# taz.de -- Landtagswahl in Baden-Württemberg: Wie Özdemir gelang, woran Habeck scheiterte
       
       > Supermann Özdemir, klar. Aber was nehmen wir sonst von der Landtagswahl
       > in Baden-Württemberg mit?
       
 (IMG) Bild: Cem Özdemir, damals Bundesvorsitzender der Grünen, und Robert Habeck, Spitzenkandidat für die Wahl in Schleswig-Holstein, 2012
       
       Auf den Stufen der Stuttgarter Staatsgalerie, die grüne Wahlparty im
       Rücken, steht eine Mutter und sagt zu ihrer Tochter: „Nachher kommt auch
       noch der Äh, der Dings, der … Kretschmann.“ So schnell kann das gehen! Ein
       paar Minuten vorher war Cem Özdemir in die Staatsgalerie einzogen, unter
       wirklich enormen Jubelstürmen, ein bisserl wie ein demokratischer
       US-Präsident in der guten alten Zeit. Für die 100 Meter bis zur Bühne
       brauchte er mehrere Minuten. Man sah auch, dass die baden-württembergischen
       Grünen, anders als ihre Schwesterparteien, eine gewisse Routine im Gewinnen
       haben.
       
       Was nehmen wir sonst von der Landtagswahl in Baden-Württemberg mit, [1][bei
       der der Grüne Spitzenkandidat Özdemir fast das unerreichbar scheinende
       Monsterergebnis seines Vorgängers Winfried Kretschmann (32,6 Prozent)
       geholt hat]?
       
       Die wichtigste Erkenntnis: Die kulturelle Hegemonie des Linksliberalismus
       ist weg und kommt wohl auch nicht wieder. Die kulturelle Hegemonie der
       patriarchal-autoritären 50er Jahre allerdings kommt schon gar nicht zurück.
       Das ist eine Deutung dieser Landtagswahl und des furiosen Ergebnisses von
       Cem Özdemir.
       
       Gewonnen hat etwas Drittes, das von Özdemir und seinem Vorgänger Winfried
       Kretschmann verkörpert wird, eine Kultur des Bewahrens einer
       emanzipatorisch-liberalen Gesellschaft durch Politik. [2][Es ist ein neuer
       kultureller Mix], der die verständliche Sehnsucht nach dem Verweilen der
       Gegenwart und die Notwendigkeit des Handelns angesichts der geopolitischen
       und planetarischen Eruptionen zumindest andeutet.
       
       Selbstverständlich hat zuvorderst der Spitzenkandidat Özdemir diese Wahl
       gewonnen, weil er einen perfekten Wahlkampf hingelegt hat. Aber wie beim
       Fußball basiert diese Analyse auf dem Ergebnis; hätte er mit dem gleichen
       Wahlkampf weniger als 20 Prozent geholt, wäre es ein Scheißwahlkampf
       gewesen und er säße ab morgen zu Hause. Es müssen also noch andere
       Parameter hinzukommen. Und das sind die Gegenkandidaten, die politische
       Kultur in Baden-Württemberg und wie bei jeder Landtagswahl die Performance
       der Bundesparteien.
       
       ## Ein traditionell-liberales Land
       
       Die CDU wollte mit einer neuen Staffel der Dämonisierung von Robert Habeck
       und der Zerstörung seiner Reform des Gebäude-Energie-Gesetzes an den
       scheinbaren Erfolg der Trashserie der letzten Jahre anknüpfen. Eigentlich
       strategisch naheliegend, Wahlen gewinnt man gegen die Grünen. So schien es.
       War aber nicht so.
       
       Warum kommt der Anti-Energiewende-Kurs der CDU in Baden-Württemberg nicht
       an?
       
       Gerade Leute, die auf dem Land in Einfamilienhäusern leben, wissen und
       erleben, wie eine Energiewende mit Ökonomie verknüpft ist, und das nicht
       erst, seit die Benzinpreise wegen des Krieges gegen den Iran gestiegen
       sind. Eigenstromproduktion und Wärmepumpe sind auf der Schwäbischen Alb
       keine Ideologie, sondern Teil einer Normalität, die eben auch aus einem
       Interesse oder einer Notwendigkeit besteht, Geld zu sparen und den Kindern
       zukunftsfähige Immobilien zu hinterlassen.
       
       In vielen Kommunen ist inzwischen die Wärmeplanung fertig, die finden das
       gar nicht lustig, wenn auf Geheiß von Wirtschaftsministerin Katherina
       Reiche nun alles von vorn loszugehen droht. Bevor jetzt alle auf
       CDU-Kanzler Friedrich Merz losgehen, sollte man vielleicht doch erst mal
       prüfen, welchen Anteil Reiche an der Auferstehung der Grünen hat. Merz
       selbst könnte das auch tun, wenn er zumindest noch mittelfristige Pläne mit
       beiden Ämtern haben sollte, seinem und dem Wirtschaftsministerium.
       
       Man muss das nicht überinterpretieren, aber wenn Cem Özdemir dann im Mai
       zum ersten Ministerpräsidenten Deutschlands mit türkischer Abstammung
       gewählt werden sollte, dann darf man das auch nicht unterinterpretieren.
       Selbstverständlich ist Baden-Württemberg traditionell ein liberales
       Bundesland, aber in der Stimmung, die im Moment in Teilen der Republik
       herrscht, ist das nicht mehr nur die gute alte Aufstiegsgeschichte eines
       schwäbischen Arbeiterjungen, dessen Eltern aus Anatolien eingewandert sind.
       
       Es könnte ein Statement dieser emanzipatorisch entwickelten Gesellschaft
       sein, dass wir uns von antiemanzipatorischen Nationalisten und ihren
       strategischen Büchsenspannern die Aufklärung und den Fortschritt nicht
       kaputt machen lassen. Die liberale Mehrheitsgesellschaft ist nicht gewillt,
       sich in die zivilisatorischen Höhlen zurücktreiben zu lassen, und sie ist
       in Teilen immer noch oder wieder ökoliberal.
       
       ## Kein böses Wort über die CDU
       
       Allerdings steht ein Ministerpräsident Özdemir auf den Schultern von
       [3][Winfried Kretschmann]. Das bedeutet, dass Grün eben nicht links heißt
       oder linksliberal, sondern, dass ein Grüner den liberalen Mainstream
       ausbaut und anführt. Aber eben nicht, indem er alle anderen von der
       Richtigkeit grüner Positionen überzeugt –„Follow the science, follow the
       Greens“ –, sondern, indem er sozialökologische und physikalisch notwendige
       Positionen aus führender Position in die diskursive Aushandlung mit anderen
       Teilen von Gesellschaft und Regierung bringt.
       
       Anders geht das nicht.
       
       Man muss immer vorsichtig sein, aber der Erfolg von Cem Özdemir könnte und
       sollte das endgültige Ende des Denkens in den alten Antagonismen
       Linksliberalismus und Konservatismus bedeuten. Das Wachstums-Prinzip von
       Robert Habeck ab 2018 war zu diesem Zeitpunkt und angesichts der Kultur in
       der Bundespartei völlig schlüssig, nämlich erst die linksliberale Mitte zu
       besetzen und dann Richtung CDU auszugreifen.
       
       Özdemir, mit einer anders tickenden Landespartei und Winfried Kretschmanns
       Vorarbeit im Rücken, machte es anders. Er verlor nach links nicht,
       schrumpfte die darbende SPD weiter und gewann die Wahl dort, wo sie allein
       zu gewinnen ist, in Kretschmanns Mitte-Mitte, wo die grünschwarz tickenden
       Bürger mit mehr oder weniger Ökofaktor sich ernsthaft zwischen ihm und der
       CDU beziehungsweise deren Kandidaten zu entscheiden bereit waren.
       
       Allerdings mit der Vorgabe an Özdemir, am Ende mit dieser CDU etwas
       hinzukriegen. „Die Wähler wollen, dass Lösungen in der Mitte gefunden
       werden“, sagte Özdemir in der Staatsgalerie. Er hatte im Wahlkampf kein
       böses Wort über die CDU verloren, jedenfalls nicht im On, weil klar war,
       dass es diese grünschwarze Mitte braucht, um das Land zusammenzuhalten und
       die AfD einigermaßen klein und aus den Schlagzeilen heraus zu halten.
       
       Cem Özdemir gelang also das, was Habeck anstrebte, was ihm aber im
       Bundestagswahlkampf wegen Gebäudeenergiegesetz und Merz’ AfD-Tabubruch
       nicht mehr gelingen konnte: Eine neue Mehrheit zu gewinnen, um mit der CDU
       die liberale Demokratie zu stabilisieren. Neue Mehrheit deshalb, weil die
       Kretschmann-Mehrheit noch Anfang des Jahres von den Winden der Zeitläufte
       auf Nimmerwiedersehen verweht schien. Nun hat sie sich wieder
       zusammengefunden. Es ist jetzt eine Özdemir-Mehrheit.
       
       9 Mar 2026
       
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 (DIR) Peter Unfried
       
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