# taz.de -- Grüne nach der Landtagswahl: Warum hat die Partei gewonnen?
       
       > Haben die Grünen Baden-Württemberg wegen Cem Özdemir gewonnen? Oder doch
       > wegen der Energiepolitik der Union?
       
 (IMG) Bild: Die Promi-Grünen Katharina Dröge, Felix Banaszak, Franziska Brantner und Britta Haßelmann (v.l.n.r.) freuen sich über die erste Hochrechnung
       
       Die taz erreicht Martina Braun auf ihrem Bauernhof in der Nähe von
       Furtwangen. Später muss sie in den Stall zum Melken, jetzt hat sie aber ein
       paar Minuten für ein Telefonat. Es ist der Mittwoch nach der
       baden-württembergischen Landtagswahl, und sie ist wieder daheim. Zurück aus
       Stuttgart, wo am Tag zuvor die erste Fraktionssitzung stattfand.
       
       „Die Stimmung war sehr gut, wirklich. Die Aufholjagd war ja auch enorm“,
       sagt die 66-Jährige. Die Grünen schicken dank ihres Last-Minute-Sieges
       wieder mehr als 50 Abgeordnete in den Landtag, zum dritten Mal
       hintereinander hat es auch Ökolandwirtin Braun ins Parlament geschafft. Wie
       die Wende im Wahlkampffinale geglückt ist? „Cem war im ganzen Land
       unterwegs und hatte hervorragende Auftritte“, sagt Braun. Spitzenkandidat
       Özdemir sei der größte Faktor gewesen.
       
       Und die Klimapolitik? Die Einschnitte beim sogenannten Heizungsgesetz zum
       Beispiel, mit denen die Bundes-Union kurz vor der Wahl um die Ecke kam?
       „Ich kann mir vorstellen, dass das einen Anteil hatte“, sagt Braun. In
       ihrer Heimat im Schwarzwald hätten sich die Wärmepumpen etabliert. Die
       Leute hätten inzwischen gesehen, dass sie funktionieren, selbst im Winter
       auf 900 Metern Höhe.
       
       Auch die Heizungsbauer hätten sich mit den Vorgaben arrangiert und
       verdienten ihr Geld damit. „Die Menschen brauchen Planungssicherheit. Es
       kommt nicht gut an, dass schon wieder Änderungen kommen sollen“, sagt die
       Grüne. Aber dass das ein Top-Thema an den Wahlkampfständen war – so sei es
       auch wieder nicht gewesen.
       
       ## Die Grünen glaubten selbst, sie hätten es übertrieben
       
       Über die letzten drei Jahre war die Energiewende ein Verliererthema. Den
       Grünen hing besonders das Gebäudeenergiegesetz nach. Es sollte 2023 das
       Ende der fossilen Wärmegewinnung einleiten, Gas- und Ölheizungen
       verschwinden lassen. Das war ein gemeinsames Projekt der Ampel, die
       plötzliche Wut darüber traf aber nur die Ökopartei. Die Grünen standen als
       Ideologen da und kamen am Ende selbst zum Schluss, sie hätten es
       übertrieben.
       
       Friedrich Merz und die Union trug die Kampagne gegen das Gesetz auch noch
       durch den Bundestagswahlkampf. In den letzten Wochen geschah aber etwas
       Bemerkenswertes. Zwölf Tage vor der Wahl in Baden-Württemberg legte
       Schwarz-Rot in Berlin Eckpunkte für die Rückabwicklung der Reform vor. Öl-
       und Gasheizungen sollen weiter eingebaut werden dürfen. Wahlversprechen
       gehalten: Der CDU im Südwesten hätte das Rückenwind geben können.
       Tatsächlich war aber das Presseecho für den Plan verheerend.
       Handwerksverbände protestierten, Umwelt- und Sozialverbände kündigten
       gemeinsam Widerstand an.
       
       Plötzlich standen CDU und CSU als Ideologen da, die es mit dem
       Heizungsgesetz übertreiben – nur andersherum. Zumal im Februar noch mehr
       Pläne aus dem Haus von CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche publik
       wurden. Sie will zum Beispiel die [1][Förderung für neue
       Photovoltaikanlagen auf Dächern streichen]. Und das alles kurz vor dem
       Ausbruch des Irankriegs, durch den jetzt die Preise für Öl und Gas steigen.
       
       Je weiter man sich von Baden-Württemberg entfernt, desto überzeugter
       erklären Grüne: Die Stimmung in Sachen Klimaschutz kippt endlich wieder in
       die andere Richtung und das Wahlergebnis vom letzten Sonntag ist dafür ein
       deutliches Zeichen. Fragte man auf der Wahlparty in der Berliner
       Parteizentrale nach den Erfolgsfaktoren, nannten auch dort alle als Erstes
       Cem Özdemir. Schnell fügten dann aber viele hinzu, dass man sich eine
       bessere Wahlhelferin als Katherina Reiche nicht hätte wünschen können.
       
       ## Heizungsgesetz-Desaster aus der Nähe miterlebt
       
       „Die Eckpunkte der Koalition zum Heizungsgesetz haben bei uns für eine
       Mobilisierung gesorgt“, sagt Michael Kellner auch noch in der Woche danach.
       In der Ampel erlebte er als Staatssekretär unter Robert Habeck dessen
       Heiz-Desaster aus der Nähe mit. Jetzt ist er im Bundestag für das Thema
       zuständig. „Wir haben die Rückkehr des Themas Ökologie in den Wahlkampf
       gesehen. Die Union hat für ihren antiökologischen Kurs eins auf die Nase
       bekommen“, sagt er.
       
       Kellner zufolge hatten daran auch die Grünen im Bund einen Anteil. Die oft
       gehörte Interpretation, sie hätten Cem Özdemir im Wahlkampf vor allem
       dadurch unterstützt, dass sie nicht störten, teilt er nicht. Geholfen
       hätten sie, indem sie die Themen Klima und Energie in Berlin immer wieder
       auf die Tagesordnung setzten.
       
       Tatsächlich schoss sich die Bundestagsfraktion voll auf die
       Regierungsvorhaben ein, erfand den Begriff „Teuer-heizen-Gesetz“. Die
       Bundespartei sammelte für eine Petition gegen Reiches Energiepläne mehr als
       200.000 Unterschriften. Weil das so gut klappte, durften ein paar Ökofirmen
       auf der gleichen Partei-Plattform auch noch einen „Wirtschaftsappell“
       bewerben. Lief ebenfalls super: „Mehr als 1.700 Unternehmen kritisieren
       Reiches Energiepolitik“, titelte der [2][Spiegel] am Tag vor der
       Landtagswahl auf seiner Webseite.
       
       Was für eine Geschichte. Die Union sorgt unfreiwillig dafür, dass sich der
       Wind in der Klimapolitik wieder dreht, und erhält dafür direkt die
       Quittung. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Und vielleicht ist es in
       der Tat zu schön, um wahr zu sein.
       
       ## Drei Mentalitätsspektren, das mittlere entscheidet
       
       Die Forschungsgruppe Wahlen, die Umfragen für das ZDF durchführt, hat nach
       eigenen Angaben keine Daten, die auf einen solchen Zusammenhang hindeuten.
       „Ich wäre da eher skeptisch“, sagt auch Dennis Eversberg. Er ist
       Umweltsoziologe an der Uni Frankfurt am Main und arbeitet zur Frage, wie
       sich die Zustimmung zu ökologischer Politik und Widerstände dagegen
       entwickeln.
       
       Grob heruntergebrochen sieht er in der Gesellschaft drei
       Mentalitätsspektren. Das erste bezeichnet er als „öko-sozial“. Die
       Kernwählerschaft der Grünen rekrutiert sich aus diesem Spektrum. Es sei vom
       Klimaschutz überzeugt, aus der Sicht dieser Menschen dürfte die
       Transformation schneller verlaufen. In den letzten Jahren habe dieses
       Spektrum aber gelitten – durch die Ernüchterung über Kompromisse in der
       Ampel, den Gegenwind für die Klimabewegung und all die anderen Krisen, die
       sich vor die Umweltfragen geschoben haben. Eversberg beschreibt es als
       „isoliert, fragmentiert und orientierungslos“.
       
       Als Gegenpart sieht er das „defensiv-reaktive“ Spektrum. Hier fänden sich
       die Totalverweigerer der Klimapolitik, die häufig die AfD wählten. Sie
       leugneten den Klimawandel oder lehnten zumindest den Klimaschutz ab. Das
       entscheidende Spektrum sei aber ein drittes: das
       „konservativ-steigerungsorientierte“. Hier glaube man an das klassische
       deutsche Wachstumsmodell und habe davon lange profitiert. Dem Spektrum
       gehörten vornehmlich Teile der Mittel- und Oberschicht an. Sie wollten
       ihren Wohlstand und ihre Lebensweise verteidigen, sähen aber auch ein, dass
       es Klimaschutz braucht – grundsätzlich zumindest.
       
       Beides sei gut zusammengegangen, solange im Diskurs die Illusion
       vorherrschte, die Transformation sei ohne spürbare Veränderungen zu haben.
       Spätestens mit dem Gebäudeenergiegesetz der Ampel sei es damit aber vorbei
       gewesen. Im Heizungskeller sollte sich ja doch etwas verändern. Mitten in
       die Inflation sei damit auch noch die Angst vor den Umbaukosten geplatzt.
       Das Wohlstandsversprechen schien gebrochen.
       
       ## Verteidigung des Bewährten wichtiger geworden
       
       Laut Eversberg hat sich in diesem Spektrum die Abwehrhaltung verstärkt:
       Ökofragen hätten an Bedeutung verloren, die Verteidigung des Bewährten sei
       wichtiger geworden. Ein Teil habe sich sogar radikalisiert und den
       Totalverweigerern angenähert.
       
       Das Wahlergebnis in Baden-Württemberg sieht Eversberg gerade als Beleg für
       diese These. Er verweist auf Daten zur Wählerwanderung. Im Vergleich zur
       Landtagswahl 2021 verloren die Grünen laut Infratest dimap 165.000 Stimmen
       an die Union.
       
       „Das spricht dagegen, dass die Leute der CDU wegen der Aufweichung des
       Klimaschutzes davonliefen.“ Der Wahlsieg der Grünen sei dagegen ihren
       Zuwächsen bei ehemaligen SPD-Wähler*innen zu verdanken und diese schiebt
       der Soziologe voll auf Özdemirs Popularität und die Aussicht auf einen
       knappen Wahlausgang, nicht aufs Klima.
       
       Aber könnte es nicht doch sein, dass sich in der Gruppe der Überzeugten
       wieder etwas regt? Dass sich das öko-soziale Spektrum konsolidiert, weil
       die CDU gezeigt hat, was sonst dräut? Der harte Kern, der bei der letzten
       Bundestagswahl nur noch pflichtschuldig grün wählte, ist wieder voll dabei
       und unterschreibt sogar Petitionen. Wer vor einem Jahr frustriert zu Hause
       blieb oder die Linken wählte, weil [3][Gaza] und die Mieten wichtiger
       schienen, kehrt zurück.
       
       ## Denken in Baden-Württemberg wirklich alle, dass sie ihren Wohlstand
       gegen die Energiewende verteidigen müssen?
       
       Und auch bei den konservativen Besitzstandswahrern könnte sich doch etwas
       verschoben haben. Gerade in Baden-Württemberg, wo die Menschen vermehrt
       Solarpaneele auf die Einfamilienhäuser gepackt haben, Kommunen riesige
       Wärmepumpen für die Fernwärme bauen und die Transformation für viele zur
       Geschäftsgrundlage geworden ist. Denken hier wirklich noch alle, ihren
       Wohlstand gegen die Energiewende verteidigen zu müssen? Oder ist der
       Wohlstand mittlerweile nicht eher durch den Versuch bedroht, die
       Energiewende wieder abzuwürgen?
       
       „Es ist schon auch denkbar, dass das konservativ-steigerungsorientierte
       Spektrum zerbricht. Ein Teil nähert sich dem öko-sozialen wieder an, der
       andere bewegt sich noch weiter in die andere Richtung. Das könnte in eine
       neue Polarisierung führen“, sagt Eversberg. Doch selbst wenn es so käme,
       hätte sich das nicht im Wahlergebnis niedergeschlagen. Es brauche seine
       Zeit, bis Reformen bei den Menschen ankämen.
       
       Noch ein Anruf in Baden-Württemberg, diesmal bei einem CDU-Abgeordneten.
       Namentlich will er sich nicht zitieren lassen, in der Union ist man noch
       angespannt. Die Gründe für die Niederlage? Das [4][Rehaugen-Video] habe
       natürlich reingehauen. Und die Einschnitte beim Heizungsgesetz? Nur zwei
       Mal sei er im Wahlkampf negativ darauf angesprochen worden.
       
       Einerseits ernüchternd für hoffnungsvolle Grüne in Berlin: Der große
       Aufstand gegen die Energiepolitik der Union lässt womöglich noch auf sich
       warten. Andererseits zeigt der Wahlkampf: Begeisterung für die Abschaffung
       des Heizungsgesetzes ist bislang kaum zu spüren.
       
       13 Mar 2026
       
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