# taz.de -- Forscher über AfD in Baden-Württemberg: „Starke Kontinuität extrem rechten und nationalen Denkens“
       
       > Reich und extrem rechts: Warum liegt die AfD in Baden-Württemberg bei 20
       > Prozent? Rolf Frankenberger hat sich mit rechten Hotspots beschäftigt.
       
 (IMG) Bild: Überschneidungen mit Verschwörungsideologen, Russlandfreunden und Völkischen: Parteitag der AfD Baden-Württemberg im November 2025
       
       taz: Herr Frankenberger, Sie haben zur Sozialstruktur mit Blick auf
       Anfälligkeit gegenüber extrem rechten Einstellungen geforscht. Vor der
       Landtagswahl liegt die AfD [1][bei rund 20 Prozent] in Baden-Württemberg.
       Warum ist das so?
       
       Rolf Frankenberger: Die AfD kann hier an vieles anknüpfen. Trotz derzeit
       noch grün geführter Landesregierung kann man sagen, dass Baden-Württemberg
       jenseits der großen Städte strukturell konservativ ist. Die AfD gibt sich
       einen konservativen Anstrich und versucht gezielt, Anklang im ländlichen
       Raum und in den Ballungsräumen zu finden. Sie spricht eine konservative
       Klientel an und kommt in einigen Städten wie Heilbronn, Mannheim und
       Pforzheim auch in konservativ geprägten migrantischen Gruppen gut an.
       
       taz: Die Zustimmungswerte zur AfD widersprechen deutlich der These, dass
       die AfD zuvorderst ein Problem des Ostens und in einigen strukturschwachen
       Regionen in NRW sei. 
       
       Frankenberger: Richtig. Baden-Württemberg ist im Vergleich relativ reich,
       wobei es trotzdem auch hier in den Städten sichtbare und versteckte Armut
       gibt – der Reichtum ist ungleich verteilt. Dennoch ist die Zustimmung zur
       AfD hier eher durch Zukunftsperspektiven bedingt. Einerseits gibt es auch
       hier eine Modernisierungs- und Zukunftsangst in Regionen, die sehr von der
       Autoindustrie abhängen. Andererseits gibt es eine gefühlte individuelle und
       soziale Deprivation – die Wahrnehmung einer sozialen Herabsetzung des
       Eigenen, die in der Politik zu wenig adressiert wird.
       
       taz: Was genau meinen Sie damit? 
       
       Frankenberger: Es geht hier um wahrgenommene Widersprüche: Was gelten meine
       eigenen Werte noch in der Gesellschaft? Nach dem Motto: In meinem lokalen
       Umfeld teilen viele meine Einstellungen und zum Beispiel mein christlich
       geprägtes Familienbild, gesamtgesellschaftlich spielt es aber nicht mehr
       die zentrale Rolle. Ebenso schwinden scheinbar oder gefühlt Recht und
       Ordnung. Und nicht zuletzt die Wahrnehmung, die eigenen Wünsche und
       Zukunftsperspektiven würden nicht ausreichend berücksichtigt. Das hat auch
       mit Identitätspolitik zu tun. Die AfD greift das polarisierend auf und
       fragt weiter: Wer gehört zu Deutschland und wer nicht? Das ist
       anschlussfähig an viele Narrative, die es gerade in Baden-Württemberg in
       ländlichen, traditionellen und auch in religiösen Kontexten gibt.
       
       taz: Welche Unterschiede gibt es zur Zustimmung im Osten? 
       
       Frankenberger: Im Osten gab es natürlich die politischen und auch
       biografischen Brüche durch die Transformationen nach der Wiedervereinigung.
       Diese Brüche und damit verbundene Ängste wurden systematisch auch von
       Rechtsextremisten aus dem Westen bewirtschaftet, die sich dort nach der
       Wende organisierten. Hinzu kommt, dass ganze Regionen sozioökonomisch
       peripher geworden sind. Und es gibt eine Staatsferne, die sich auch über
       die Erfahrungen mit dem SED-Regime erklären lässt.
       
       taz: Wie läuft es im Unterschied dazu im Südwesten? 
       
       Frankenberger: In Baden-Württemberg sind die Mechanismen anders: Hier gibt
       es eine starke Kontinuität extrem rechten und nationalen Denkens. Diese
       Einstellungen konnten von der CDU lange absorbiert werden, wenn es eben
       keine Krisen oder Herausforderungen gab. Die Narrative waren aber immer
       schon da, sie waren halt politisch mal mehr und mal weniger virulent – wie
       die Zustimmung zu den „Republikanern“ in den Neunzigern, aber auch die
       hohen NPD-Wahlergebnisse in den Sechzigern gezeigt haben.
       
       taz: Wo liegen die extrem rechten Hotspots in Baden-Württemberg? 
       
       Frankenberger: Zum einen gibt es urbane Hotspots: In Pforzheim, Heilbronn
       und teils auch Mannheim gibt es stark fragmentierte Stadtgesellschaften –
       einerseits eine gut organisierte Zivilgesellschaft, aber auch starke
       ökonomische, soziale und Bildungsunterschiede. Pforzheim und Mannheim
       kämpfen mit dem Strukturwandel und sind sehr stark migrantisch geprägt. Die
       AfD macht neben ihrem völkisch-nationalistischen Standardprogramm hier in
       migrantischen Milieus gezielt Wahlwerbung mit kyrillischer Schrift für
       Menschen mit einem Migrationshintergrund in der ehemaligen Sowjetunion und
       versucht auch, Potenziale türkeistämmiger Konservativer abzugreifen, die
       die AfD wählen, unabhängig von der Position zu Migration.
       
       Heilbronn wiederum ist eine prosperierende Stadt, etwa mit großen
       Investitionen in die Hochschule und die Stadt [2][durch die Schwarz-Gruppe
       und Dieter Schwarz]. Allerdings profitieren hier nicht alle in der Stadt
       gleichermaßen von der so entstehenden Dienstleistungs- und Wissensökonomie.
       Das ökonomische Auseinanderdriften und die Größe der auch davon betroffenen
       konservativ geprägten Wählergruppen erklären in solchen Städten gute Teile
       der Zustimmung zur AfD – im Gegensatz zu urban geprägten Ballungszentren
       wie Freiburg, Konstanz, Tübingen, Stuttgart, Karlsruhe und Heidelberg.
       
       taz: Wo im ländlichen Raum ist die AfD erfolgreich? 
       
       Frankenberger: Der Neckar-Odenwald-Kreis, der Schwäbische Wald, Hohenlohe,
       der Zollernalbkreis und Teile der Schwäbischen Alb sind Regionen, die
       strukturell konservativ-christlich geprägt sind. Hier haben sich historisch
       rechte und konservative Narrative stark gehalten, entsprechend haben über
       Jahrzehnte hinweg extrem rechte Parteien immer wieder Erfolge erzielt. In
       Teilen des Nordschwarzwaldes und im Schwäbischen Wald wurde in den
       Sechzigern NPD gewählt, in den Achtzigern und Neunzigern „Republikaner“ und
       jetzt AfD.
       
       Im ländlichen Raum war die CDU im letzten Jahrzehnt generell im Abschwung,
       weil die eher konservativen Grünen um den derzeitigen Ministerpräsidenten
       Kretschmann einen Teil der Wählerschaft abgegriffen haben. Im Moment gibt
       es hier einen Umschwung. Allerdings verliert die Union nun auf der anderen
       Seite an die AfD, weil vor allem in realen und gefühlten Krisenzeiten
       völkisch-nationale Erzählungen gut funktionieren: Wir hier – unsere
       Gemeinschaft, unsere Werte – sind vermeintlich bedroht durch die linken
       Eliten aus den Städten und Berlin.
       
       taz: Wie sind diese Regionen strukturiert? 
       
       Frankenberger: Es gibt neben dem demokratischen Konservatismus eben auch
       erzkonservative, christlich-fundamentalistische, nationale oder auch
       völkisch geprägte Subkulturen. Manche Hotspots sind [3][stark pietistisch
       geprägt], zum Teil auch erzkatholisch. Laut unseren Forschungsdaten bieten
       diese Milieus ein Umfeld, in dem rechte Parteien erfolgreich sein können,
       ohne dass sie offensichtlich direkte Einflussfaktoren sein müssen. Und zwar
       unabhängig davon, ob diese Regionen ökonomisch oder infrastrukturell
       marginalisiert sind. Die Zustimmung zur AfD erklärt sich hier weniger auf
       der ökonomischen als auf der kulturellen Ebene. Es geht auch darum, wie die
       Leute und vor allem die Meinungsführer vor Ort ticken.
       
       taz: Wie bildet sich das im Kleinen ab? 
       
       Frankenberger: Es gibt etwa Bürgerinitiativen gegen Infrastrukturprojekte,
       wenn es um Solarparks oder Windkraftanlagen geht, ebenso Mobilisierungen
       gegen Flüchtlingsunterkünfte. Diese Potenziale mobilisiert auch nicht immer
       die AfD selbst, aber sie kann daran anknüpfen, wenn Bürgerinitiativen
       Stimmung machen und mit Ängsten arbeiten. Hinzu kommen Mischszenen, in
       denen es auch Überschneidungen mit Reichsbürgern und Querdenkern, aber auch
       Bauern gibt.
       
       taz: Querdenken konnte während der Pandemie Tausende nach Stuttgart
       mobilisieren. 
       
       Frankenberger: Ja, und die Auswirkungen der Mobilisierungsfähigkeit dieser
       Mischszene sind weiter situationsabhängig groß. Das hat man auch vor zwei
       Jahren in Biberach gesehen, [4][als der politische Aschermittwoch der
       Grünen nach gewaltsamen Protesten unter anderem von Landwirten abgesagt
       werden musste]. Hier hat sich gezeigt, wie einflussreich Landwirte in
       manchen Regionen sind. Populistische Narrative gab es schon immer an
       Stammtischen – in einigen Regionen, etwa Oberschwaben, hat sich das zum
       Teil stark verdichtet. Dort finden Sie von Verschwörungsideologen über
       Russlandfreunde bis zu Völkischen und AfD alle möglichen Überschneidungen.
       
       taz: Wie nehmen Sie die Wahlkampagne der AfD wahr? 
       
       Frankenberger: Widersprüchlich: [5][Spitzenkandidat Markus Frohnmaier ist
       durchaus radikal], will sich aber als Macher mit eher konservativem
       Anstrich inszenieren – tritt aber selbst nicht einmal an für einen
       Landtagssitz. Fraglich, ob das verfängt: Dass er dann in Berlin bleiben
       will, kann distanziert und karrieristisch wirken. Ansonsten ist die AfD
       präsent in allen Formaten – macht beispielsweise auch Stände und
       Bürgerdialoge. Aber so richtig heißgelaufen scheint mir ihr Wahlkampf noch
       nicht. Bei den Transformationsherausforderungen der Autoindustrie setzt sie
       auf Verbrenner und überkommene Mobilitätsstrategien. Die Frage bleibt,
       inwiefern gerade in der Wählerschaft kulturelle Faktoren rationale Motive
       ausstechen und [6][ob der AfD etwa die Nähe zu Trump und dessen für
       Baden-Württemberg verheerende Wirtschaftspolitik schadet].
       
       taz: Welche Themen spricht die AfD noch an? 
       
       Frankenberger: Inhaltlich spricht sie viele Themen an, die gar nicht auf
       Landesebene entschieden werden, EU-Finanzpolitik etwa. Zudem versucht die
       AfD natürlich, zu polarisieren und Familien gegen Migranten auszuspielen
       mit Slogans wie „Die Zukunft unserer Heimat liegt in deutschen
       Kinderzimmern, nicht im Asylzentrum“. Allerdings spielt Migration bislang
       keine übergeordnete Rolle im Wahlkampf. Mit Slogans wie „Willkommenskultur
       für Neugeborene und Ungeborene“ versucht die AfD, auch an bestehende
       Ressentiments und evangelikale Abtreibungsdiskurse anzuknüpfen.
       
       Sie versucht aber auch, mit Forderungen nach einer Stärkung des ländlichen
       Raumes gezielt Landwirte anzusprechen. Und sie verfolgt vielfach eine
       Strategie der Vagheit – nicht wirklich etwas sagen, damit die
       Wähler:innen die Slogans auch als Projektionsfläche für das Eigene
       nutzen können. Der Spruch „Es sind zu viele“ ist da ein gutes Beispiel. Zu
       viele was denn eigentlich? Das kann zur Chiffre für Migrant:innen,
       Windräder, queere Menschen oder auch Steuern werden. Beliebigkeit ist
       manchmal eben auch eine Strategie, die verfängt.
       
       taz: Gibt es etwas, was Regionen resilient dagegen macht? 
       
       Frankenberger: Man sollte vor allem nicht diejenigen aus dem Blick
       verlieren, die nicht die AfD wählen. Selbst wenn es mittlerweile einzelne
       Regionen in Baden-Württemberg gibt, die in Ortsteilen und Wohngebieten
       sogar Wahlergebnisse jenseits der 30 Prozent haben, wählen dort 60 bis 70
       Prozent nicht diese Partei.
       
       Wichtig ist, wie sich Vereine, Kirchen, Zivilgesellschaft und Unternehmen
       vor Ort positionieren und vernetzen. Resilient sind vor allem Gemeinden, in
       denen es breite Bündnisse gibt, in denen auch
       demokratisch-christlich-konservative und bürgerliche Kräfte eingebunden
       sind. Vor allem müssen Konservative die Gefahr erkennen, dass ihre
       Marginalisierung das erklärte Ziel der AfD ist, die christlich-konservative
       Werte durch völkisch-nationalistische ersetzen will.
       
       taz: Wie vermittelt man das gerade in Regionen, wo der Kampf für Demokratie
       als linkes Elitenprojekt wahrgenommen wird? 
       
       Frankenberger: Der christlich-demokratische Konservatismus war ein Motor
       der Demokratisierung nach 1945. Auch die bürgerlichen Kräfte und Parteien
       haben hier eine Verantwortung: Demokratie ist kein linkes Projekt. Es ist
       ein gesellschaftliches Projekt, bei dem es darum geht, wie wir friedlich
       zusammenleben wollen und wie wir das Zusammenleben verbessern können.
       Plurale Bündnisse dafür zu bilden, ist aber harte Arbeit und
       Auseinandersetzung.
       
       Dennoch sind große Zusammenschlüsse mit einem gemeinsamen Fokus unbedingt
       notwendig. Unabhängig von Parteibindungen muss klar sein, worum es hier
       geht: die liberale Demokratie, die ihre Schwächen hat, aber die halt
       unbestritten unglaubliche Stärken hat, wenn es darum geht, dass Menschen in
       Frieden und mit möglichst großen Lebenschancen zusammenleben können.
       
       1 Mar 2026
       
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