# taz.de -- Gewalt in Afrikas Sahelzone: Terror und Krieg zerreißen Westafrika
       
       > In Mali, Niger und Burkina Faso sind bewaffnete Islamisten stärker denn
       > je. Mit Wirtschaftskrieg an den Grenzen schwächen sie die Militärregime.
       
 (IMG) Bild: Kulisse der Macht: Die Militärherrscher von Burkina Faso und Mali, Ibrahim Traoré und Assimi Goita, in Bamako am 23. Dezember
       
       Die Erfolgsmeldung klang spektakulär. „Die Azawad-Armee hat früh an diesem
       Mittwoch, 11. März 2026 einen Angriff mit 25 Kamikaze-Drohnen auf den
       Flughafen von Gao durchgeführt“, [1][meldete die Rebellenallianz
       aufständischer Tuareg] im Norden Malis vor wenigen Tagen. „Der Angriff hat
       erhebliche menschliche und materielle Schäden in den Reihen der malischen
       Armee und der Elemente des auf der Basis stationierten russischen
       Afrikakorps angerichtet.“
       
       Das Dementi klang nicht minder kategorisch. „Früh am Morgen des 11. März
       2026 hat eine bewaffnete Terrorgruppe mit Geschossen und einer
       Kamikaze-Drohne versucht, eine Einrichtung der malischen Streitkräfte in
       der Region Gao anzugreifen“, [2][erklärte Malis Militär] am gleichen Tag.
       „Diese Angriffe haben weder Verluste an Menschenleben noch größere Schäden
       verursacht.“
       
       Wie fast bei jedem Gewaltvorfall in Afrikas Sahelzone gibt es
       gegensätzliche Darstellungen – und was stimmt, lässt sich nicht klären. Auf
       dem Flughafen Gao war einst die Bundeswehr stationiert, im Rahmen der
       UN-Mission in Mali. Das ist Geschichte, heute stehen dort Kämpfer aus
       Russland, die Malis Militärregime unterstützen. Unabhängige Informationen
       von dort gibt es nicht.
       
       In allen drei Sahel-Binnenländern Westafrikas – Mali, Niger und Burkina
       Faso – regiert heute das Militär, nach einer Reihe von Putschen in den
       Jahren 2020 bis 2023. Die neuen Herren in Bamako, Niamey und Ouagadougou
       haben Europa den Rücken gekehrt und sich Russland angenähert, dessen
       Militärberater und Kämpfer, hervorgegangen aus dem Wagner-Söldnerimperium,
       ohne Rücksicht auf Menschenrechte Schützenhilfe leisten und Waffen liefern.
       
       ## Über 10.000 Tote im vergangenen Jahr
       
       Aber anders als erhofft haben die Militärdiktatoren die Gewalt in ihren
       Ländern nicht beenden können. Im Gegenteil: die bewaffneten islamistischen
       Gruppen erscheinen stärker denn je. Über 10.000 Tote bei Gewaltakten zählt
       die internationale [3][Konfliktbeobachtungsstelle ACLED] in Mali, Niger und
       Burkina Faso allein im Jahr 2025, laut UN jeweils zur Hälfte Zivilisten und
       Militärangehörige. Die größte islamistische Rebellengruppe JNIM (Gruppe für
       die Unterstützung des Islams und der Muslime) „besetzt heute weite Gebiete
       im Norden, Zentrum, Süden und Westen Malis; ist auf einem erheblichen Teil
       des Staatsgebiets von Burkina präsent; und ist im Südwesten Nigers sehr
       aktiv“, heißt es in einem [4][neuen Bericht] des Konflikt-Think-Tanks
       „Crisis Group“.
       
       Regelmäßig töten Islamisten bei Angriffen auf Militärposten Dutzende von
       Soldaten, manchmal sind die Opferzahlen sogar dreistellig, und erbeuten
       große Mengen an Waffen. Sie setzen auch zunehmend selbst Drohnen ein.
       
       JNIM, hervorgegangen aus lokalen Rebellionen mit dem Ziel der Vertreibung
       aller ausländischen Streitkräfte und dem Aufbau eines islamischen
       Staatswesens, ist nicht allein. Im Norden Malis kämpft auch die
       Tuareg-Rebellenallianz „Azawad-Befreiungsfront“ (FLA). Ansonsten
       rivalisiert JNIM mit dem radikaleren „Islamischen Staat“, der in der
       Sahelzone als „Islamischer Staat in der Provinz Sahel“ (ISGS) auftritt und
       in Nigeria als „Islamischer Staat in der Provinz Westafrika“ (ISWAP).
       
       Die spektakulärsten Angriffe, etwa die [5][Erstürmung des internationalen
       Flughafens von Nigers Hauptstadt Niamey] Ende Januar und ein ähnlicher
       Angriff auf die Stadt Tahoua Anfang März, gehen auf das Konto der
       IS-Gruppen, die auf Spektakel und Einschüchterung setzen. In Nigeria und um
       den Tschadsee kämpft ISWAP auch gegen die lokale islamistische
       Rebellengruppe Boko Haram.
       
       ## Eine eigene islamische Verwaltungsstruktur
       
       Die Sahelzone ist ein Flickenteppich, wo Gewaltakteure auf dem Rücken der
       Bevölkerung gegeneinander Krieg führen; die jeweilige Militärregierung ist
       nur eine Gruppe von mehreren. JNIM liefert sich vor allem Kämpfe mit den
       jeweiligen Armeen sowie den paramilitärischen Milizen, die das Militär in
       Burkina Faso und Teilen Malis zur lokalen Terrorbekämpfung aufgebaut hat;
       daraus haben sich viele kleine Kriege entwickelt, bei denen ganze
       Bevölkerungsgruppen kollektiv zur Zielscheibe werden.
       
       JNIM hat in ihren Hochburgen in Mali eine eigene Verwaltung aufgebaut, die
       Steuern eintreibt und der Bevölkerung Frieden im Gegenzug für Unterwerfung
       unter ihre islamischen Regeln anbietet. Ihre Kriegsstrategie erinnert an
       alte maoistische Guerillatraditionen der Einkesselung der Städte.
       Fernstraßen sind bevorzugte Ziele für Angriffe, Raubüberfälle und
       Geiselnahmen.
       
       Monatelang war Malis Hauptstadt Bamako im Herbst 2025 faktisch belagert,
       weil JNIM [6][eine Treibstoffblockade] aufrechterhielt. Erst vor kurzem
       zeigten [7][neue Videos], wie JNIM-Kämpfer unbehelligt auf den Fernstraßen
       nach Bamako den Schwerlastverkehr kontrollieren. Mehrere malische
       Tanklastwagenfahrer wurden getötet, dann traten deren Kollegen in den
       Streik und die Versorgungslage ist im laufenden Ramadan angespannt. Was an
       Diesel derzeit in Bamako ankommt, alimentiert ausschließlich die
       Stromkraftwerke.
       
       Störungen des Fernverkehrs, das haben die islamistischen bewaffneten
       Gruppen entdeckt, sind das effektivste Mittel, um die Militärregierungen in
       Mali, Burkina Faso und Niger in die Knie zu zwingen. Alle drei Länder sind
       Binnenländer und benötigen Häfen in westafrikanischen Küstennachbarn als
       Tore zur Welt. Für Mali ist das Dakar in Senegal, für Burkina Faso Abidjan
       in der Elfenbeinküste und für Niger ist es Cotonou in Benin. All diese
       ehemaligen französischen Kolonien teilen sich bis heute den
       westafrikanischen CFA-Franc, die Ökonomien sind eng verflochten.
       
       Aber politisch sind sie verfeindet, und das schwächt die
       Militärregierungen. Auf die Militärputsche in Mali 2020 und in Niger 2023
       reagierten ihre Küstennachbarn im Rahmen von Westafrikas
       Regionalorganisation [8][Ecowas (Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft)]
       mit teils sehr scharfen Sanktionen. Aus Empörung darüber sind die drei
       Militärregierungen aus Ecowas ausgetreten und haben eine [9][„Allianz der
       Sahel-Staaten“ (AES)] gegründet, die afrikanische „Souveränität“ statt
       neokoloniale Abhängigkeit proklamiert.
       
       ## Wechselseitige zwischenstaatliche Destabilisierung
       
       Dieser Diskurs stößt in ganz Westafrika auf Sympathien, insbesondere bei
       teils populistischen Jugendprotestbewegungen; aus diesen ging auch die
       aktuelle Regierung Senegals hervor. Der Machtkampf zwischen
       Militärregierungen und Islamisten ist auch ein Wettlauf um die Herrschaft
       über die aufsässige junge Generation. „Jugendarbeitslosigkeit, Ungleichheit
       und Unsicherheit behindern inklusives Wachstum“, drückt der jüngste
       [10][Westafrika-Bericht des UN-Generalsekretärs] an den UN-Sicherheitsrat
       das Grundproblem aus.
       
       Westafrika ist nun in zwei Staatenblöcke geteilt, die sich gegenseitig
       Destabilisierung vorwerfen. Benin erlebte im Dezember einen von Nigeria und
       Frankreich niedergeschlagenen Putschversuch, dessen Anführer hinterher nach
       Burkina Faso floh. Niger hat den Oppositionsführer Guillaume Soro aus der
       Elfenbeinküste bei sich aufgenommen. Regimetreue Kräfte in Mali werfen der
       Regierung der Elfenbeinküste vor, Islamisten zu dulden.
       
       Dabei machen islamistische Angriffe und Überfälle längst auch Grenzgebiete
       in Togo, Ghana und der Elfenbeinküste unsicher sowie den Norden Benins, wo
       sich JNIM allmählich festsetzt. All dies trägt dazu bei, die Sahelstaaten
       noch weiter von den Küsten abzuschneiden.
       
       Damit nicht ganz Westafrika Kriegsgebiet wird, diskutieren Beobachter und
       Experten zunehmend über möglichen Dialog mit den bewaffneten islamistischen
       Gruppen. Auf lokaler Ebene wird dies in Teilen Malis bereits praktiziert.
       Imam Mahmoud Dicko, ein anerkannter Religionsführer und ein Anführer der
       Protestbewegungen in Mali vor dem Militärputsch 2020, lebt heute im
       algerischen Exil und pries diese Option vor kurzem [11][in Mauretanien auf
       einer Konferenz] an.
       
       Es sei eine religiöse Pflicht, Hoffnung an die Stelle von Verzweiflung zu
       setzen, sagte Dicko. „Hoffnung kann man weder erzwingen noch importieren“,
       führte er aus. „Man muss sie aufbauen, mit politischem Willen (…) Die
       Malier müssen sich zusammensetzen, um eine Lösung zu finden.“
       
       15 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://x.com/FLAZAWAD/status/2031657989636038951
 (DIR) [2] https://x.com/fabsenbln/status/2031826903712031148
 (DIR) [3] https://acleddata.com/region/africa
 (DIR) [4] https://www.crisisgroup.org/fr/rpt/africa/sahel-west-africa/321-le-jnim-et-le-dilemme-de-lexpansion-au-dela-du-sahel
 (DIR) [5] /Niger-IS-bekennt-sich-zu-Grossangriff-auf-Hauptstadtflughafen/!6150551
 (DIR) [6] /Dschihadistische-Terrorgruppe-JNIM/!6126451
 (DIR) [7] https://x.com/thinkstrataf/status/2029676350039097367
 (DIR) [8] http://ecowas.int/
 (DIR) [9] https://x.com/AESinfos
 (DIR) [10] https://docs.un.org/en/S/2025/771
 (DIR) [11] https://www.cridem.org/C_Info.php?article=791030
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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