# taz.de -- SPD-Außenexperte über Iran-Krieg: „Das untergräbt die internationale Ordnung“
> Trotz aller Erleichterung über den Tod von Ali Chamenei bleibe der Krieg
> gegen Iran völkerrechtswidrig, sagt der SPD-Außenexperte Adis Ahmetovic.
(IMG) Bild: „Wenn Völkerrecht gebrochen wird, gilt es, dies zu benennen“: Adis Ahmetovic, Außenexperte der SPD-Fraktion im Bundestag
taz: Herr Ahmetovic, wie schauen Sie auf das, was gerade in Iran passiert?
Adis Ahmetovic: Zunächst kann ich menschlich nachvollziehen, dass viele
Iranerinnen und Iraner, auch in meiner Heimatstadt Hannover, nach diesen
jahrzehntelangen Repressionen und dieser brutalen Gewalt des iranischen
Regimes erleichtert und [1][froh über den Tod des Tyrannen Ali Chamenei]
sind. Er hat das Land in den Abgrund geführt. Gleichzeitig gibt es aber
auch viele Menschen, die Angst haben vor dem, was jetzt in Iran um im
ganzen Nahen Osten passieren wird.
taz: Sind Sie erleichtert?
Ahmetovic: Keiner weint diesem iranischen Führer eine Träne nach, der
jahrzehntelang nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern die ganze Region
terrorisiert hat. Aber trotz dieser emotionalen Komponente bin ich
deutscher Außenpolitiker, überzeugter Europäer und Sozialdemokrat. Und da
blicke ich natürlich mit großer Sorge auf diesen von Israel und den USA
begonnenen Krieg sowie die iranischen Gegenschläge. Da gibt es mehrere
Dimensionen.
taz: Fangen wir mit der rechtlichen an.
Ahmetovic: Dieser Angriff ist nach Meinung von vielen Experten
völkerrechtswidrig. Er verstößt selbst gegen das nationale Recht in den
USA, weil es keinen Beschluss des Kongresses gab. Zudem war ja nicht das
Hauptmotiv, das Nuklearprogramm zu stoppen. Nach Trumps Worten geht es eher
um einen Regime Change. Was daraus normativ folgt, ist noch mal ein anderer
Punkt.
taz: Und was folgt daraus?
Ahmetovic: Daraus folgt, dass wir uns in einer sehr komplexen Situation
befinden. Wir wissen einerseits, [2][dass die Angriffe nicht im Einklang
mit dem Völkerrecht stehen]. Und wir erleben erneut, dass Diplomatie und
internationale Regeln an Bedeutung verlieren und militärische Gewalt schon
wieder Fakten schafft. Das ist eine gefährliche Entwicklung im Grundsatz,
weil sie die internationale Ordnung untergräbt. Wir als liberale Demokratie
sind aber eben auf diese angewiesen. Und natürlich teile ich die Sorgen,
weil zurzeit keiner so richtig weiß, was jetzt in Iran und in der gesamten
Region noch folgen wird.
taz: Was befürchten Sie?
Ahmetovic: Mir erschließt sich noch keine mittel- und langfristige
Strategie von Trump und Netanjahu. In Iran geht noch immer die gesamte
Staats- und Militärgewalt von den Mullahs und den Revolutionsgarden aus.
Durch Luftangriffe allein wird ein Regime Change nur schwer möglich sein.
Die iranische Regierung hat mit [3][Vergeltungsschlägen auf neun Länder in
der Region] geantwortet, nicht nur auf US-Basen, sondern auch auf zivile
Ziele. Das ist nicht nur ein Bruch des Völkerrechts, sondern das sind
Kriegsverbrechen. Es droht ein Flächenbrand, der nicht nur für die Region,
sondern auch für uns in Europa sehr, sehr gefährlich ist.
taz: Die Bundesregierung hat sich bisher zu den Angriffen der USA und
Israels nicht klar positioniert, wieder einmal. Ist es aus ihrer Sicht
richtig, wie Kanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul sich
verhalten?
Ahmetovic: Der Bundeskanzler und der Außenminister befinden sich in einem
Spannungsverhältnis, [4][das war mit Blick auf Venezuela ähnlich]. Sie
wollen es sich mit den USA und diesem sehr erratischen Präsidenten Trump
wegen wechselseitiger Abhängigkeit nicht verscherzen. Als Parlamentarier
können und müssen wir uns klarer äußern. Und für mich bleibt die
völkerrechtliche Perspektive trotz aller Abgesänge durch andere wichtig.
Wenn Völkerrecht gebrochen wird, gilt es, dies zu benennen. Passiert das
nicht, führt man es ad absurdum und schaut der gefährlichen Erosion nur zu.
taz: Was erwarten Sie von der Bundesregierung?
Ahmetovic: Dass wir alles daran setzen, dass Diplomatie diesen Krieg
ablöst, dass man an den Verhandlungstisch zurückkehrt, die Zivilbevölkerung
schleunigst schützt und die Situation in der gesamten Region stabilisiert
bekommt.
taz: Deutschlands Einfluss allerdings ist sehr begrenzt. Der Kanzler reist
am Montag nach Washington. Was erwarten Sie von Merz persönlich in dieser
Situation?
Ahmetovic: Dass er mit Trump über die Gefahren dieses Krieges spricht und
deutlich macht, dass wir für eine Deeskalation und für keine weitere
Ausweitung des Krieges sind. Dieser regionale Konflikt muss diplomatisch
gelöst werden. Außerdem muss sich das Auswärtige Amt um die vielen Menschen
aus Deutschland kümmern, die gerade in der Region unterwegs sind. Ich
erhalte zahlreiche Anfragen, unter anderem von Eltern, deren Kinder dort
ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviern und jetzt nicht zurück nach Hause
kommen. Wir brauchen dringend Unterstützungspläne.
1 Mar 2026
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