# taz.de -- Wissenschaftler über Rechtsrock: „Deutschland ist immer noch ein Sehnsuchtsort für Nazis“
> Eine rechte Musikerin sorgte beim AfD-Wahlkampfauftakt in Rheinland-Pfalz
> für Stimmung. Das Bundesland werde zum Rechtsrockhotspot, sagt Thorsten
> Hindrichs.
(IMG) Bild: Hat beim Landesparteitag zwar ein Mikro, überlässt das Singen aber anderen Rechten: AfD-Chefin Alice Weidel
taz: Herr Hindrichs, Sie sind Musikwissenschaftler und beobachten die
Rechtsrockszene in Deutschland. Am Freitag haben Alice Weidel und Tino
Chrupalla den AfD-Wahlkampfauftakt für die Landtagswahlen in
Rheinland-Pfalz besucht. Für die musikalische Begleitung sorgte Julia Juls.
Wer ist das?
Thorsten Hindrichs: Das ist eine extrem rechte Liedermacherin aus der
Südpfalz. Früher war sie im Frauenbündnis Kandel aktiv. Sie singt traurige
Lieder über die schlechte Welt, die böse Antifa oder „Schützt uns vor den
Grünen“ und solchen Kram.
taz: Zu Rechtsrock zählen alle Musikrichtungen, die von extrem Rechten
gespielt werden. Wie steht es insgesamt um die Szene in Rheinland-Pfalz?
Hindrichs: Es gibt nicht sehr viele Bands, Musiker:innen oder Konzerte.
Aber die Musiker:innen, die es gibt, sind sehr aktiv. Das prominenteste
Beispiel ist Nico Roth, der unter dem Spitznamen „Wiesel“ unterwegs ist. Er
hat aktuell sieben verschiedene Bands. Mindestens. In jeder zweiten
Produktion hat er die Finger im Spiel. Ich beobachte, dass sich
Rheinland-Pfalz zu einem relevanten Rechtsrockhotspot entwickelt. Besonders
was die Labels angeht. Insgesamt gehen da meine Einschätzungen und die der
rheinland-pfälzischen-Sicherheitsbehörden aber etwas auseinander.
taz: Inwiefern?
Hindrichs: Der Verfassungsschutz könnte da noch deutlich transparenter
werden, finde ich. Das liegt vielleicht auch daran, wie sich die
Landespolitik nach außen darstellen will. Sie versucht, ganz viele
Programme gegen Rechtsextremismus zu starten. Das ist auch unheimlich
wichtig, das will ich gar nicht kleinreden. Aber dann ist meine
Beobachtung, dass die extrem rechte Musikszene ihre Strukturen hier weiter
ausbaut, kontraproduktiv.
taz: Die Labels sind aktiver als die Musiker:innen und Bands?
Hindrichs: Deutschland ist der größte und wichtigste Standort für die
Produktion von Rechtsrock. Es gibt in keinem anderen Land der Welt so viele
Labels und Vertriebe wie hier. In Rheinland-Pfalz haben wir den
[1][wichtigsten und auch mächtigsten Labelchef: Malte Redeker.] Er ist,
soweit ich weiß, immer noch European Secretary der Hammerskins. Er hat es
über die Jahre geschafft, viele Labels unter seine Kontrolle zu bekommen.
Oft über Mittelsmänner, etwa Opos Records in Brandenburg. Die sind seit
Jahren neben PC Records das wichtigste Rechtsrocklabel überhaupt.
taz: Warum ist Deutschland da so prominent vertreten?
Hindrichs: Das hat historische Gründe. Deutschland ist immer noch ein
Sehnsuchtsort für Nazis von außerhalb. Und es gibt auch viele
internationale Bands, die ihre Platten bei deutschen Labels herausbringen.
taz: Um noch einmal auf die Musik zu kommen: 2024 kursierte ein Video aus
Sylt, in dem junge Menschen mit Polohemd und Weinglas [2][eine rassistische
Variante von „L’amour toujours“ grölten]. Das passt nicht unbedingt zur
klassischen Idee von Rechtsrock, oder?
Hindrichs: Sylt ist ein ganz spannender Zusammenhang. Das war kein Projekt
von extremen Rechten, sondern aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft.
Das haben Leute wie der Rechtsrapper Kai „Proto“ Naggert sehr genau
beobachtet. Der ist damals superschnell selbst nach Sylt gefahren und hat
dieses widerliche Abschiebehauptmeister-Video gedreht. Nicht mal eine Woche
später war das Video auf Youtube und hatte innerhalb eines Jahres mehr als
eine Million Klicks. Das ist wieder ein Beleg dafür, dass die extreme
Rechte genau beobachtet, was in der Mehrheitsgesellschaft passiert und sehr
schnell darauf reagiert.
taz: Wie bewerten Sie den jüngsten Song des [3][ehemaligen
Mainstreamrappers Kollegah]? Den feiern rechte Ideologen ja als Erfolg.
Hindrichs: Kollegah ist das Vorbild für Kai „Proto“ Naggert schlechthin.
Und damit schließt das an den „Sylt“-Zusammenhang an. Wenn ein
Mainstreamrapper wie Kollegah extrem rechte Talking Points übernimmt, ist
das nur die popmusikalische Version dessen, was im übrigen politischen
Diskurs zu beobachten ist. Und das hilft letztendlich nur den extremen
Rechten. Dafür feiern die ihn natürlich.
taz: Das heißt, mit Punk oder Rock erreicht die Szene die Jüngeren nicht
mehr?
Hindrichs: Nicht unbedingt. Ich habe viele Anfragen von Kolleginnen
bekommen, die von mir wissen wollten, warum bei TikTok-Videos so viele alte
Böhse-Onkelz-Sachen laufen. Meine Arbeitshypothese ist: Die Jugendlichen
haben keine Ahnung, wer die Böhsen Onkelz sind. Die brauchen nur einen
Soundtrack zum TikTok-Video und geben dann entsprechende Stichworte ein.
Und bekommen dann interessanterweise überwiegend Böhse Onkelz [4][oder
Landser] vorgeschlagen, weil Algorithmen halt träge sind. Die ältere Szene
beobachtet diese Entwicklung eher skeptisch. Auch weil sich damit keine
Platten oder CDs verkaufen lassen. Das ist ähnlich wie mit KI-Musik, an der
Labels kein Geld verdienen können
taz: Dabei nutzen AfD und Generation Deutschland doch ständig KI-generierte
Bilder und Musik auf TikTok und Instagram.
Hindrichs: KI finde ich ganz spannend. Die old-school extreme Rechte ist
gegen KI. Nach dem Motto: Kein KI-Bullshit, wir stehen auf handgemachte
Musik. Wahrscheinlich auch, weil sie damit kein Geld verdienen können. Und
das Problem hat ja nicht nur die rechte Musikszene, sondern alle
Musikszenen. Die werden vermutlich demnächst arbeitslos, wenn alles aus KI
generiert wird.
18 Jan 2026
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(DIR) Jana Laborenz
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