# taz.de -- Iran: Der Diktator ist tot, es lebe die Diktatur!
       
       > Nachts feiern die Menschen, dass ihr Unterdrücker Ali Chamenei endlich
       > tot ist. Tagsüber trauern seine Anhänger. Ist das Regime nun besiegt?
       
 (IMG) Bild: Diktator tot, Anhänger traurig: Teheran, 1. 3. 26
       
       Um die Realität anzuerkennen, brauchte das iranische Regime ein wenig. Erst
       in den frühen Morgenstunden erklärte ein Nachrichtensprecher in den
       Staatsmedien den Tod des Obersten Führers Ali Chamenei – und brach vor
       laufender Kamera in Tränen aus.
       
       Zu diesem Zeitpunkt waren regimekritische Iraner, die sich nicht auf die
       Staatsmedien verlassen, längst zu Tausenden auf den Straßen und feierten.
       Ein Mann, dem es trotz [1][Netzsperre] gelang, sich über Starlink kurz mit
       dem Internet zu verbinden, schreibt der taz: „Auf unseren Straßen ist
       gerade eine f***ing Party!“
       
       Videos zeigen ein Land im Jubeltaumel. Menschenmassen fluten die zentralen
       Plätze und Boulevards, zünden Feuerwerkskörper an und tanzen. „Ali die
       Maus, ist tot!“, rufen sie, in Anspielung auf Chameneis Bunker, in dem er
       sich im letzten Jahr häufig zurückgezogen hatte – wie eine Maus in ihr
       Mauseloch, spotteten viele Menschen im Land.
       
       Auch unter Exil-Iranern ist die Freude über den Tod des Diktators groß. In
       Berlin haben am Samstag einige Hundert von ihnen spontan eine Kundgebung
       angemeldet und am Kurfürstendamm gefeiert. Widerstandslieder werden
       gesunden, vor Freude weinend fallen die Menschen sich in die Arme, manche
       schwenken die vorrevolutionäre Flagge mit Sonne und Löwe und werfen eine
       Ratte aus Plüsch in die Luft, die Chamenei symbolisiert. „Heydar, heydar,
       Chamenei par par“, singen sie dazu, was sich übersetzen lässt als: „Bye bye
       Chamenei“. Am Ende der Kundgebung gibt es „Dankeschön“-Sprechchöre für die
       Polizei.
       
       ## Nur ein vorläufiges Aufatmen
       
       Im Gespräch mit Teilnehmern wird allerdings schnell klar, dass diese Freude
       nur ein vorläufiges Aufatmen ist. Viele sind nervös, was die nächsten Tage
       bringen. Hoffnung und Angst wechseln sich ab. „Ich habe Millionen Gefühle
       in mir“, sagt eine Demonstrantin. Eines scheint hier allen bewusst zu sein:
       Ali Chamenei mag tot sein, aber das totalitäre System, das er anführte, ist
       damit nicht beseitigt.
       
       Seit Monaten hat sich das Regime auf diesen Moment vorbereitet. Noch kurz
       vor dem Angriff der USA und Israel hatte Chamenei seinen treuen Gefolgsmann
       Ali Larijani zum vorläufigen „starken Mann“ erklärt, der im Falle seines
       Todes die wichtigsten Entscheidungen im Land treffen soll. Außerdem hatte
       der Oberste Führer für jede wichtige Machtposition im Regime vier
       aufeinander folgende Nachfolger bestimmt.
       
       Die iranische Diktatur ist, im Gegensatz zum gestürzten Assad-Regime in
       Syrien, kein Einmannprojekt, sondern ein Organismus mit vielen
       nachwachsenden Köpfen. Das Machtgefüge der Islamischen Republik besteht aus
       drei Säulen: dem Obersten Führer, den Revolutionsgarden und der offiziellen
       Regierung. Zumindest eine Säule ist mit dem Tod Chameneis nun angeschlagen.
       
       Als Nachfolger kursieren mehrere Namen, etwa der frühere Präsident Hassan
       Ruhani, Chameneis Sohn Mojtaba, der als Mann der Revolutionsgarden gilt –
       und Hassan Chomeini, Enkel des ersten Revolutionsführers.
       
       Laut der Verfassung der Islamischen Republik muss es sich beim Obersten
       Führer um einen hochrangigen Kleriker handeln, zugleich braucht er reale
       Macht. Eine Person, die beides erfüllt, ist bisher nicht in Sicht. Bis sie
       gefunden ist, übernimmt ein Interimsrat die Führung. Darin sitzen Präsident
       Masud Pezeshkian, der Justizchef Gholamhossein Mohseni Ejei und ein
       Mitglied des Wächterrats, der heute Vormittag festgelegt wurde: der
       Hardliner und Ajatollah Alireza Arafi. Wie viel die drei aktuell
       tatsächlich zu sagen haben, ist unklar. Und eine langfristige Lösung ist
       das nicht.
       
       Als Übergangsführer in Stellung bringt sich zudem schon länger Reza
       Pahlavi, der im Exil lebende Sohn des 1979 gestürzten Schahs. Am Sonntag
       rief er die Sicherheitskräfte zum Umsturz auf.
       
       ## Indoktrinierte Basis
       
       Nicht zu unterschätzen ist die Basis teils stark indoktrinierter
       Unterstützer, die weiterhin an das Projekt der Islamischen Republik glaubt.
       Ihr Anführer ist tot, [2][aber das System, an dem sie mit religiöser
       Inbrunst festhalten, steht noch immer].
       
       Nachts gehörten die iranischen Straßen zwar denjenigen, die den Tod ihres
       Unterdrückers bis in die frühen Morgenstunden gefeiert haben. Doch tagsüber
       mobilisierte das Regime seine Anhänger, um auf Massenkundgebungen den Tod
       Chameneis zu betrauern. Auf dem Revolutionsplatz in Teheran und auf dem
       Naqsche-Jahan-Platz in Isfahan sind Tausende Regimeanhänger, die für den
       „Märtyrer“ Chamenei Präsenz zeigen und Amerika den Tod wünschen.
       
       Das mag zwar nur eine Minderheit sein, es sind aber dennoch Millionen.
       Solange es keine Austritte aus Armee und Sicherheitsbehörden gibt oder gar
       einen Volksaufstand – wie Trump und [3][Netanjahu] es sich wünschen –,
       bleibt diese Minderheit mit allen Mitteln ausgestattet, um sich im Sattel
       zu halten.
       
       1 Mar 2026
       
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