# taz.de -- Klimaschützerin über die Bundesregierung: „Wir sehen den völlig falschen Trend“
> Moore, Autos, Heizungen – sollte das neue Klimaschutzprogramm der
> Regierung mangelhaft sein, ließe es sich juristisch angreifen, sagt Tina
> Löffelsend.
(IMG) Bild: Auch dieses Moor bei Angermünde trägt dazu bei, das Klima zu schützen. Solange es schön nass bleibt
taz: Frau Löffelsend, am 25. März will die Bundesregierung ihr
Klimaschutzprogramm vorlegen. Das ist eine hunderte Seiten lange Liste von
Klimaschutzmaßnahmen, die sich die Regierung vornimmt. Warum ist diese
Liste so wichtig?
Tina Löffelsend: [1][Deutschland erreicht seine Klimaziele nicht], wir
hinken deutlich hinterher. Das ist keine neue Erkenntnis. Zugleich fehlt es
an den notwendigen Maßnahmen. Im Gegenteil sehen wir eher, dass die
Regierung gerade den Rückwärtsgang einlegt beim Klimaschutz. Genau deshalb
ist dieses Programm jetzt so zentral, weil es sich die Daten zum
Klimaschutz zur Grundlage macht und der Regierung die Aufgabe auferlegt,
hier mit wirksamen Maßnahmen nachzusteuern.
taz: Wie müsste denn dieses Programm Ihrer Ansicht nach aussehen? Wann
würde Ihr BUND es denn loben?
Löffelsend: Wenn es der Regierung gelänge, ihre Maßnahmen so aufzustellen,
dass wir die Klimaziele sicher erreichen. Genau das ist ihr gesetzlicher
Auftrag. Wir schauen immer auf das Jahr 2030, wo wir eine Klimaschutzlücke
sehen, die sich [2][im vergangenen Jahr noch mal vergrößert hat]. Zugleich
wird die Zielverfehlung aber immer größer, wenn wir in die Zukunft schauen,
auf das Klimaziel 2040 oder Klimaneutralität 2045. Davon sind wir noch viel
weiter entfernt. Dabei sagt uns die Klimawissenschaft, dass wir eigentlich
noch schneller runter müssten mit den Emissionen.
Aber „Klimaziel“ ist immer so ein technischer Begriff. Letztlich heißt das,
dass wir unsere Lebensgrundlagen für die Zukunft sichern, indem Deutschland
seinen Beitrag leistet, die Erderhitzung zumindest zu begrenzen. Dass wir
Freiheit, Wohlstand und Lebensqualität auch für zukünftige Generationen
sichern. Ganz konkret erwarten wir endlich Fortschritte im Bereich Gebäude
zum Beispiel. Dass kaputte Heizungen, anders als jetzt geplant,
klimagerecht ausgetauscht werden. Das Gleiche gilt im Verkehr, wo statt
mehr Klimaschutz gerade die europäischen CO2-Vorgaben für Autos
abgeschwächt werden, und Nachholbedarf gibt es etwa auch im
Landnutzungssektor.
taz: Das ist ein abstraktes Wort, aber beim Landnutzungssektor geht es
schlicht um Wälder, Moore, Böden und wie viel CO2 sie aufnehmen.
Löffelsend: Der Zustand unserer Natur ist elementar wichtig für den Erhalt
unserer Lebensgrundlagen, für Artenvielfalt und eben auch für den
Klimaschutz. Denn diese Wälder, Moore und Böden sollten eigentlich mehr
Treibhausgase aufnehmen, als sie ausstoßen, und so zu einer Senke werden,
das heißt, entlastend wirken für den Klimaschutz.
taz: Und klappt das?
Löffelsend: Wir sehen den völlig falschen Trend. [3][Die Wälder haben sich
zwar im letzten Jahr etwas erholt], aber sind weiter gestresst – auch durch
den Klimawandel, durch die Dürren der letzten Jahre. Heute stößt der Sektor
insgesamt mehr CO2 aus, als er bindet, aber ab 2030 ist er im
Klimaschutzgesetz als CO2-Senke eingeplant. Man sieht, wir müssen die
Maßnahmen im natürlichen Klimaschutz deutlich verstärken, etwa durch
Wiedervernässung von Mooren, um zu Minus-Emissionen zu kommen.
taz: Beim Moorschutz gibt es immer wieder Konflikte. Landwirt*innen
[4][müssen Flächen anders bewirtschaften], wenn früher trockengelegte Moore
wiedervernässt werden sollen. Können wir überhaupt erwarten, dass die
Maßnahmen in diesem Klimaschutzprogramm so umgesetzt werden, wie sie auf
dem Papier vorgelegt wurden?
Löffelsend: Die konkrete Umsetzung kann immer eine Debatte auslösen. Auch
soziale Auswirkungen müssen berücksichtigt werden. Letztlich ist wichtig,
dass die Maßnahmen dann auch greifen.
taz: Wie wird überprüft, dass die Zahlen, die die Bundesregierung da
reinschreibt, stimmen?
Löffelsend: Es gibt den Expertenrat für Klimafragen, besetzt mit
Wissenschaftler*innen, die die Aufgabe haben, das zu überprüfen. Das
schafft unabhängige Transparenz. Die Bundesregierung ist aber nicht
verpflichtet, den Empfehlungen zu folgen.
taz: Und wenn sich nächstes Jahr herausstellt, dass dieses
Klimaschutzprogramm nicht ausreicht?
Löffelsend: Dann wird der Expertenrat entsprechend ein Votum abgeben, das
die Regierung dazu veranlassen muss, entsprechende Maßnahmen nachzulegen.
Aber seitdem das Klimaschutzgesetz 2024 von der Ampelregierung novelliert
wurde, ist die Nachsteuerung schwieriger, gerade was verfehlte Ziele in
einzelnen Sektoren angeht.
taz: Warum?
Löffelsend: Nur wenn Deutschland sein Emissionsbudget für diese Dekade,
festgelegt in den zulässigen Emissionsmengen pro Jahr, in zwei
aufeinanderfolgenden Jahren verfehlt, muss die Regierung nachsteuern. Das
war zuletzt immer knapp nicht der Fall, vor allem wegen der anhaltenden
konjunkturellen Schwäche. Das heißt aber nicht, dass Deutschland
strukturell so aufgestellt ist, seine Klimaziele zu erreichen. Das zeigen
ja die offiziellen Daten. Die Regierung muss trotzdem nicht nachsteuern,
auch nicht im Verkehrs- oder Gebäudebereich, obwohl dort die Emissionen
seit Jahren nicht ausreichend sinken oder sogar wieder steigen. Hier wäre
es aber besonders wichtig, weil das Sektoren mit langlebiger Infrastruktur
sind wie Gebäude, Straßen, Schienen. Da muss man zeitig beginnen, wenn man
umsteuern will. Aber auch so eine Heizung läuft rund 20 Jahre und
Deutschland will in 19 Jahren klimaneutral sein. Das zeigt, wie wichtig es
ist, dass jetzt nicht noch massenhaft neue Öl- und Gasheizungen eingebaut
werden.
taz: Nun hat sich diese Regierung in den letzten Monaten mit
veröffentlichten und geleakten Gesetzentwürfen nicht gerade als
Klimakabinett gezeigt. Das Klimaschutzprogramm kommt von Umweltminister
Carsten Schneider von der SPD. Es basiert wohl auf der Klimabilanz 2024.
Darin wurde die CO2-Lücke für das Klimaziel 2030 noch auf 25 Millionen
Tonnen geschätzt, nicht auf 30 Millionen Tonnen, wie ein Jahr später in der
Klimabilanz 2025. Wie aussagekräftig ist das Programm, wenn solche Vorhaben
und die aktuellsten Daten gar nicht vorkommen?
Löffelsend: Es ist hochproblematisch, dass die Regierung jetzt an den
zentralen Klimaschutzmaßnahmen sägt, wie den Vorgaben [5][zum erneuerbaren
Heizen]. Und von der Wirtschaftsministerin wird sogar der geplante Ausbau
der erneuerbaren Energien komplett in Frage gestellt, also das Rückgrat
allen Klimaschutzes. Für die nötige Finanzierung von Klimaschutz ist auch
noch nicht gesorgt, ob für Schienenausbau, mehr Busse und Bahnen oder für
Gebäudesanierung. Aber klimaschädliche Subventionen werden trotzdem
aufrechterhalten. Das alles verschärft das Problem und es bedeutet, dass
die Koalition die Basis ihres Klimaschutzprogramms zusätzlich untergräbt.
Damit fußt das Klimaschutzprogramm auf einer Grundlage, die schon wieder
überholt ist.
taz: Das Bundesverwaltungsgericht hat aber doch im Januar entschieden, dass
das Klimaschutzprogramm methodisch einwandfrei sein und die CO2-Lücke
plausibel schließen muss.
Löffelsend: Das Klimaschutzprogramm ist dann unzureichend, wenn es die
Ziele, die im Gesetz stehen, nicht sicher erreicht. Das
Bundesverwaltungsgerichts hat sehr deutlich ausgeführt, dass und wie diese
Vorgaben einzuhalten sind. Die Regierung macht sich rechtlich ausgesprochen
angreifbar, wenn sie das ignorieren sollte.
taz: Also könnte es sein, dass die Bundesregierung am 25. März wissentlich
das Recht bricht.
Löffelsend: Die Anforderungen an so ein Programm sind ja klar formuliert.
Wenn es vorliegt, kann man beurteilen, ob es die gesetzlichen Vorgaben
einhält oder nicht. Aber es geht hier nicht nur um das Recht. Der
Klimaschutz stellt die Weichen dafür, dass wir auch in Zukunft gut leben
können. Indem wir auf Klimaschutztechnologien setzen, kann Deutschland an
Zukunftsmärkten teilhaben und Wohlstand erhalten. Und es macht uns
unabhängig von Öl und Gas und den geopolitischen Risiken und Preissprüngen,
die damit zusammenhängen. Aber dafür müssen die richtigen Weichen heute
gestellt werden.
22 Mar 2026
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