# taz.de -- Baden-Württemberg: Er war kein grüner Ministerpräsident
       
       > Winfried Kretschmann tritt nach 15 Jahren ab. Die Bevölkerung mochte ihn,
       > die Industrie auch. Was wird von ihm bleiben?
       
 (IMG) Bild: Beim Politischen Aschermittwoch in Biberach bekommt Winfried Kretschmann zum Abschied einen kleinen Grünen
       
       Es ging auf das Ende des Jahres 2020 zu, als ich mit Winfried Kretschmann
       in einem Kabuff der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin saß
       und er erklärte, warum er nach langem Zögern mit 72 doch noch einmal zur
       Wahl antrete. Sinngemäß sagte er, dass er im Wissen um die Grenzen der
       Landespolitik sein erworbenes Kapital in einer letzten Periode einsetzen
       wolle, um wirklich etwas voranzubringen, auch gegen die zu erwartenden
       Widerstände. Am Abend [1][seines grandiosen dritten Wahlsieges] sagte er in
       einem Fernsehinterview auf die Frage, was er denn nun vorhabe, zackig:
       „Klima, Klima, Klima.“ Worauf ihn sein Chefberater stupste und flüsterte:
       „Und was ist mit Wirtschaft, Winfried?“
       
       Nun geht er und eine Frage lautet: Hat Winfried Kretschmann in fünfzehn
       Jahren an der Regierungsspitze von Baden-Württemberg seine Möglichkeiten
       ausgereizt? Klassische Soziallinke, emanzipatorische Linke und auch Ökos
       stürzt man mit der Frage nicht in Grübelorgien. Ihre Antwort:
       Selbstverständlich nicht. Viel zu wenig, viel zu mittig, viel zu
       „wirtschaftsfreundlich“. Andere werden sagen, dass die Kretschmann-Grünen
       sehr verantwortungsvoll mit der Macht umgegangen seien, die ihnen eine
       heterogene Mehrheit erteilt hat, die eben längst nicht nur aus Knallgrünen
       und Ökos bestand.
       
       Interessant wird es aber, wenn enge Weggefährten nicht automatisch Hurra
       rufen, sondern vorsichtig sagen, sie seien „noch nicht zu einem
       abschließenden Urteil“ gekommen. Die Fragen lauten: Was hat Kretschmann
       geschafft, was hat er verändert, warum ist er so populär geworden wie kein
       anderer Grüner und auch kein anderer Ministerpräsident, was kann man von
       ihm lernen?
       
       Ein Samstag im Januar: Der Ministerpräsident auf Abschiedstour spricht vor
       einer vollen Halle in Ellwangen an der Jagst über „Heimat“
       (Transparenzhinweis: mit mir). Es geht von seinem Lieblingsclub VfB und
       Froschkutteln, die er zu Hause im oberschwäbischen Laiz traditionell am
       Faschingsdienstag verzehrt, bis zu der Jüdin Hannah Arendt, die 1933 vor
       den Deutschen aus ihrer Heimat Deutschland fliehen musste. Arendt ist die
       Denkerin, die ihn existenziell verändert hat.
       
       Kretschmann schwäbelt und lateinert, bringt seine bekannten Storys, Pointen
       und Kiekser, aber er nimmt sich auch seine berüchtigten Denkpausen und
       kommt dann mit etwas Neuem und Originärem, sodass im Saal abwechselnd
       Karnevalsstimmung herrscht und dann wieder andächtige Stille. Der könnte
       genauso gut bei der CDU sein, heißt es oft. Warum stimmt das nicht?
       Denkpause. „So ganz falsch isch des gar nicht“, sagt er dann. Lachen im
       Saal.
       
       „Mein Markenkern isch grün, aber ein Minischterpräsident isch doch für alle
       da. Wenn das nicht nur eine Floskel ist, müsste ich auch bei der SPD, FDP
       und bei der CDU sein können. Auch die Leute wollen von mir repräsentiert
       sein.“ Jetzt braust Beifall auf. Alle „kennen“ ihn, aber manche erleben ihn
       nach all den Jahren zum ersten Mal aus der Nähe und nicht medial
       vermittelt. Viele sind, das ergeben zumindest Stichproben, ziemlich
       begeistert. So ein kluger Mann und dabei ganz normal geblieben!
       
       Klug, aber normal: Das erklärt seinen Erfolg bei den Leuten in a nutshell.
       Er erscheint kommunikativ, aber nicht abgehoben, sachlich und doch
       empathisch, zugewandt, aber nicht den Leuten nach dem Mund redend, aber
       immer wohlmeinend und zudem auch noch ehrlich: Alles, was die Forschung
       über bevorzugte Politikstile hergibt, scheint der Mann einzulösen. Und dann
       auch wieder nicht. Denn gleichzeitig entspricht er auch nicht dem, was man
       sich unter einem Spitzenpolitiker vorstellt. „Dass so ein Typ so lange
       Ministerpräsident sein konnte, Hannah Arendt und so, dass so etwas möglich
       ist …“, sagt ein Weggefährte und lässt den Satz unbeendet.
       
       ## Damit hätten Superchecker nicht gerechnet
       
       Hans-Dieter Hasenclever, Fritz Kuhn, Rezzo Schlauch, Dieter Salomon –
       keiner der grünen Superchecker wäre auf die Idee gekommen, dass Kretschmann
       der am längsten regierende Ministerpräsident des Landes werden würde. Auch
       der spätere Vizekanzler Joschka Fischer nicht, der ihn Mitte der 80er als
       erster grüner Minister einer Landesregierung in Hessen als „Bürohansel“
       schurigelte. Anfang der Nullerjahre, als der Landtagsfraktionsvorsitzende
       Salomon sich wegen landespolitischer Perspektivlosigkeit zum OB von
       Freiburg wählen ließ, saß Kretschmann in seinem Büro und wartete, dass
       jemand käme, um ihm die Nachfolge anzutragen. „Kam aber keiner“, sagte er
       mir mal.
       
       War es „die List der Geschichte“, wie Daniel Cohn-Bendit sagt, die den
       außerhalb des Landtags weitgehend unbekannten Kretschmann zum ersten und
       bisher einzigen grünen Ministerpräsidenten in der Geschichte der
       Bundesrepublik machte?
       
       Es kam 2011 einiges zusammen, auch die AKW-Katastrophe in Fukushima, aber
       letztlich hatten die Leute genug von der 58 Jahre regierenden CDU und ihrem
       patriarchalen Politikstil, spätestens als der Kurzzeit-Ministerpräsident
       Stefan Mappus Wasserwerfer gegen baden-württembergische Bürger einsetzte,
       die gegen das völlig aus dem Ruder laufende Bahn- und Immobilienprojekt
       Stuttgart 21 protestierten. Jedenfalls war es sehr schnell Normalität, dass
       Kretschmann und Ministerpräsident eins wurden. Junge Erwachsene kennen das
       gar nicht anders.
       
       Hat er das Bundesland verändert? Philosophisch betrachtet würde ich
       vermuten, dass er die Art und Weise verändert hat, wie Baden-Württemberger
       sich selbst sehen. Wenn wir die Reihe der CDU-Ministerpräsidenten ab den
       1970ern nehmen, angefangen mit dem Ex-Nazi Hans Filbinger, endend mit dem
       nicht satisfaktionsfähigen Mappus, so war das für mindestens die Hälfte der
       Leute sicher nicht identitätsstiftend. Selbst Lothar Späth und Günther
       Oettinger standen letztlich „nur“ für den materialistischen
       Weltmarkt-Schwaben. Keiner ging davon aus, dass sie auch ihren Landsmann
       Hegel gelesen haben könnten.
       
       Und dann Kretschmann, der im Sommer in Griechenland die „Ilias“ im Original
       liest und so Zeug. Und gleichzeitig Schützenkönig im Schützenverein Laiz
       1913 e. V. wurde (1997), der im Zentralkomitee der Katholiken war und
       gleich neben der Kirche wohnt, der ein Hardcore-Öko ist, der Rostbraten
       liebt, der stundenlang über die Schwäbische Alb wandert und jedes Blümchen
       beim (lateinischen) Namen kennt, ein Kind von deutschen
       Weltkriegsflüchtlingen aus dem Osten, lange traumatisiert von seinen Jahren
       in einem katholischen Internat und später in einer totalitären Kadergruppe.
       
       Der Schwabe, die Baden-Württembergerin lernte sich mit Kretschmann selbst
       neu kennen, sah, dass einiges schon auch den Klischees entsprach, die im
       Umlauf sind, aber dass man gleichzeitig sehr viel mehr sein kann. Ich will
       das nicht überstrapazieren, aber in der Zustimmung zu Kretschmann steckt
       auch eine Zustimmung zu sich selbst und seiner regionalen
       Identitätsfacette, aber auch zur Geschichte der Bundesrepublik und der
       kulturellen Vielfalt einer heterogenen Gesellschaft.
       
       ## Topfit, müde, störrisch
       
       In Berlin klagten sie zuletzt auch gern mal, er sei beratungsresistent und
       störrisch geworden, aber womöglich war er das früher auch schon. Manchmal
       wirkt er tatsächlich wie ein müder 77-Jähriger, beim nächsten Mal wieder
       topfit. Interessanterweise ist es so, dass langjährige Mitarbeiter auch im
       sicheren Off nicht über ihn herziehen, ihm auch im Wissen um seine
       Idiosynkrasien eine außergewöhnliche Wertschätzung entgegenbringen und
       immer noch begeistert sind, wenn sie einen neuen Gedanken von ihm
       aufschnappen.
       
       Damit zur Frage, ob und wie er die Grünen verändert hat. Was Wahlerfolge
       und Reichweite in der Gesellschaft angeht, ist das „die größte grüne
       Erfolgsgeschichte“, wie der [2][Ampelvizekanzler Robert Habeck] am Telefon
       sagt. 24,8 Prozent, 30,3 Prozent, 32,7 Prozent, die letzten beiden Male
       stärkste Partei vor der CDU, die SPD marginalisiert, das ist in der ganzen
       EU solitär.
       
       Was Reichweite innerhalb der Partei angeht, sieht es nicht so beeindruckend
       aus. Kretschmann dachte eine Zeit lang, er werde durch seine Art zu
       regieren, stilbildend für die Grünen insgesamt werden. Ein logischer
       Gedanke, sollte man meinen, aber die Berliner Bundespartei und andere,
       denen das nicht in den Kram passte, fanden schnell eine ihnen genehmere
       Logik, die da lautete: Kretschmann funktioniert nur in Baden-Württemberg!
       Subtext: Bei den konservativen Schwaben-Blödis. Anderswo versteht man ihn
       auch gar nicht.
       
       Die entscheidende Frage, der man bis heute ausgewichen ist, lautet aber:
       Ist die Methode Kretschmann übertragbar? Im Schnelldurchlauf: Die Grünen
       starteten als Dagegenpartei (außer in Baden-Württemberg) gegen das schlimme
       „Establishment“ und die Mainstream-Gesellschaft, sie wurden mit Joschka
       Fischer und Rot-Grün zu einer Dafür-und-dagegen-Partei, einerseits
       Verantwortung übernehmend, etwa für den [3][Nato-Einsatz im Kosovo] und das
       Nein zum Irak-Krieg, andererseits eine Art Opposition in der Regierung
       spielend, um die Ströbele-Kundschaft zu bedienen.
       
       Mit Kretschmann in der Staatskanzlei und im Bundesrat wurden die Grünen
       dann zur Verantwortungspartei für die ganze Gesellschaft. Früher sagte man
       „Volkspartei“. Das war eindeutig auch das Vorbild für die Neuaufstellung
       der Bundesgrünen durch Robert Habeck als „Bündnis“-Partei, die Allianzen in
       alle Bereiche der Gesellschaft schließen wollte. „Kretschmann kapieren,
       nicht kopieren“, war die Formel, die der Parteidenker Reinhard Bütikofer
       empfahl. Allein es klappte nur bedingt mit dem Kapieren oder es war
       kulturell zu viel verlangt, vom paradoxen Glauben abzufallen, dass
       Mehrheiten in einer Demokratie nichts Gutes sein können.
       
       Kretschmann und sein langjähriger [4][Spindoctor Rudi Hoogvliet] achteten
       stets sehr genau darauf, die Mehrheit, die Wirtschaft und die Wiederwahl
       nicht zu verlieren. Ihnen sträuben sich immer noch die Nackenhaare, wenn
       sie daran denken, dass Habeck mal die Formel „Radikal ist das neue
       Realistisch“ ausgab. „Maß und Mitte“ ist Kretschmanns Prinzip, und das
       bedeutet, dass von Mehrheiten getragene Politik eben nicht „radikal“ sein
       kann.
       
       ## Das sagen die Kritiker
       
       Bei den Kritikern sieht man das bisweilen anders. Er sei in seiner
       Leistungsbilanz, ähm, etwas „unehrgeizig“ gewesen, heißt es da. In
       Baden-Württemberg zählen sie das Geschaffte auf, in der Umwelt- und
       Klimapolitik den Nationalpark Schwarzwald, die Solardachpflicht für
       Neubauten, das dichte Netz an Ladesäulen, die Wiederbelebung der
       Atomendlagersuche, die symbolpolitisch bemerkenswerte Weltklimapolitik mit
       der globalen Regionenallianz „Under 2-Coalition“, die Kretschmann und sein
       langjähriger Umweltminister Franz Untersteller mit dem legendären
       kalifornischen Gouverneur Jerry Brown hochzogen. Das Signal, das von seinem
       Strategiedialog mit der Autoindustrie ausging, allerdings ohne konkrete
       Erfolge. Auch der Bau von Windrädern kam schließlich doch noch voran. Die
       Pointe besteht darin, dass das nur durch Habeck möglich wurde und dessen
       Reformpolitik als grüner Wirtschaftsminister.
       
       An den beiden Metagrünen, an Kretschmann und Habeck, kann man einiges über
       Reformpolitik erzählen. Der Anspruch der beiden war ähnlich, ökoliberale
       Mehrheiten zu gewinnen oder besser gesagt: Mehrheiten auch für ökoliberale
       Politik. Was Habeck machte, folgte dem Pariser Klimaakommen, dem
       Bundesgerichtshof und dem Koalitionsvertrag, nicht aber den Interessen
       einer großen Industrielobby. Es wurde in dem Kontext von einem großen Teil
       der Mediengesellschaft als desaströs beschrieben, gerade von den
       Unionspolitikern, die sich selbst darauf verpflichtet hatten.
       
       Vor allem CSU-Chef Söder verwendet es immer noch fetischhaft als Emotion
       gegen Zukunftspolitik. Was Kretschmann machte, musste auch gegen andere
       Interessen durchgesetzt werden, aber war nie so, dass es wuchtige
       Blockadekräfte entfaltet hätte, etwa der Autoindustrie. Sicher kann man
       behaupten, dass gerade hier industriepolitisch mehr hätte gehen müssen und
       er die Unterstützung trotzdem nicht verloren hätte, aber man weiß es halt
       nicht.
       
       An einem kalten Winternachmittag vor ein paar Wochen lässt Kretschmann sich
       eine Wallfahrtskirche zeigen. Ihn beschäftigt die Zukunftsfähigkeit von
       sakraler Kunst in zunehmend gottlosen Zeiten. Man hat einen Chor rangekarrt
       von Kindern unter zehn, die erst mal Orientierungsprobleme haben. „Welcher
       ist der Herr Kretschmann?“, fragt eines. Er fällt in der Gruppe nicht auf,
       höchstens dadurch, dass er der Älteste ist.
       
       Nachdem er identifiziert ist, singen sie ihm ein Lied, das „Mut machen“
       soll in dieser Zeit. Die hellen Kinderstimmen rühren alle Anwesenden, ihn
       offenbar auch und er sagt mit belegter Stimme: „Ihr könnt wirklich richtig
       gut singen.“ Danach muss er die Orgel besichtigen und man fragt ihn, ob er
       selbst auch spielen könne. „Wenn ich Orgel spielen könnte, wäre ich
       wahrscheinlich nicht Politiker geworden“, sagt er. Das könnte einfach ein
       Spruch sein, aber bei ihm denken alle immer, dass er auch meint, was er
       sagt.
       
       ## Die richtige Methode?
       
       Und damit zur schwierigsten Frage, nämlich, ob die Kretschmann-Methode ein
       politischer Weg ist, um die Transformation des klassischen
       Baden-Württemberg und der Bundesrepublik in eine ordentliche Zukunft zu
       schaffen – inklusive Arbeitsplätzen und Wohlstand. Nach einer Wahlperiode
       mit dem Junior SPD hatte er sich 2016 gegen eine Ampel und für eine große
       bürgerliche Koalition mit dem Junior CDU entschieden. Bürgerlich ist hier
       wirklich das angemessene Wort.
       
       Zum einen schien ihm diese Ampel in den Sondierungen nicht auf gemeinsame
       Ziele verpflichtbar zu sein – man denke an die spätere Bundes-Ampel –, zum
       anderen sah er die Notwendigkeit, das neue und das alte Bürgertum
       zusammenzubinden, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Auch das war
       geradezu seherisch, wenn man erkennt, wie die CDU nun hin und her gerissen
       ist zwischen einem sozialliberalen, marktwirtschaftlichen und auch
       katholischen Ansatz und dem rechtspopulistisch und turboliberal blinkenden
       Vulgärkonservatismus.
       
       Dagegen und auch gegen einen überholten und inhaltsleeren Konservatismus
       hat Kretschmann seinen „neuen Konservatismus“ gestellt, den er in seinem
       programmatischen Buch „Worauf wir uns verlassen wollen“ skizziert. Sein
       Kern ist das Zusammenwirken von Ökonomie und Ökologie, von Bewahren und
       Gestalten, das Bewahren der Lebensgrundlagen und der Errungenschaften der
       liberalen Moderne, von Heimat und offener Gesellschaft, von Region und
       Europa durch gestaltende Politik, die allerdings – jetzt wird es unangenehm
       – die Leute in die Verantwortung nimmt.
       
       Mit der „Politik des Gehörtwerdens“, also Bürgerbeteiligung, hat er das
       angefangen. Einerseits war es eine ordentliche Antwort auf das CDU-Desaster
       von Stuttgart 21 und den dadurch verursachten Vertrauensverlust der
       Politik. Ich nehme dich ernst, heißt das. Andererseits will er dafür auch
       ernst genommen werden, wenn er Republikanismus fordert, also dass Leute den
       Arsch für das Gemeinwesen hochkriegen. Er sagt das nicht, aber wenn Leute
       ihm vorwerfen, er habe nicht genug getan, dann müssen sie sich auch fragen
       lassen, ob sie selbst genug getan haben.
       
       Bisschen deprimäßig drauf könnte man sagen, Winfried Kretschmann ist eine
       so parteigrenzensprengende Figur, dass dahinter zwar eine breite
       gesellschaftliche Mehrheit zusammenkam, aber eben keine grün-schwarze
       Zukunftsidee und keine Power, die von emanzipatorisch-sozialökologisch bis
       ins bräsig-fossile CDU-Milieu reicht. Es könnte also auch sein, dass er der
       letzte Ministerpräsident der Industrieweltmacht Baden-Württemberg gewesen
       sein wird. Und nach ihm auch hier kleinere Brezeln gebacken werden.
       
       Auch wenn er in Ellwangen aus Sicht des gesamtgesellschaftlich handelnden
       Ministerpräsidenten nicht ausgeschlossen hat, auch in der CDU sein zu
       können, so ist die Antwort: Nein. So einen liberalökologischen Freigeist
       gibt die CDU derzeit einfach nicht her. Und die Grünen auch nur, wenn so
       einer Wahlen gewinnt, was bisher eben nur Kretschmann gelungen ist. Er war
       kein grüner Ministerpräsident, er war das Scharnier zwischen den grünen
       Zielen und der Mehrheitsgesellschaft. Durch [5][genau diesen Ansatz] hat
       Cem Özdemir eine reelle Chance, sein Nachfolger werden.
       
       Und nun? Die einen sagen, ihm sei himmelangst bei dem Gedanken, dass er
       künftig zu Hause sitzen müsse. Die anderen sagen, man merke jetzt schon,
       wie befreit er sei, weil er das Amt endlich hinter sich lassen kann. Fast
       alle, die man fragt, was von Kretschmann bleiben werde, sagen als Erstes:
       „Sein Stil.“
       
       Die einen lassen es dabei, andere konkretisieren es, aber am
       interessantesten scheint mir Lukas Beckmann zu sein, Grünen-Gründer und
       Weggefährte, weshalb ihm das Schlusswort gebührt. „Es war nicht die List
       der Geschichte, es war nicht Fukushima und nicht Mappus“, sagt Beckmann,
       „es ist die Wucht der Verbindung von Ökologie und regionaler Kultur,
       Philosophie und Lebenspraxis, die ihn so überzeugend macht.“
       
       Im Sinne des deutschen Philosophen und Verantwortungsethikers Hans Jonas,
       dass das Geistige die Wirklichkeit vorbilde, stelle er nicht als Erstes die
       Frage: Was müssen wir jetzt tun? Davor kommt für Winfried Kretschmann die
       Frage: Wie muss ich denken, um das Richtige tun zu können?
       
       6 Mar 2026
       
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