# taz.de -- E-Autos mit Tankproblemen: Die blockierte Verkehrswende
> E-Antriebe sind zentral für die Verkehrswende. Ladepunkte gibt es auch
> genug in der Stadt. Gut möglich aber ist, dass dort dann ein Verbrenner
> parkt.
(IMG) Bild: Der Platz, an dem es Strom gibt, eigentlich
Proseminar Ökonomie, erstes Semester: Der Preis regelt. Seit die
Bundesregierung ein neues Förderprogramm [1][für den Kauf von E-Autos]
angekündigt hat, schnellen die Anfragen bei den Händlern in die Höhe. Das
Interesse an Stromern und die Bereitschaft zum Wechsel der Antriebsart sind
offenbar vorhanden.
Die Sorge vor mangelnden Lademöglichkeiten scheint für die Kaufentscheidung
inzwischen eine untergeordnete Rolle zu spielen. Aus guten Gründen: Auch
[2][wer keine eigene Wallbox hat], findet mittlerweile ziemlich zuverlässig
eine Gelegenheit zum Laden. Zum 1. Januar 2026 lag die Zahl der öffentlich
zugänglichen Ladepunkte bundesweit bei knapp 194.000. Vor fünf Jahren waren
es erst gut 44.000. In Berlin stieg das Angebot im selben Zeitraum um 290,
in Hamburg um 264 und in Bremen um 311 Prozent.
Im Alltag stoßen viele E-Autofahrer:innen trotzdem auf ein wiederkehrendes
Problem: Die App zeigt einen freien Ladepunkt an, doch bei der Ankunft ist
der Platz belegt – zugeparkt von einem Verbrenner, der dort nichts zu
suchen hat, oder einem E-Auto, das nicht geladen wird. Bislang können
Besitzer:innen von Stromern in den Apps nur erkennen, ob ein Ladepunkt
durch einen aktiven Ladevorgang vergeben ist. Wird der Platz unrechtmäßig
blockiert, sieht man das erst vor Ort.
Laut einer aktuellen Kartierung städtischer Parkplätze des Deutschen
Zentrums für Luft- und Raumfahrt liegen 60 Prozent der Stellplätze in
Berlin im öffentlichen Raum. „Da beginnt der Kampf, dort wird wirklich um
jeden Zentimeter gerungen“, sagt der Verkehrsforscher Andreas Knie vom
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Der Parkdruck in den
Großstädten werde objektiv für alle Autobesitzer:innen höher. „Das
heißt, im Zweifel parke ich auch auf dem Parkplatz einer Ladesäule.“
Zwar fielen statistisch rund 90 Prozent der Ladevorgänge zu Hause oder am
Arbeitsplatz an, „aber das ist eine Durchschnittszahl, das betrifft
ländliche und zersiedelte Räume“, so Knie. Dort lässt sich am
Einfamilienhaus mit Carport problemlos eine eigene Wallbox installieren,
was in dicht besiedelten Innenstädten mit Mehrfamilienhäusern ohne Garagen
oder Stellplätze nicht möglich ist.
„In den großen Städten wie Hamburg, München oder Berlin könnte die
Akzeptanz der Elektromobilität deutlich höher sein, wenn man im
öffentlichen Raum die Möglichkeiten zum Laden sicherstellt“, sagt der
Verkehrsforscher. Dabei gehe es nicht nur um die Zahl der Ladesäulen,
„sondern vor allen Dingen um ihre Verfügbarkeit“.
Das sieht grundsätzlich auch die Berliner Senatsverwaltung für Mobilität,
Verkehr, Klimaschutz und Umwelt so. Anfragen aus der Bevölkerung zeigten,
dass viele Menschen erst den Umstieg wagten, wenn für sie eine
Lademöglichkeit gegeben sei, teilt Sprecher Michael Herden mit. Im
Innenstadtbereich soll der nächste öffentliche Ladepunkt bald nicht mehr
weiter als 200 Meter von der eigenen Haustür entfernt liegen. Aus Sicht der
Betreiber seien wiederum genug E-Fahrzeuge auf den Straßen wichtig, damit
sich die Investition in die Ladeinfrastruktur auch lohnt.
Eine Möglichkeit, den Nutzen einer Investition sicherzustellen, ist die
Vermeidung von Einnahmeausfällen. Doch daran hapert es. „Wir schätzen den
Einnahmeverlust durch blockierte Ladestationen auf 100.000 bis 150.000 Euro
pro Jahr“, sagt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Stadtwerke. Das
landeseigene Unternehmen stellt mehr als 1.400 Ladepunkte und ist damit der
größte Betreiber in der Stadt.
„Aus unserer Sicht ist es ein relevantes Problem“, sagt David Kappenberg,
Sprecher der Hamburger Energiewerke, über zugeparkte Ladepunkte. Wenn
Ladeinfrastruktur blockiert werde, schade dies „der Akzeptanz der
Elektromobilität und führt zugleich zu wirtschaftlichen Nachteilen für uns
als Charge Point Operator“. Auf den Seiten der Stadtwerke Düsseldorf heißt
es, man versuche „stetig aufzuklären, sodass Verbrennerfahrzeuge Ladepunkte
nicht zuparken“. Eine Verbesserung sei zwar zu erkennen, gelöst sei die
Problematik aber noch nicht.
## Neues Element in einem alten Konflikt
Das unzulässige Parken auf Ladeplätzen ist ein noch recht neues Element im
alten Konflikt um städtischen Raum. [3][Beim dort herrschenden
Mobilitätsbeef] wäre es wohl verwunderlich, wenn plötzlich der Platzbedarf
einer Minderheit respektiert würde. Wie das wohl wäre, wenn man die
Zufahrten von Tankstellen zuparkte?
International hat sich für das Blockieren von Ladepunkten der Begriff
ICEing etabliert – abgeleitet von Internal Combustion Engine, der
englischen Bezeichnung für Verbrennungsmotor. Seit 2021 weist der
Bußgeldkatalog in Deutschland das Vergehen als gesonderte Form des
Falschparkens aus: „Unzulässig auf Parkplatz für E-Fahrzeuge geparkt“,
heißt es dort. Kostenpunkt: 55 Euro.
Wie viele Strafzettel dafür verteilt oder Autos von E-Ladeparkplätzen
abgeschleppt werden, weisen die Behörden in der Regel nicht gesondert aus.
Die Zahlen verschwinden in der Gesamtstatistik der Parkdelikte.
Versuch einer Annäherung: Die Stadt Düsseldorf führte im Herbst 2023 rund
einen Monat lang Schwerpunktkontrollen durch und stellte 531 Verwarnungen
aus, 65-mal ließ sie abschleppen. Über die Falschparker-App [4][weg.li]
wurden in den vergangenen vier Wochen deutschlandweit 577 Anzeigen wegen
ICEing erstattet: rund 130 in Berlin, 112 in Hamburg, 115 im Großraum
Düsseldorf.
Die Zahlen skizzieren das grundsätzliche Problem, aussagekräftig sind sie
nicht. Die Dunkelziffer ist hoch, weil es für E-Autofahrer:innen in der
konkreten Alltagssituation keinen Sinn macht, das Delikt zu melden. Wer
sein Auto laden will, sucht dafür einen verfügbaren Ladeplatz, ein Anruf
beim Ordnungsamt räumt den unzulässig blockierten Platz nicht kurzfristig
frei.
## Eine Pilotphase mit Sensoren
Es gibt Ansätze, um Ladeinfrastruktur und E-Mobilität zu schützen. In
Berlin-Mitte und Kreuzberg wurden 2023 in einer Pilotphase an 220
Ladepunkten Bodensensoren installiert, die sich mit den Ladesäulen
koppelten. Stand ein Fahrzeug auf einem Platz, ohne dass ein Ladevorgang
startete, schickten die Sensoren diese Information an eine digitale
Plattform. Den letzten von drei Feldtests gab es laut Senatsverwaltung im
März 2025: Registriert wurden rund 8.000 Fehlbelegungen von mehr als 30
Minuten. Für Fahrer:innen von E-Autos ist das mindestens ein lästiges
Ärgernis.
Doch die Kommunen müssten auch ein Eigeninteresse haben, den Kontrolldruck
zu erhöhen: Selbst bei geringen Messgrößen ergibt sich aus dem Feldtest ein
potenzieller Ausfall von mehr als 30.000 Euro – innerhalb eines Monats an
220 von stadtweit mehr als 3.500 Ladepunkten im öffentlichen Raum. Die
Parksünder:innen haben trotzdem wenig zu befürchten. „Wir haben in
Deutschland nach wie vor die Tendenz, dass das Überschreiten von Regeln mit
dem Auto als Kavaliersdelikt gesehen wird“, sagt Andreas Knie. „Wir haben
kaum Vollzug für dieses Falschparken.“ In Berlin mussten 2024 gar
Zehntausende Verkehrsordnungswidrigkeiten wegen Verjährung eingestellt
werden.
Wer doch mal aufgeschrieben wird, kommt vergleichsweise günstig davon.
Während der deutsche Bußgeldkatalog für ICEing 55 Euro vorsieht, hat
Spanien die Bußgelder auf bis zu 200 Euro erhöht – ausdrücklich, um die
wachsende elektrische Infrastruktur zu schützen. In den Niederlanden werden
in den meisten Kommunen 95 Euro fällig. Mehrere Regionen in Australien
verhängen für ICEing sogar vierstellige Geldstrafen, die höchste fällt mit
umgerechnet rund 2.000 Euro im Großraum der Hauptstadt Canberra an.
„Generell ist das Überschreiten von Verkehrsregeln in vielen Ländern
außerhalb Deutschlands extrem teuer“, sagt Andreas Knie. Niedrige Bußgelder
in Kombination mit geringem Kontrolldruck seien eine Einladung zum
Regelverstoß. „Wenn ich fast sicher weiß, dass ich nicht abgeschleppt
werde, dann ziehe ich schlimmstenfalls das Knöllchen.“
## Ordnungsämter sind überfordert
Die Ordnungsämter kommen nicht hinterher und sind oft ohnehin dünn besetzt.
Die Hamburger Energiewerke arbeiten mit dem Landesbetrieb Verkehr daran,
Fehlbelegungen an Ladeinfrastruktur automatisiert zu erfassen und an die
zuständigen Stellen zu melden. Berlin will das erprobte System der Sensoren
ausweiten. „Das Grundproblem besteht darin, dass die Ladepunkte mitunter
weit auseinanderliegen, weshalb eine flächendeckende Kontrolle sehr
personalintensiv ist“, sagt Michael Herden von der Berliner
Verkehrssenatsverwaltung.
Im Laufe dieses Jahres sollen die Bodensensoren in den Regelbetrieb gehen.
Es sei geplant, dass allen Betreibern „das Ausbringen von Parkraumsensorik
gestattet wird“. Die Ordnungsämter würden dann automatisch benachrichtigt
und könnten gezielt kontrollieren.
Einziger Haken: Die Bezirke müssen sich für die Nutzung des Angebots
entscheiden. Auf Bezirksebene scheiterte zuletzt allerdings schon die
Ausweitung der Parkzonen – weil es an Personal und Geld für neue
Parkscheinautomaten fehlt.
14 Feb 2026
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