# taz.de -- Politologe über AfD-Wähler: „Die AfD will Umverteilung von unten nach oben“
       
       > Wenn Arbeiter*innen AfD wählen, handeln sie gegen ihre Interessen,
       > sagt der Politologe Gerd Wiegel. Das zeige ein nüchterner Blick auf
       > AfD-Politik.
       
 (IMG) Bild: Schon lange nicht mehr alle so links wie hier am 1. Mai: Arbeiter*innen in Deutschland
       
       taz: Herr Wiegel, Ihr Vortrag heißt „AfD – Feind der Beschäftigten“. Ist
       nicht klar, [1][dass Populisten nun mal die Menschen dazu verführen], gegen
       ihre eigenen Interessen zu handeln? 
       
       Gerd Wiegel: Ja, das stimmt. Es gibt aber eben diesen Widerspruch, dass
       viele Leute, die sich selber als Arbeiter oder Arbeiterinnen einordnen,
       also abhängig Beschäftigte sind, [2][eine Partei wählen, die von ihrer
       Programmatik her stark gegen die Interessen von Beschäftigten steht]. Mir
       ist aufgefallen, dass das Thema seit den letzten Wahlen wieder vermehrt in
       der medialen Öffentlichkeit verhandelt wird. Es stellt sich die Frage, wie
       wir den Leuten deutlich machen können, dass diese Partei zumindest von den
       materiellen Interessen her das Gegenteil von dem ist, was sie sich
       vielleicht von ihr versprechen.
       
       taz: Wo zeigt sich dieser Widerspruch? 
       
       Gerd Wiegel: Viele AfD-Wählende beschreiben die wirtschaftliche Lage in der
       BRD als prekär und schlecht. Und viele von ihnen sagen auch, dass sie ihre
       eigene materielle Situation als zumindest gefährdet ansehen. Man sollte
       also erwarten, dass sie sich für politische Richtungen einsetzen, die diese
       materielle Situation verbessern wollen. Man sieht aber, dass die AfD bei
       dem, was sie in den Parlamenten ganz real macht und vorschlägt, das
       Gegenteil von dem tut, was die Menschen in Wahlumfragen adressieren. Die
       AfD stellt sich selber als die Partei der kleinen Leute dar, und wir
       versuchen bei diesem Auseinanderfallen von Anspruch und Wirklichkeit den
       Blick möglichst detailliert auf die Wirklichkeit zu werfen.
       
       taz: Und was sieht man dann? 
       
       Gerd Wiegel: Wir reden etwa von parlamentarischen Initiativen der AfD zu
       sozialpolitischen Themen wie Krankenversicherung, Rentenversicherung und
       Tarifbindung. Wenn man sich ansieht, wie die AfD zum Sozialstaat steht,
       dann ist sie [3][die Partei, die im letzten Bundestagswahlkampf am
       stärksten für ein Abschmelzen des Sozialstaats stand], die also die
       sozialen Sicherungssysteme noch weiter schleifen will als zum Beispiel die
       CDU oder die FDP. Und das ist vielen Wählenden so wohl nicht bekannt.
       
       taz: Die AfD macht reaktionäre Sozialpolitik? 
       
       Gerd Wiegel: Man kann zum Beispiel beim Steuerprogramm der AfD sehen, dass
       sie vor allem eine Umverteilung von unten nach oben vornehmen will. Dass
       also diejenigen mit den größten Einkommen davon profitieren würden und bei
       denen, die mittlere und kleinere Einkommen haben, so gut wie nichts hängen
       bleibt.
       
       taz: Glauben Sie, dass den AfD-Politikern der Widerspruch bewusst ist, also
       dass sie mehrheitlich zynisch denken? 
       
       Gerd Wiegel: Es gibt viele AfD-Funktionäre, die ideologisch von ihren
       Konzepten überzeugt sind und sagen, die Lösung für sozialpolitische Fragen
       liegt gar nicht im sozialpolitischen Bereich. Die Universallösung der AfD
       ist: „[4][Wir schaffen die Migranten außer Landes und dann sind alle
       Probleme dieses Landes gelöst.“]. Ohne die Migranten wäre ja ganz viel Geld
       da, und dann gäbe es keine Probleme etwa im Schulbereich, in der
       Krankenpflege oder in der Altersversorgung mehr.
       
       taz: Sie sprechen in dem Kontext von einem wirtschaftspolitischen
       Kahlschlag. Was meinen Sie damit? 
       
       Gerd Wiegel: Wenn wir uns objektiv die Zahlen anschauen, erkennen wir, dass
       Zuwächse auf dem deutschen Arbeitsmarkt nur dadurch stattfinden können,
       dass Menschen in dieses Land kommen. Jetzt in der Krise hört es sich so an,
       als würden die Menschen vor allem freigesetzt oder entlassen. Aber das ist
       nur eine temporäre Sache. Generell ist es so, dass der Bedarf an
       Arbeitskräften aufgrund der demografischen Entwicklung in den nächsten zehn
       oder fünfzehn Jahren immer größer werden wird. Die Boomer gehen nach und
       nach in Rente, und das bedeutet, dass eine Politik, die auf Abschottung
       setzt, für die deutsche Wirtschaft irgendwann einmal zu massiven Problemen
       führen wird.
       
       19 Apr 2026
       
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