# taz.de -- Soziologe über AfD-Erfolg bei Arbeitern: „Die linken Arbeitenden in den Blick nehmen“
       
       > Klaus Dörre forscht zu radikalen Rechten und Arbeiterschaft. Kann die SPD
       > bei der Arbeiterschaft wieder Gewinne einfahren, oder fehlt ihr dafür das
       > Profil?
       
 (IMG) Bild: Dörre: „Es gibt nicht nur 37 Prozent Arbeiter, die in BaWü rechts außen wählen, sondern auch 63 Prozent, die das nicht tun“
       
       taz: Herr Dörre, sie haben viel zu Einstellungen in der Arbeiterschaft
       geforscht. Die SPD hat bei Arbeitern in Baden-Württemberg ganze 5 Prozent
       geholt, die [1][AfD liegt bei 37] – wie erklären Sie das ? 
       
       Dörre: Die SPD hat ein strukturelles Problem. Es gibt gute Vorschläge dazu,
       wie man die radikale Rechte besiegen kann – etwa die Vorschläge von
       [2][Isabella Weber zur antifaschistischen Wirtschaftspolitik] oder auch den
       Haustürwahlkampf in New York von Zohran Mamdani. Auf dem Papier hat die SPD
       mit 310.000 Mitgliedern auch großes Potenzial dazu, aber praktisch ist sie
       völlig überaltert. Die Sozialdemokraten haben selbst in Baden-Württemberg
       den Kontakt zur IG Metall verloren. Die SPD hat keine
       zivilgesellschaftlichen Kontakte mehr, ist im produzierenden Gewerbe und
       selbst im Dienstleistungssektor kaum noch präsent. Es droht eine
       Entwicklung wie in Frankreich oder Italien, wo die Sozialdemokraten
       vollständig verschwunden sind.
       
       taz: Das klingt düster, auch mit Blick auf die anstehende Wahl in
       Rheinland-Pfalz. 
       
       Dörre: Dort ist die Lage mit Spitzenkandidat Alexander Schweitzer ein
       bisschen anders. Er kann ähnlich die Mitte polarisieren, wie es [3][Cem
       Özdemir für die Grünen sehr erfolgreich] im Südwesten gemacht hat. Und er
       tritt selbst aus der Position des Ministerpräsidenten an. Zudem hat Malu
       Dreyer hier die Kontakte in den Wirtschaftsbereich und zu Gewerkschaften
       gehalten – es gibt einen Rat mit Gewerkschaft, Wirtschaft und Staat, wenn
       auch leider ohne ganze Breite der Zivilgesellschaft, um über Fragen der
       Transformation zu sprechen.
       
       taz: Aber auch hier leidet die Wirtschaft unter Folgen der Energiekrise.
       
       Dörre: BASF leidet unter einer dramatischen Strukturkrise, die Hälfte des
       dort verwendeten Erdgases kam ursprünglich aus Russland, und erhebliche
       Teile der Belegschaft könnten dazu neigen, das Kreuz bei der AfD zu machen.
       Aber hier hat man das Problem früher erkannt und Verbindungen zur
       Zivilgesellschaft in der Arbeitswelt erhalten. Es ist nicht ausgeschlossen,
       dass Schweitzer ein ähnlicher Coup gelingt wie Özdemir.
       
       taz: Was ist denn das Grundproblem? 
       
       Dörre: Die SPD hat im berechtigten Anliegen, moderner zu werden, ihre
       Stammwählerschaft in der konventionellen, produzierenden Arbeiterschaft
       verloren. Sie ist in der permanenten Regierungsverantwortung völlig
       profillos geworden. Das gilt auch für das entspannungs- und
       friedenspolitische Profil. Die SPD hat ihren Markenkern verloren und
       verliert nach rechts und links.
       
       taz: Welche Lehren sollte die SPD daraus ziehen? 
       
       Dörre: Es ist ganz schwer, da kurzfristig was zu ändern. Vor allem bei
       denjenigen, die glauben, dass der eigentliche soziale Konflikt nicht
       zwischen oben und unten läuft, sondern zwischen innen und außen oder die
       sozialökologische Transformation für ein ausgedachtes Elitenprojekt halten,
       um die deutsche Industrie zu schwächen und die Arbeitenden ärmer zu machen.
       Aber vielleicht kann man noch Neuwähler der AfD erreichen.
       
       taz: Wie? 
       
       Dörre: Die Politik muss die Grundbedürfnisse absichern, ohne dabei
       Klimaschutz über Bord zu schmeißen: Wohnen, Mieten, Strom. Nicht nur
       Mindestlohn, sondern „Living Wages“, die ein einigermaßen gutes Leben
       ermöglichen. Genauso wichtig ist die Sicherheit von Arbeitsplätzen und
       Status. Das haben die Sozialdemokraten längere Zeit nicht mehr glaubwürdig
       vertreten können. Özdemir hat das übrigens geschickt gemacht und hat
       Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit gekoppelt.
       
       taz: Versucht die SPD nicht Ähnliches in der Regierung? 
       
       Dörre: Das Problem der SPD ist, dass sie als technokratische Partei
       erscheint ohne Zukunftsvision und Emphase, der man nicht mehr glaubt, dass
       es einen ökologisch-demokratischen Sozialstaat geben kann. „Cost of Living“
       war auch genau das Erfolgsrezept von Mamdani, aber die Frage ist auch: Wer
       als Person kann das in der SPD glaubwürdig verkörpern? Wer sind Personen,
       denen man eine Vision glauben würde?
       
       taz: Was treibt die Arbeiterschaft, die der SPD von der Stange gegangen
       ist, am meisten um? 
       
       Dörre: Aktuell haben wir Produktionsstandorte und Zuliefererbetriebe in
       Südwest-Sachsen und Nordhessen untersucht, aber wir haben vor einiger Zeit
       auch Befragungen in Baden-Württemberg gemacht. Die zeigen: Rassismus ist
       nicht der Hauptgrund, sondern die Angst vor Statusverlust. Das Argument ist
       immer: Es geht zu viel Geld ins Ausland und wird verschwendet für Radwege
       in Peru oder an die, die es sich in der Hängematte des Wohlfahrtsstaates
       bequem machen. In Sachsen gibt es zudem ein ausgesprochen ausgeprägtes
       betriebswirtschaftliches Bewusstsein in der Arbeiterschaft.
       
       taz: Inwiefern?
       
       Dörre: Viele sagen, die IG Metall hat Mitschuld an Krise, weil die
       Forderungen zu hoch seien. Sie halten den Mindestlohn für zu hoch. Ebenso
       gibt es massive Ressentiments selbst bei Gewerkschaftsmitgliedern gegen das
       Bürgergeld. Für nichts sei Geld da, aber dann kommen die, die wir nicht
       gerufen haben. Das wirkt zusammen mit Ablehnung von muslimischer
       Einwanderung, die natürlich mit rassistischer Konnotation als Problem für
       die Sicherheit dargestellt wird. Eine dritte Erzählung, die sich
       verfestigt: Die sozialökologische Transformation führt dazu, dass Arbeiter
       ärmer gemacht werden.
       
       Als wir vor einigen Jahren bei Mercedes in Baden-Württemberg geforscht
       haben, war der Ehrverlust ein entscheidender Punkt: Die Arbeit als
       ehrwürdiges Tun – das gehört zur Industriearbeiterschaft immer ganz stark
       dazu. Das wird nicht mehr ausreichend gesellschaftlich, politisch
       respektiert – auch nicht seitens der SPD. Das führt nicht gleich nach
       rechts außen, aber kann von Rechtsradikalen instrumentalisiert werden,
       indem man es in Außenseiterstolz umwandelt.
       
       taz: Was kann man dem entgegensetzen? 
       
       Dörre: Man muss Themen finden, die nicht polarisieren und noch
       Verständigung ermöglichen. Die Identifikation mit dem Unternehmen ist im
       Osten gleich null, aber auch im Westen und selbst bei VW rückläufig. Womit
       man sich aber überall identifiziert, ist etwa Heimat. Wenn du aus dem
       Erzgebirge kommst, bist du Erzgebirgler. Gewerkschaftler sagen, sie seien
       Heimscheißer und kehren extra nach Bayern zurück, auch wenn sie monatlich
       1.000 Euro weniger verdienen, um ihre Kinder im Dorf aufwachsen zu lassen.
       Das sollte man nicht der AfD mit ihrem „Heimat, Volk und Vaterland“
       überlassen. Frei nach Tucholsky: In Nationalismus und Patriotismus machen
       wir nicht mit, aber in Heimatliebe lassen wir uns von niemandem
       übertreffen.
       
       taz: Die Rechten bei der Heimattümelei überholen – klingt erst mal
       widersprüchlich.
       
       Dörre: Für [4][Ernst Bloch ist Heimat Sehnsuchtsort und Sozialismus]. Man
       muss die Auseinandersetzung mit radikalen Rechten auch in der
       Arbeiterschaft über Themen suchen, die Verständigung ermöglichen. Man muss
       sagen: Schnee im Erzgebirge wird dauerhaft nur noch ausreichend fallen,
       wenn sich Gesellschaft radikal verändert. Im Thüringer Wald werden in
       Zukunft nur noch gesunde Bäume stehen, wenn die Klimakrise aufgehalten wird
       – und deswegen kann man auch nicht prinzipiell gegen Windkraft im Wald
       sein.
       
       taz: Aber gerade Windkraft ist auch ein Mobilisierungsthema für die AfD.
       
       Dörre: Im Grunde geht es um ein Freiheitsverständnis, das nicht rein
       negativ ist. Das zeichnet nämlich die AfD aus: Wehe, einer will mir
       vorschreiben, welches Auto ich zu fahren habe. Dass Freiheit immer auch
       Verantwortung gegenüber anderen impliziert, wird weggewischt. Aber was ist
       denn mit den Kindern, wenn ich Klimaschutz hintertreibe? Darüber müssen wir
       eine Auseinandersetzung führen. Ebenso braucht es einen Perspektivwechsel:
       Statt dauernd auf die rechtsradikalen Arbeiter zu gucken, ist es sinnvoll,
       sich auf diejenigen zu beziehen, die sich in der Arbeitswelt bewusst dem
       Rechtsruck entziehen. Es gibt nicht nur 37 Prozent Arbeiter, die in BaWü
       rechts außen wählen, sondern auch 63 Prozent, die das nicht tun.
       
       taz: In Baden-Württemberg haben 18 Prozent der Arbeiter Grüne und 21
       Prozent CDU gewählt. 
       
       Dörre: Die müssen wir stärker in den Blick nehmen, auch die Linkspartei.
       Hier erwarte ich einen Perspektivwechsel auch in den Parteien: Was brauchen
       linke Betriebsräte zu ihrer Stärkung und was die zivilgesellschaftliche
       Initiative vor Ort? Denn auch die gibt es überall. Özdemir hat sich klar
       gegen rechts außen positioniert und auch gegen die rechtsradikale
       Pseudogewerkschaft Zentrum ausgeteilt. Das hat dazu beigetragen, dass er
       das grüne Wählerpotenzial ausgeschöpft hat. Er gilt als authentisch und
       jemand, der mit Rechtsradikalen keine gemeinsame Sache macht. Ich glaube,
       dass der Anteil der Arbeiter, die man zurückholen kann, gar nicht so klein
       ist. Aber man braucht einen langen Atem.
       
       Sollte die Arbeiterschaft wieder mehr von demokratischen Parteien umworben
       werden? 
       
       Dörre: Sie sollten vor allem die linken Arbeitenden in den Blick nehmen.
       Der Cost-of-Living-Ansatz ist dabei zentral. Das erfordert einen
       Perspektivwechsel. Auch in ländlichen Industrieregionen gibt es überall
       Initiativen gegen rechts, auch in kleinen Gemeinden und Städten. Die sind
       nach wie vor aktiv. Wir sollten sie nicht alleinlassen.
       
       10 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/umfragen-afd-landtagswahl-baden-wuerttemberg-2026-100.html
 (DIR) [2] /Oekonomin-Weber-zu-Wirtschaft-unter-Trump/!6047444
 (DIR) [3] /Landtagswahl-in-Baden-Wuerttemberg/!6160829
 (DIR) [4] https://www.deutschlandfunk.de/heimat-als-utopie-heimat-der-offene-begriff-100.html
       
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