# taz.de -- Erster migrantischer Ministerpräsident: Vorbild oder Verräter?
> Nicht alle, die mit Cem Özdemir eine Einwanderungsgeschichte teilen,
> freuen sich über seinen Wahlsieg. Die Grüne Jugend stellt sogar
> Forderungen.
(IMG) Bild: Geschafft! Cem Özdemir vor dem Landeswappen Baden-Württembergs im Stuttgarter Landtag
Einige freuen sich sehr über den [1][ersten deutschen Ministerpräsidenten
mit Migrationshintergrund], der bald sein Amt antreten dürfte. Der
deutsch-türkische Musikproduzent Mustafa Gündoğdu alias „Mousse T“, der vor
25 Jahren mit dem britischen Crooner Tom Jones und dem Song „Sex Bomb“
seinen größten Hit landete, übermittelt [2][Cem Özdemir] „meine
Glückwünsche und meinen allergrössten Respekt zu diesem Erfolg“, wie er der
taz ausrichtete. „Cem Özdemir hat bewiesen, dass er es im Wahlkampf kann,
und nun kann er sich auf das konzentrieren, was ihm wirklich am Herzen
liegt, BaWü!“, sagt der 59-jährige Musikproduzent aus Hannover. Und er
bekennt: „Wegen Cem bin ich übrigens 2018 Mitglied bei den Grünen
geworden.“
Die Journalistin und Aktivistin Düzen Tekkal hat Cem Özdemir auf ihrem
Instagram-Kanal schon im Vorfeld öffentlich die Daumen gedrückt. Zur Wahl
ist die 47-Jährige, die eigentlich mal der CDU nahestand, eigens nach
Stuttgart gefahren, um dem Grünen zu gratulieren. In einem Video-Post
sprach Özdemir am Wahlabend in ihre Kamera und verriet, dass er gerade an
seine verstorbenen Eltern „da oben“ denke, die als Gastarbeiter nach
Deutschland gekommen und sich auf der Schwäbischen Alb kennen und lieben
gelernt hätten. Seinen Erfolg betrachte er als eine „Ermutigung für alle
anderen, die sich denken: Kann ich das auch?“, sagte er und fügte, mit dem
Zeigefinger an die Zuschauenden gerichtet, hinzu, „Ihr könnt das auch“.
„[3][Cem Özdemirs Wahl] ist eine Erfolgsgeschichte der
Gastarbeitergeneration“, findet Gökay Sofuoğlu, der Vorsitzende der
Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), einem der größten migrantischen
Dachverbände in Deutschland. „Seine Eltern waren klassische Gastarbeiter“,
hebt der 63-jährige Funktionär aus Fellbach in Baden-Württemberg hervor.
„Das ist für mich eine Normalisierung der Gesellschaft, denn Cem Özdemir
verkörpert die Identifikation mit dem Land.“ Darum sei er „unabhängig
seiner politischen Ansichten ein Vorbild für viele junge Menschen mit
Zuwanderungsgeschichte“, glaubt er.
## Nicht alle lieben Cem Özdemir
Doch nicht alle teilen diese Ansicht. Die Sichtweisen sind gemischt und
hängen stark von politischen Überzeugungen und Erfahrungen ab. Von
erfolgreichen und schon länger in Deutschland lebenden Einwanderern wird
Özdemir positiv als „Pragmatiker“ wahrgenommen. Bei jenen, die eine
liberalere Asylpolitik befürworten und mehr Einsatz gegen Rassismus
fordern, hält sich die Begeisterung über seinen Wahlsieg dagegen in
Grenzen. „Mir ist unverständlich, warum Cem Özdemir hier Zuspruch erhält,
obwohl er mehrfach durch rassistische Aussagen aufgefallen ist und enge
Kontakte zu Rechtspopulisten pflegt“, postete [4][die Frankfurter
NSU-Anwältin Seda Başay-Yıldız] am Sonntagabend auf Facebook. „Er ist schon
lange nicht mehr ‚unser‘ Cem“, fügte die Anwältin bitter hinzu.
Der Unmut hat Gründe. Schon als Özdemir im Herbst 2024 in einem Gastbeitrag
in der FAZ über negative Erfahrungen seiner Tochter mit Migranten
berichtete, brachte er damit Teile der eigenen Partei gegen sich auf, die
das als Stimmungsmache empfanden. „Das ist moralisch schon krass
disqualifizierend“, sagte eine Grünen-Bundestagsabgeordnete damals dem
Spiegel. Dass er seinen CDU-Kontrahenten Manuel Hagel [5][wegen dessen
Spruch über eine Schülerin aus dem Jahr 2018 später beim TV-„Triell“
altväterlich in Schutz nahm], wurde von manchen als Widerspruch dazu
empfunden. Özdemir sprang auch Bundeskanzler Merz nach dessen umstrittenen
„Stadtbild“-Äußerungen teilweise bei, sprach von „archaischen und
patriarchalen Strukturen“ in manchen Migrantenmilieus, bezeichnete die
[6][„Stadtbild“-Debatte] aber auch als „holzschnittartig“.
Im Wahlkampf in Baden-Württemberg hat sich Cem Özdemir für eine stärkere
Steuerung und Begrenzung der Migration starkgemacht. Außerdem kokettierte
er damit, seinen [7][ehemaligen Parteifreund Boris Palmer] nach einem
möglichen Wahlsieg als Minister in sein Kabinett aufzunehmen. Sie
absolvierten gemeinsame Wahlkampf-Auftritte, und Palmer traute Özdemir und
dessen Partnerin Flavia Zaka öffentlichkeitswirksam in seinem Rathaus in
Tübingen.
## Grüne Jugend stellt Forderungen
Nach seinem Wahlsieg verlangt die Grüne Jugend von Cem Özdemir nun, „dass
Boris Palmer als sein bester Kumpel und Trauzeuge eben keine Rolle spielen
darf in der Regierungsbildung, wenn die Grünen Teil der Landesregierung
sind“, sagte deren Sprecher Luis Bobga. Zwischen der Jugendorganisation der
Partei, die linke Positionen vertritt, und Özdemir als Vertreter des
bürgerlichen Realo-Flügels herrscht maximale politische Distanz.
„Die Haltungen und wiederholten rassistischen Äußerungen des ehemaligen
Grünen-Mitglieds Boris Palmer sind mit den Grundwerten unserer Partei
unvereinbar“, heißt es in einem Forderungspapier des Jugendverbands. Palmer
dürfe weder Minister noch Berater in einer künftigen Landesregierung
werden. Außerdem solle sich Baden-Württemberg unter Özdemir aktiv gegen die
von der Bundesregierung geplanten „Sekundärmigrationszentren“ stellen, und
im Bundesrat dürften „keine Verschärfungen der Asyl- und Migrationspolitik
mit grünen Stimmen beschlossen werden.“
Boris Palmer reagierte prompt. Auf Facebook wirft er der Grünen Jugend vor,
sie wolle Özdemir „auf Linie bringen“ und dazu, dass er seine Wahlaussagen
alle wieder einkassiere. Also: „Verbrenner verbieten, Grenzen öffnen,
Abschieben stoppen“. Das aber wäre „ein Betrug an den Wählern und
Baden-Württemberg und an ihm selbst“. Für weiteren Streit ist also gesorgt.
9 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Daniel Bax
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