# taz.de -- Volksbegehren zu Autoverkehr in Berlin: Schafft der Verkehrsentscheid noch die Wende?
> 35.000 Unterschriften wurden für den Verkehrsentscheid bisher gesammelt –
> viel zu wenige. Die CDU ruft trotzdem schon den Kulturkampf ums Auto aus.
(IMG) Bild: Volle Friedrichstraße: Der Verkehrsentscheid will private Autofahrten massiv einschränken
Die untergehende Sonne taucht das Tempelhofer Feld in ein tiefes Rot. Eine
Handvoll Aktivist:innen kramt aus ihren Rucksäcken die
Unterschriftenlisten für den „Verkehrsentscheid“ heraus. „Haben Sie schon
für autofreie Innenstädte unterschrieben?“, fragt Aktivistin Anne Gläser
zwei Passant:innen, die mit ihrem Longboard unterwegs sind. Haben sie
schon. So wie fast alle, die Gläser hier fragt.
In der Großstadtidylle auf der Neuköllner Seite des Tempelhofer Feldes sind
sich an diesem Abend alle einig: [1][Den privaten Autoverkehr fast
vollständig aus der Innenstadt zu verbannen], wie es die Aktivist:innen
vorhaben, ist eine super Sache. Kritik oder Unmut äußert hier keine:r.
„Warum ich unterschreibe? Eigentlich offensichtlich, oder?“, sagt einer der
wenigen, der noch nicht unterschrieben hat, und zeigt auf die autofreie
Weite des Felds. „Viel zu viele Karren überall sonst!“
Doch insgesamt könnte es für die Initiative hinter dem Volksbegehren besser
laufen. Von den 174.000 gültigen Unterschriften, die die Aktivist:innen
bis zum 8. Mai brauchen, um ihr Gesetz zur Abstimmung zur bringen, sind
Stand vergangenen Freitag – nach über der Hälfte der Zeit – nur 34.700
zusammengekommen. Sollen die Berliner:innen bei der
Abgeordnetenhauswahl im September tatsächlich auch über den
Verkehrsentscheid abstimmen, bräuchte es also noch einen deutlichen Schub.
## Nur noch 12 Privatfahrten pro Jahr
Anders als etwa beim [2][Volksentscheid Deutsche Wohnen und Co enteignen]
legt der Verkehrsentscheid ein ausformuliertes Gesetz vor, das bei Erfolg
bindendes Recht würde. Es sieht vor, privaten Autoverkehr innerhalb des
S-Bahn-Rings nach einer Übergangszeit auf zwölf Fahrten im Jahr zu
beschränken. Später sollen es sogar nur sechs Fahrten sein. Unbeschränkt
fahren dürften in der Innenstadt dann nur noch Busse, Krankenwagen,
Polizeiautos und Taxis. Handwerksbetriebe und anderer Wirtschaftsverkehr
müsste nachweisen, dass der Betrieb auf das Auto angewiesen ist. Es wäre
das bisher wohl radikalste Verkehrswendegesetz weltweit.
Aktivistin Anne Gläser räumt ein, dass es bei der Unterschriftensammlung
noch nicht gut genug läuft. Als Gründe nennt sie vor allem das kalte,
dunkle Wetter zu Beginn der Sammelphase im Januar und Februar. Außerdem
seien Aktivist:innen weggefallen, als die Initiative drei Jahre in der
Schwebe hing, während das Landesverfassungsgericht die Bedenken des Senats
prüfte – bis es das Vorhaben schließlich [3][als mit dem Grundgesetz
vereinbar bewertete]. „Die Inhalte sind nicht der größte Faktor“, ist sich
Gläser sicher.
Andere – auch solche, die sich seit Jahren für die Mobilitätswende
engagieren – sehen das anders. Zum Beispiel [4][der Mobilitätsforscher
Andreas Knie], der die Arbeit der Initiative eng begleitet. „Im Kern halte
ich die vorgeschlagenen Regelungen für zu radikal und zugespitzt. Der Fokus
auf die 12 Fahrten, die die Leute künftig pro Jahr nur noch haben sollen,
hat bei vielen zu einer Abwehrhaltung geführt“, sagt Knie zur taz.
## Konservative rufen den Kulturkampf aus
Seiner Einschätzung zufolge ist die bisher schwache Mobilisierung aber
nicht als grundsätzliche Ablehnung der Mobilitätswende in der Bevölkerung
zu verstehen. Es sei statistisch belegt, dass die Autonutzung in Berlin
kontinuierlich abnehme. Auch das Wissen über [5][Luftverschmutzung,
Platzmangel und Klimakrise] sei weit verbreitet. „Insbesondere für junge
Leute ist das Auto längst nicht mehr das Maß der Dinge“, sagt Knie. Da habe
eine rasante Veränderung stattgefunden. „Früher war das Auto sakrosankt, da
hat sich keiner herangetraut. Heute sind die Verteidiger:innen des
Autos in der Defensive“, so der Forscher.
Tatsächlich versucht etwa die Berliner CDU ziemlich krampfhaft, das Thema
zum Kulturkampf und zur zentralen Wahlkampffrage zu erklären. „Autos
verbieten verboten“, plakatiert die Partei in der ganzen Stadt. Der
Regierende Bürgermeister Kai Wegner hat sich via [6][Gastbeitrag im
Tagesspiegel] zu Wort gemeldet. Darin schreibt er von Berlin als „Stadt der
Freiheit“, die durch „Ideologien, die ausgrenzen“ und das
„Lifestyle-Experiment“ der Aktivist:innen bedroht würde. Und versucht
damit, Autofahrer:innen gegen alle Fakten der städtischen
Flächenverteilung zu einer diskriminierten Minderheit zu erklären.
Diese konservative Kampfansage entfaltet durchaus Wirkung. Die Angst vor
dem Szenario eines Wahlkampfs, der sich um die Frage nach dem Recht auf
Autofahren verhärtet, ist jedenfalls auch in der Klima- und
Mobilitätsbubble verbreitet. Die Grünen konnten sich bisher nicht zu einem
klaren Ja für das Anliegen durchringen. Auch zivilgesellschaftliche
Initiativen wie der Fahrradverein Changing Cities unterstützen die
Initiative keineswegs geschlossen. Viele befürchten, dass in Zeiten des
allgemeinen Rechtsrucks am Ende die CDU profitieren könnte.
## Initiative hat nicht aufgegeben
Gläser findet das den falschen Ansatz. Sie verstehe die Sorge, sagt sie.
„Aber wir sind zu dem Schluss gekommen, dass man nicht jede Initiative für
Lebensqualität und Sicherheit aufgeben kann, nur aus der Angst heraus,
rechte Kräfte zu stärken.“ Das Anliegen des Verkehrsentscheids sei nicht
explizit links. „Es geht um Verkehrssicherheit, um weniger Verkehrstote,
weniger Lärm und gesündere Luft. Davon profitieren auch CDU-Wähler:innen“,
betont Gläser.
Auch Mobilitätsforscher Knie sieht es – trotz seiner Kritik an der
Radikalität der Vorschläge – ebenfalls nicht als den richtigen Weg, vor der
Konfrontation zurückzuschrecken. „Bundesweit zeigt sich, dass etwa die
Grünen immer dann Wahlen gewinnen, wenn sie für einen Rückbau des
Autoverkehrs eintreten“, sagt Knie. Auch wenn die Wähler:innen den
Volksentscheid ablehnen, sei deshalb nicht mit Wahlverlusten zu rechnen.
„Bei den letzten Wahlen war Verkehrspolitik nicht das entscheidende Thema“,
so Knie.
Auf dem Tempelhofer Feld ist Anne Gläser deshalb noch längst nicht bereit
aufzugeben. In ihrer Neuköllner Ortsgruppe kämen aktuell ständig neue
Menschen dazu. Und überhaupt gehe es jetzt erst richtig los. „Dadurch, dass
wir jetzt viel mehr sammeln, werden wir auch bekannter. Mein Gefühl ist,
dass gerade ein Schneeballeffekt entsteht“, sagt sie. Und räumt weitere
ausgefüllte Unterschriftlisten in ihren Rucksack. Gleich morgen wird sie
wieder am Tempelhofer Feld sein – und weitersammeln.
24 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Volksentscheid-Berlin-autofrei-startet/!6138554
(DIR) [2] /Deutsche-Wohnen--Co-enteignen/!t5764694
(DIR) [3] /Verfassungsgericht-ueber-Volksbegehren/!6096567
(DIR) [4] /Kraftfahrzeuge-und-Strassen/!6084173
(DIR) [5] /Verkehrswende-in-Berlin/!6031168
(DIR) [6] https://www.tagesspiegel.de/berlin/sollte-man-den-autoverkehr-in-der-innenstadt-verbieten-berlin-braucht-keine-lifestyle-experimente-15359821.html?icid=in-text-link_15381799
## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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