# taz.de -- Kanzler Merz in China: Die neue Normalität
> Der Kanzler bemüht sich während seines Besuchs in China um eine Balance
> zwischen Freundlichkeit und Kritik. In zentralen Fragen gibt es keine
> Einigung.
(IMG) Bild: Zumindest bei Tisch wird der deutsche Kanzler in China hofiert
Als Friedrich Merz auf dem roten Teppich in die große Halle des Volkes
einmarschiert, wird er standesgemäß mit militärischen Ehren begrüßt. Beim
anschließenden Gespräch fallen die diplomatischen Bandagen jedoch schnell.
Der deutsche Kanzler verhandelt mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Li
Qiang die ganz großen Streitthemen: faire Wettbewerbsbedingungen,
Überkapazitäten, Seltene Erden. Ganz offensichtlich hält Merz ein, [1][was
er im Vorfeld seines Antrittsbesuchs in China angekündigt hat] – den
„offenen Dialog“ mit Peking zu suchen.
Immerhin einen Konsens gibt es zwischen beiden Seiten: dass man das
bilaterale Verhältnis gemeinhin als angespannt wahrnimmt. Aus europäischer
Sicht bedeutete vor allem der Ukrainekrieg eine Zäsur im Umgang mit China.
Die Volksrepublik liefert bis heute einen Großteil der Industriegüter, die
Wladimir Putin für seine Kriegsmaschinerie benötigt. Sie hält die russische
Wirtschaft mit Ölimporten am Laufen und auch rhetorisch stellt sich Peking
an die Seite Moskaus.
Wirtschaftlich haben die Beziehungen ebenfalls deutlich nachgelassen,
zumindest aus deutscher Sicht. Die Exporte nach China befinden sich in
einer anhaltenden Abwärtsspirale, während umgekehrt chinesische Produzenten
immer mehr nach Deutschland verkaufen.
„Kaum ein anderer Ort entwickelt sich so schnell in Bereichen wie
Elektromobilität, Software, künstlicher Intelligenz und Batterietechnologie
– China gibt das Tempo vor und setzt Standards“, sagt Ralf Brandstätter,
der das Chinageschäft für Volkswagen leitet. In der Autobranche spiegelt
sich das neue Kräfteverhältnis am deutlichsten wider: VW war lange Zeit der
Marktführer auf dem chinesischen Markt, bei E-Autos spielt man nurmehr in
der zweiten Reihe mit.
## Unfaire Methoden
Der Siegeszug der Chinesen hat allerdings auch mit unfairen Methoden des
Pekinger Staatskapitalismus zu tun – darunter regelwidrige Subventionen,
Marktbarrieren gegen ausländische Unternehmen und eine künstlich niedrig
gehaltene Währung.
Wenn sich Merz bei jenen strukturellen Konflikten ein Entgegenkommen von
der chinesischen Seite erhofft hatte, so wurde er bitter enttäuscht.
Premier Li Qiang, der die Wirtschaftsgeschicke der Volksrepublik leitet,
sprach lediglich davon, angesichts von „Veränderungen in der
internationalen Lage“ die bilateralen Beziehungen weiterzuentwickeln. Im
Klartext bedeutet dies: China erwartet, dass Deutschland sich von den USA
unter Donald Trump emanzipiert und stärker mit dem Reich der Mitte
kooperiert.
Immerhin ein paar konkrete Deals wird Merz mit nach Berlin nehmen können:
So möchte China 120 weitere Flugzeuge bei Airbus bestellen, hieß es am
späten Mittwochabend (Ortszeit).
Zumindest muss man dem CDU-Politiker zugutehalten, dass er die Balance
gehalten hat zwischen kritischen Themen und freundlicher Rhetorik. Der
Kanzler bemüht sich offensichtlich, mit der chinesischen Seite eine neue
Normalität zu etablieren. Dazu gehört auch, dass beide Regierungen ihre
traditionellen Konsultationstreffen wieder aufnehmen, die im Zuge der
Pandemie zum Erliegen kamen.
## Handschlag fiel steif aus
Als Merz dann in den Abendstunden auf Staatschef Xi Jinping traf, fiel der
Handschlag vor den Pressefotografen noch etwas steif aus. Warm wurden die
beiden miteinander erst im Gespräch. „Es gibt Herausforderungen, über die
wir auch heute sprechen sollten. Aber der Rahmen, in dem wir uns bewegen,
ist ein außerordentlich guter“, sagte Merz zu Xi.
Als der deutsche Kanzler auf die schwierigen Themen zu sprechen kam,
flüchtete sich der chinesische Parteichef – wie allzu oft – in vage
Allgemeinplätze. Zum [2][Ukrainekrieg] wiederholte Xi etwa seine Position,
„die berechtigten Anliegen aller Seiten zu berücksichtigen, die
Friedensbereitschaft zu stärken, die Verwirklichung gemeinsamer Sicherheit
sicherzustellen und einen dauerhaften Friedensrahmen aufzubauen“.
Friedrich Merz versuchte vergeblich, die Äußerungen des 72-Jährigen als
Erfolg zu verkaufen: „Ich will ausdrücklich das chinesische Bekenntnis zum
Frieden in der Region begrüßen, das ich heute gehört habe“, sagte er. Doch
Fakt ist: Auch [3][im fünften Jahr des Ukrainekriegs] wird Xi wohl seinem
Juniorpartner im Kreml weiterhin den Rücken stärken.
Nach einem langen politischen Tag in Peking wird deutlich, dass es keinen
erneuten Frühling im deutsch-chinesischen Verhältnis geben wird. Peking
pocht darauf, über ökonomische Fragen zu sprechen und die politischen
Differenzen außen vor zu lassen. Merz hingegen besteht darauf, dass sich
die zwei Sphären im Umgang mit China nicht trennen lassen.
Bereits im Vorfeld seiner Reise hat er sich wiederholt kritisch gegenüber
dem chinesischen Staat geäußert – sehr zum Missfallen Pekings. „Plötzlich
sehen wir, dass China anders als in den letzten 3.000 Jahren der
chinesischen Geschichte aggressiv im Südchinesischen Meer Stützpunkte
ausbaut, Taiwan einkreist und offen erklärt, dass es notfalls bereit wäre,
mit militärischer Gewalt die sogenannte Wiedervereinigung Chinas
herbeizuführen“, sagte Merz beim politischen Aschermittwoch in Trier. Und
auf der Münchner Sicherheitskonferenz warf er China vor, Abhängigkeiten
systematisch auszunutzen und die internationale Ordnung „in seinem Sinne“
neu umzugestalten.
Besonders bitter aufgestoßen ist im Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai
jedoch eine andere Tatsache: dass Friedrich Merz für seinen Antrittsbesuch
nach China derart lange gewartet hat – und es vorgezogen hatte,
[4][zunächst nach Indien] zu reisen.
25 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Kretschmer
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