlich sei, auch wenn man politisch nicht einer Meinung ist. Er sei ein
Landespolitiker, der nicht viel in die Bundes- oder Weltpolitik schaue.
Über seine Heimat sagt Schnieder, dort, wo er herkomme, „da gilt noch der
Handschlag.“ Er betont oft, dass er im Ortsverband aktiv war und gern
wandert. Er ist katholisch, war Messdiener und Lektor. Das abendliche Gebet
mit den Kindern sei ihm wichtig, sagt er im Interview mit dem SWR. Der Kurs
scheint zum Bundesland zu passen: ländlich geprägt, Mainz mit 227.000
Einwohner*innen die größte Stadt. Bei Kommunal- und Bundestagswahlen
gewinnt meistens die CDU.Allerdings spricht sich Schnieder auch für eine
Frauenquote aus. Auf der aktuellen Landesliste liegt der Frauenanteil aber
bei 21 Prozent, nur die ersten zehn Plätze sind quotiert. Über Schnieders
engste Führungsriege sagt die Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Eder, es
sei ein Boys-Club.
Schon Schnieders Vater war CDU-Mitglied, die beiden großen Brüder traten in
die Junge Union ein, einer davon ist mittlerweile Bundesverkehrsminister.
Patrick Schnieder nahm den kleinen Bruder Gordon 1991 mit auf einen
Kreisparteitag, die Diskussion dort hätte ihn beeindruckt – Schnieder trat
daraufhin selbst in die Partei ein. Damals war er 16. Sein großes Vorbild,
wenig überraschend, Bundeskanzler Helmut Kohl – einst Ministerpräsident in
Rheinland-Pfalz.
## Wenig Union, viel Streit
Damals war Rheinland-Pfalz noch CDU-Land. Die Partei regierte durchgängig
bis 1991. Die Phase endete nach einem Streit über die Richtung der Partei –
die Lager überstanden die Jahre.
In den letzten Jahren hat sich dann ein Muster eingeschlichen. Die CDU
liegt in Umfragen lange vorn, dann holt die SPD kurz vor der Wahl auf.
Zweimal erlebte es die jetzige Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Ihr
Nachfolger Christian Baldauf verlor die Landtagswahl 2021 mit dem
schlechtesten Ergebnis der CDU jemals.
„Wenn man nach außen den Eindruck vermittelt, immer noch zerstritten zu
sein, wird man nicht gewählt“, sagt Schnieder am Rande eines
Wahlkampfauftritts der taz. Als Landesgeneralsekretär habe er sich
vorgenommen, die Partei zu einen – „und das ist mir auch gelungen.“
Schließlich übernahm er den Fraktionsvorsitz.
## Diese Ungeduld
In der Stadthalle in Altenkirchen im Westerwald applaudieren Schnieder
große Teile der örtlichen CDU. An kleinen Tischen sitzt ein älteres
Publikum. Am Ende seiner Rede meldet sich eine Frau in Rosa. Sie will
wissen, ob die CDU denn ein Konzept gegen Gewalt gegen Frauen habe.
Kurz spricht der CDU-Spitzenkandidat von harten Strafen, „der Rechtsstaat
muss gelten“. Er fordert, Städte KI-gestützt zu überwachen, und mehr
Polizei auf den Straßen. Dann sagt er, er sei dankbar, dass Merz das
Problem im Stadtbild angesprochen habe. Es sei nachts gefährlich in
Kaiserslautern, Ludwigshafen und Mainz, aber auch in kleineren Städten. Das
Problem sei nicht nur, aber auch die Migration, der Anstieg von
Messerkriminalität keine „deutsche Kriminalität“, sondern zugewandert.
„Ich habe das Gefühl, sie sind ausgewichen“, versucht es die Frau aus dem
Publikum noch mal. Die meisten Morde fänden nicht auf der Straße statt,
sondern zu Hause. „Aber das kann ich ja wohl erwähnen!“, unterbricht
Schnieder sie von der Bühne aus. Die Frau versucht es ein drittes Mal,
fragt nach Konzepten, Schnieder antwortet dann doch: Er wolle Frauenhäuser
unterstützen. Was seine größte Schwäche sei, hatte der SWR ihn im Interview
gefragt. Er sei ungeduldig, auch gegenüber seinen Mitarbeitern, wenn es
nicht so laufe, wie er es sich vorstelle. Es ist nicht schwer, sich das in
diesem Moment vorzustellen.
## Pfälzer Bodenschätze
Wenn Schnieder auf Wahlkampfveranstaltungen auf Fragen im Publikum
antwortet, ist er schnell und bestimmt. Besonders bei der
Gesundheitsversorgung und den verschuldeten Kommunen. Die Wirtschaft will
Schnieder „entfesseln“ und sagt Sätze wie: „Wir haben in Rheinland-Pfalz
keine Rohstoffe, unsere Kinder sind die größten Schätze.“ In seinem
Wahlkampf besucht der Diplom-Finanzwirt regelmäßig Unternehmen. Dort wird
der CDU laut Umfragen die größte Kompetenz zugetraut. Auf der Website der
Partei lächelt er eine Maschine an. In der Partei hofft man auch,
[5][Wähler*innen der FDP abzugreifen].
## Der Mann, der nicht übers Klima spricht
Zurück ins Kino in Neuwied, dort steht zum Schluss eine junge Frau auf. Sie
will wissen, was die CDU denn für den Klimaschutz plane.
Schnieder beginnt zu erzählen, von der Wirtschaft, vom BIP, von den
Arbeitsplätzen. Die CDU verspricht in ihrem Wahlprogramm, das
[6][Landesklimaschutzgesetz] zu kippen. Der Grund: Es bedrohe Arbeitsplätze
und setze zu wenig auf Innovation.
Die junge Schülerin hakt nach: „Aber was haben Sie denn für ein Konzept.
Haben Sie eins?“
Schnieder fängt an über Sektorziele zu sprechen, die der Verkehr bereits
heute verfehle, und überhaupt: „Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne
Wirtschaft ist vieles nichts.“ Ein Satz, den er in diesem Zusammenhang
immer sagt.
Eine Woche danach, bei einer Veranstaltung in Boppard am Rhein, versucht es
eine Unternehmerin anders. Sie stellt sich vor: „Eigentlich bin ich eine
klassische CDU-Wählerin, ich führe seit Jahren ein Familienunternehmen.“
Das einzige Problem: der Klimaschutz. Was könne die CDU da bieten?
Schnieders Antworten sind die gleichen, die er der Schülerin ein paar Tage
zuvor gab. Das sei eine Nicht-Antwort gewesen, sagt die Unternehmerin
später der taz.Schnieder hat die gleiche Ansprache für alle – egal ob
Erstwählerin oder Familienunternehmerin in Rente. Ob das für einen neuen
Landesvater reicht?
Bei dem ersten und einzigen Fernsehduell im SWR stehen sich Schnieder und
Schweitzer direkt gegenüber. Das Duell erinnert eher an ein Duett. Fast so,
als sei man schon eine große Koalition – laut aktuellen Umfragen die
wahrscheinlichste Option. Offen scheint nur noch, wer an der Spitze steht.
Es wäre so oder so ein Erfolg für Schnieder, schließlich wäre es die erste
Regierung mit CDU-Beteiligung seit 35 Jahren.
17 Mar 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Jana Laborenz
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